Er war als der "Euro-Schreck" angekündigt: Doch Gianis Varoufakis, Griechenlands Finanzminister zeigte sich am Sonntagabend bei Günther Jauchs TV-Talk von seiner ruhigen Seite. Keine Spur von ungezügelter Europa-Gegnerschaft. Stattdessen bemühte sich Varoufakis sichtlich um Harmonie - auch wenn er bei seinen Aussagen unkonkret blieb. Was bleibt nach dem Auftritt des griechischen Finanzchefs offen?

Was tut Griechenland, um die Schulden zurück zu zahlen?

Ein Satz, den Gianis Varoufakis im Interview sagte, sticht heraus: "Wir werden nichts tun, was unseren Primärüberschuss zu einem Primärdefizit macht." Das klingt kryptisch und nach typischer Politikersprache. Was meint der Finanzminister damit genau?

Dazu muss man wissen, dass die "Troika", der Zusammenschluss aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission, Griechenland vor eine deftige Aufgabe gestellt hat. 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung solle der Primärüberschuss, also das Ergebnis vor Abzug von Zinszahlungen auf die gigantischen Schulden des Landes, in den nächsten Jahren betragen.

Das ist schon für wirtschaftskräftige Länder schwierig zu erreichen, für Griechenland mit seiner maroden Wirtschaft kaum zu schaffen. Athen peilt derzeit einen Primärüberschuss von 1,5 Prozent an. Das ist aller Ehren wert, bremst die Schuldenrückzahlung jedoch deutlich aus. Doch Athen bleibt nichts anderes übrig. Lieber eine langsame Rückzahlung als völliger Stillstand. Und genau das ist es, was Varoufakis meint. Im Klartext müsste es also heißen: "Wir versuchen es, habt Geduld mit uns."

Wie ist Gianis Varoufakis' Verhältnis zu Deutschland?

Für Aufregung sorgte in der Talkrunde ein eingespieltes Video. Der Clip, bereits seit einiger Zeit im Umlauf, zeigt Varoufakis bei einer öffentlichen Ansprache im kroatischen Zagreb in seiner Funktion als Wirtschaftsprofessor im Mai 2013. Angesprochen auf die griechische Schuldenkrise, antwortet er, Athen solle aus dem Euro austreten und Berlin "die Probleme alleine lösen" lassen. Die Griechen hätten Deutschland bereits 2010 "den Stinkefinger zeigen sollen". Varoufakis unterstreicht seine Worte mit dem ausgestreckten Mittelfinger, den er in Richtung der Kamera reckt.

"Der Euro-Schreck stellt sich" – so hatte Günther Jauch das Live-Gespräch mit Griechenlands Finanzminister angekündigt. Doch am Sonntagabend zeigte sich Gianis Varoufakis von seiner zahmen Seite: Bei seinem Auftritt versuchte er, die Wogen zu glätten und für Sympathie zu werben. Für Aufregung sorgte jedoch ein Video des Politikers von 2013.

Ist Varoufakis also ein Hardliner und Deutschenfeind? Beides wird man wohl eher mit nein beantworten müssen. Denn seine Aussagen stammen aus einer Zeit, als er selbst sicherlich nie damit gerechnet hätte, einmal in vorderster Politikfront zu stehen. Als Wirtschaftswissenschaftler ist ihm selbstverständlich seine eigene Meinung zuzugestehen. Wie drastisch sie auch immer ausfallen mag. Und je deftiger, desto mehr Aufmerksamkeit. Dass hinter der plakativen Geste also echte Abneigung vermutet werden kann, darf bezweifelt werden.

Ist das Video gefälscht?

Was von Varoufakis' Ausflucht, das Video sei getürkt, zu halten ist, steht auf einem anderen Blatt. Alessandro del Prete, der damalige Kameramann, verneinte via Twitter energisch, dass der Clip gefälscht sei.

Eine endgültige Antwort gab es in der Talkrunde noch nicht. Es werde allerdings geprüft, "ob irgendwelche finsteren Mächte" für den "Stinkefinger-Skandal" verantwortlich sind. Sollte sich aber zweifelsfrei herausstellen, dass das Video echt ist, bekommt Varoufakis ein Problem: Dann hätte er bei Günther Jauch gelogen. Live vor der Kamera. Das könnte zu einem großen Problem werden.

Wie ist Varoufakis' Verhältnis zu Wolfgang Schäuble?

Dass der deutsche und der griechische Finanzminister sich diametral entgegenstehen in der Debatte um die Lösung der Schuldenkrise, ist klar. Doch sind sich die beiden Politiker grundsätzlich spinnefeind? Obwohl natürlich wenig nach außen dringt, was auf das persönliche Verhältnis zu Schäuble schließen lässt, gilt als sicher, dass sich die beiden Politiker achten und mit Respekt behandeln. Äußerungen der beiden übereinander sind stets in höflichem Ton gehalten.

Trotzdem treffen in Person von Varoufakis und Schäuble zwei starke Charaktere mit Explosionsgefahr aufeinander. Der Jurist Schäuble liebt es, mit Sarkasmus und Ironie zu arbeiten. Varoufakis ist es als Professor ebenfalls gewohnt, Meinungsführer zu sein. Bei einer Diskussion dürfte also keiner dem anderen schnell Recht geben, alleine schon aus Prinzip.

Doch Varoufakis' Satz, er habe "Schäuble niemals beleidigt", dürfte der Wahrheit entsprechen. Provokationen, Sticheleien, Ironie - mit Sicherheit. Aber Beleidigungen? Kaum vorstellbar.

Wie steht es um die Reparationsforderungen?

Sehr interessant ist ein Zitat von Varoufakis aus der gestrigen Sendung bezüglich der Reparationsforderungen Athens an Deutschland: "Da geht es nicht um Geld, das ist eine moralische Frage." Die Schuldenkrise solle also von der Frage nach Schadenersatz für den Zweiten Weltkrieg getrennt werden. Von den über 300 Milliarden Euro, die eine griechische Studie vergangene Woche in den Raum stellte, ist keine Rede mehr. Eher geht es um elf Milliarden Euro. Diese Summe ergibt sich aus dem Zwangskredit, den Nazi-Deutschland Athen aufbürdete. Unabhängig davon wünscht sich Varoufakis von Deutschland "zumindest einen Euro". Gut möglich also, dass sich diese Wogen schnell wieder glätten.

Was passiert mit griechischem Vermögen im Ausland?

Varoufakis kündigte bei Günther Jauch vehement an: "Wir wollen, dass die, die ihr Geld außer Landes gebracht haben, erwischt und bestraft werden!" Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Von der geradezu lächerlich anmutenden Idee abgesehen, Studenten und Hausfrauen mit Mikrofonen auf Steuerfahndung zu schicken, gibt es von Athen bislang keinen Vorschlag in dieser Hinsicht. Hier muss sich Athen schnell bewegen, um nicht den letzten Rest an Glaubwürdigkeit zu verspielen.