Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute mit dem düsteren Wirtschaftsausblick von Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing und seiner Ruckrede, wie es besser werden kann.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

derweil die Medien sich in diesem Wahlkampf vornehmlich mit frisierten Lebensläufen und kopierten Buchpassagen beschäftigen, treibt viele unternehmerisch denkende Menschen aus Mittelstand, Großindustrie und Hochfinanz der Zustand des Landes um.

Erst kürzlich hatte der Aufsichtsratsvorsitzende der Linde plc, Wolfgang Reitzle, anlässlich der Auszeichnung mit dem Ludwig-Erhard-Preis gesagt:

"Wenn wir den Gerechtigkeitsbegriff als Gleichheit definieren, dann ist im Umkehrschluss Ungleichheit immer ungerecht. Diese Art zu denken bedeutet Gift für das Freisetzen dynamischer Märkte."

Nun meldet sich Deutsche Bank-Vorstandschef Christian Sewing zu Wort. Auf dem Petersberger Sommerdialog, einem von Johannes Ludewig, einst Wirtschaftsberater von Bundeskanzler Helmut Kohl, initiierten Meinungsaustausch, hielt er in vertraulicher Runde eine leidenschaftliche Ruckrede. Er forderte im Kreise europäischer Geld-Experten, Wirtschaftsführer und Spitzenpolitiker zur selbstkritischen Standortbestimmung auf, um auf dieser Plattform ein Jahrzehnt der Modernisierung zu beginnen. Mit dem Einverständnis von Sewing und Ludewig dokumentieren wir heute auf ThePioneer.de diese Klartext-Rede. Hier vorab die wichtigsten Passagen.

Sewing startete seine Ausführungen mit einer schonungslosen Analyse des Ist-Zustandes:

"Deutschland ist immer noch die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt – wurde in den vergangenen 20 Jahren aber bereits von China überholt, auf absehbare Zeit wird auch Indien vorbeiziehen. "

"Mit Kalifornien könnte uns – wenn es bei den aktuellen Wachstumsraten bleibt – in einigen Jahren ein einzelner US-Bundesstaat hinter sich lassen. "

Auch im Unternehmensbereich diagnostizierte er einen Druckabfall:

"Im Jahr 2000 kamen noch 41 der 100 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt aus Europa – heute sind es nur noch 15."

Technologisch präsentiere sich die größte europäische Volkswirtschaft in keinem guten Zustand:

"Während in Deutschland nur ein Viertel der Internetanschlüsse auf eine Übertragungsrate von mehr als 100 Megabit kommen, sind es in Südkorea mehr als 90 Prozent, in Schweden knapp 80 Prozent, in den USA gut 60 Prozent. "

Es bedürfe keiner hellseherischen Fähigkeit, sagte er, um vorherzusagen:

"Wir werden weiter an Boden verlieren, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert."

Für Sewing ist der relative Abstieg Deutschlands auch eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Haltung:

"Wir nehmen es zu selbstverständlich hin, dass die Lage so ist, wie sie ist; dass Europa zwar noch sehr reich ist, aber eben nicht mehr ganz vorn mitspielt; dass wir zwar ein attraktiver Absatzmarkt sind, aber die Wertschöpfung zunehmend woanders erfolgt."

Sein Diktum richtet sich auch an die politische Klasse:

"Wir befinden uns in einem Standort-Wettbewerb – vor allem mit 330 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten, mit 1,4 Milliarden Chinesen und bald auch mit ebenso vielen Indern."

Zu wenige – auch in Berlin – würden diese unbequemen Fakten bisher als Weckruf für sich interpretieren. Was bedeute es für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit, fragte er in die Runde, wenn die letzte wirklich große Reform in Deutschland – die Agenda 2010 – fast 20 Jahre her sei.

Sein Fazit:

"Es ist Zeit für einen Ruck in Deutschland und Europa, um einmal die Formulierung unseres früheren Bundespräsidenten zu bemühen. Und zwar jetzt. 2021 und 2022 sind Jahre der Richtungsentscheidungen. Für Deutschland – aber letztlich auch für Europa. Denn es geht in diesem Superwahljahr nicht nur ums Kanzleramt. Es geht darum, welche Wirtschaftspolitik, ja: welche Wirtschaftsordnung das kommende Jahrzehnt prägen soll."

Er ermunterte alle kritischen Geister – in der Wirtschaft, im Kulturleben, in der Zivilgesellschaft – sich an der großen Reformdebatte zu beteiligen:

"Innovation entsteht nicht dadurch, dass alle dasselbe denken, dass alle denselben Hintergrund haben. Innovation entsteht aus dem Wettstreit von Ideen. Aus intellektueller Diversität. Aus der Freiheit heraus, diese Diversität verwirklichen zu dürfen. Und wenn es eine Region in der Welt gibt, die divers ist und trotzdem auf gleichen Werten basiert – dann ist es unser Europa."

Die gesamte Rede, in der Sewing konkrete Vorschläge für die Themen Bildung und den europäischen Kapitalmarkt unterbreitet und seinen europäischen Lösungsansatz begründet, lesen Sie auf ThePioneer.de. Pflichtlektüre für alle, die Kanzler oder Kanzlerin werden wollen.

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in das Wochenende. Bleiben Sie mir gewogen. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.