Nach der Ankündigung des Mega-Streiks der GDL in den kommenden Tagen zeigt sich in der Presse ein einheitliches Bild: Die Lokführer handelten "rücksichtslos", "dreist" und hätten "jedes Maß verloren", echauffieren sich verschiedene Medien.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Die Lokführergewerkschaft GDL ist nicht mehr zu bremsen. Sie lässt den Tarifkonflikt, der eigentlich ein Organisationskonflikt mit der konkurrierenden Eisenbahnergewerkschaft EVG ist, in einem mehr als viertägigen Stillstand auf der Schiene eskalieren. Als Angestellte eines Staatskonzerns, der immer noch teilweise Monopolstellungen hält, handeln die Lokführer leider aus einer Position besonderer Stärke, die sie offensichtlich zu besonderer Rücksichtslosigkeit ermutigt. Welche Folgen der Streik in anderen Unternehmen im Lande anrichtet, weil Produktionsabläufe gestört werden, ist den Lokführern herzlich egal."

Süddeutsche Zeitung: "Selbstverständlich hat die GDL das Recht, für alle ihre Mitglieder Tarifgespräche zu führen. Anders als Weselsky es darstellt, spricht die Bahn ihr das auch gar nicht ab. Alles, was sie fordert, ist ein bisschen guter Wille zur Kooperation - von der GDL genauso wie von der EVG. Wem wäre auch damit gedient, wenn im Betrieb Zwietracht herrscht, weil die einen Kollegen längere Schichten haben als andere, die anderen dafür aber kürzere Wochenenden? Ein gutes Ziel, um dafür tagelang zu streiken, ist das jedenfalls nicht."

Hamburger Abendblatt: "Gewerkschaftschef Weselsky will die Konfrontation; die GDL ist auf Amokfahrt. In diesem Tarifkonflikt, der in Wahrheit ein Machtkampf ist, nun vier Tage die Arbeit niederzulegen, zeugt von grandioser Selbstüberschätzung und minimalem Geschick zugleich. Weselsky verspielt alle Sympathien - und wohl jede Chance auf einen Sieg."

Die besten Twitter-Kommentare zum #Bahnstreik.

Der Tagesspiegel: "Mit seinem Crashkurs ohne Rücksicht auf Verluste richtet Claus Weselsky immer größeren Schaden an. Die GDL will Stärke beweisen und so den Zugbegleitern und anderen Bahn-Beschäftigten zeigen, dass sie bei der Lokführergewerkschaft besser aufgehoben wären als bei der Konkurrenztruppe EVG. Die Tarifforderungen nach mehr Geld, die auch noch im Raum stehen, laufen verglichen mit dem Kampf um Macht und Einfluss unter ferner liefen, sie bieten der Gewerkschaft nur das rechtliche Alibi für den Streik. Doch das ist riskant. Denn das Streikrecht ist ein hohes Gut. Es ist verfassungsrechtlich geschützt und soll Waffengleichheit zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern garantieren. Es setzt aber auch Augenmaß voraus. Streiks, damit sich kleine Gewerkschaften endlich mal groß fühlen, gehören nicht dazu."

Offenburger Tageblatt: "Der Vorstand der Deutschen Bahn weiß, dass Weselsky der Fahrtwind der öffentliche Meinung voll ins Gesicht bläst. Deswegen wird er den Forderungen der GDL, auch für das übrige Zugpersonal Tarifverträge aushandeln zu dürfen, niemals nachgeben. Damit hat Claus Weselsky seine Gewerkschaft endgültig auf dem Abstellgleis geparkt. Um aus dieser vertrackten Situation wieder rauszukommen, wird der GDL gar keine andere Wahl bleiben: Sie muss die Position, das Verhandlungsmandat auszuweiten, endgültig aufgeben. Mit Weselsky wird das schwer möglich sein. Deswegen muss es ohne ihn gehen. Die Gewerkschaft braucht dazu einen Lokführer, der sich dem Sachsen in den Weg stellt."

Berliner Morgenpost: "Es sollte ein Wochenende werden, an dem die Welt noch einmal nach Berlin schaut - und eine Weltstadt sieht, die an den friedlichen Fall der Mauer vor 25 Jahren erinnert. Zwei Millionen Gäste aus aller Welt werden in Berlin erwartet. Eigentlich ein Tag der Freude. Aber es gibt offenbar einige wenige, die den Anlass nutzen, um größtmöglichen Schaden anzurichten: die Gewerkschaft der Lokführer (GDL). Der Streik ist in dieser Art und Weise - man muss es so sagen - eine Frechheit."

Kieler Nachrichten: "Nicht die Bahn ist Weselskys eigentlicher Gegner, sondern die Konkurrenzgewerkschaft EVG. Mit dem Versuch, den Konzern zu einem Abschluss nicht nur für die Lokführer, sondern für das gesamte Zugpersonal zu zwingen, missbraucht die GDL ein Grundrecht. Das Ziel: Machtmaximierung. Wer so überdreht, verdient die klare Rückmeldung von Politik und Bahnkunden gleichermaßen: Schluss jetzt!"

Neue Osnabrücker Zeitung: "Wer stoppt die Lokführer? Unter der Führung ihres Gewerkschaftsvorsitzenden Claus Weselsky haben sie jedes Maß verloren. 98 Stunden lang wollen sie den Personenverkehr bei der Bahn lahmlegen, 109 Stunden lang den Güterverkehr. Das wird bittere Folgen haben. Leidtragende sind nicht nur Zehntausende von Reisenden und zahllose Unternehmen, die für ihre Produktion auf pünktliche Transporte angewiesen sind. Darüber hinaus droht der bewährten Sozialpartnerschaft Schaden. Deutschland, das war bisher das Land verlässlicher und verantwortungsvoller Gewerkschaften, die den Arbeitgebern harte, aber faire Partner waren. Doch was macht die GDL? Aus reiner Geltungssucht treibt sie einen Tarifstreit auf die Spitze, der längst hätte beendet werden können."

Badische Zeitung: "Das Land wird vier Streiktage überstehen. Aber wie geht es dann weiter? Dauert der nächste Streik zwei Wochen und gefährdet die Industrieproduktion massiv? Es gibt nur zwei realistische Szenarien. Entweder knickt die Bahn ein und schließt konkurrierende Tarifverträge mit beiden Bahngewerkschaften ab oder es wird ein Kompromiss erzielt, bei dem die beiden Gewerkschaften ein Prozedere für gemeinsame Verhandlungen vereinbaren. Das wäre vernünftig. Mit der aktuellen GDL-Führung wird das indes nicht möglich sein. Sie siegt auf ganzer Linie oder wird aufs Abstellgleis geschoben. Wenn sie sich nicht bewegt, gehört sie dort auch hin."

Südwest Presse: "Eine kleine Gruppe muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sie schikaniere ganz Deutschland. GDL-Chef Claus Weselsky will nicht ernsthaft verhandeln, sondern seine Forderungen zu 100 Prozent durchsetzen: Er will einen Tarifvertrag nicht nur für die Lokführer, sondern für das gesamte Zugpersonal. Da habe die GDL die Mehrheit, behauptet Weselsky einfach. Doch den Nachweis verweigert er. Das ist genauso dreist wie sein gesamtes Vorgehen in dem Kampf mit der Deutschen Bahn. Die Situation ist im wahrsten Sinne des Wortes verfahren."

Darmstädter Echo: "Die Bahn kann dem Erpressungsversuch der GDL nicht nachgeben. Sonst macht sie sich die andere Gewerkschaft zum Feind - mit unabsehbaren Folgen. Eine Lösung des Konflikts muss aus der GDL selbst kommen. Für die Lokführer hat sie in den vergangenen Jahren eine Menge erreicht. Das alles setzt die Spitze aber nun aufs Spiel. Sollte Claus Weselsky nicht selbst zur Vernunft kommen, tun dies hoffentlich die Mitglieder. Oder wollen sie sich für die Alles-oder-Nichts-Strategie ihres Vorsitzenden verheizen lassen?"

Märkische Allgemeine: "Ein unsinniger Machtkampf, der mit Prozenten und Arbeitsbedingungen kaum noch etwas zu tun hat. Ärzte und Piloten zeigen, dass große und kleine Gewerkschaften sehr gut koexistieren können - doch die GDL will davon nichts wissen. Für sie geht es nicht darum, wie üblich in Tarifrunden einen Kompromiss auszuloten, sie will sich unbedingt durchsetzen. Es scheint, dass es nicht zuletzt GDL-Chef Claus Weselsky ist, der diese Strategie mit allen Mitteln verfolgt."

Eisenacher Presse: "109 Stunden Streik sind wahrlich rekordverdächtig. Dass die GDL tatsächlich den Schneid hat, ihren Arbeitgeber Bahn derartig zu erpressen, macht sprachlos. Ein derartiger Streik dürfte der Bahn nachhaltig schaden, wenn er tatsächlich umgesetzt wird. Er könnte aber auch ein Mittel sein, um dem Konzern in letzter Minute Zugeständnisse - etwa das Verhandlungsmandat für die Zugbegleiter - abzupressen. Die Streikandrohung könnte also ein Mittel sein, um den Streik zu einem hohen Preis für die Bahn zu verhindern. Das ist nicht erfreulich, aber eine konsequente Fortsetzung der Strategie der GDL, die offenbar nur mit einem Sieg auf ganzer Linie leben könnte und jeglichen Kompromiss ablehnt, der nicht allein zu ihren Gunsten ausfällt."
  © dpa