Nach der Einigung mit den Staats- und Regierungschefs der Eurozone hat der griechische Regierungschef Alexis Tsipras aktuell mit Widerstand im eigenen Land zu kämpfen. Auch die internationale Presse geht unter anderem auf die Zustimmung Tsipras' zu den Reformforderungen und auf ein mögliches neues Hilfspaket ein. Hier sind die Pressestimmen zur Einigung mit Griechenland.

Die griechische Presse beschäftigt am Dienstag vor allem die dramatischen politischen Entwicklungen der Parteienlandschaft in Athen, die wegen der schweren Finanzkrise bevorstehen. "Vertigo", titelt die linke Zeitung "Efimerida ton Syntaktón". Die Zeitung erwartet eine Spaltung der Regierungspartei Syriza. Regierungschef Alexis Tsipras sei auf der Suche nach neuen Koalitionspartnern. Seine Partei sei in Befürworter und Gegner des Abkommens mit den Gläubigern über ein neues Spar- und Reformprogramm gespalten.

Durchbruch im Griechen-Drama: Es gibt weder Gewinner noch Verlierer.

"Stunden der Verantwortung", titelt das konservative Traditionsblatt "Kathimerini". Die Regierung Tsipras bewege sich auf Treibsand. Die anderen Parteien müssten helfen.

"Syriza (die linke Regierungspartei) im Vorzimmer der Spaltung", titelt die konservative Zeitung "Eleftheros Typos". Die "Revolte" der Syriza-Abweichler nehme die Dimensionen "eines Tsunamis" an.

Die Parteizeitung der Syriza "I Avgi" schreibt: "Die Garantie für soziale Gerechtigkeit ist unser Beitrag in der Regierung."

Die in der Hafenstadt Thessaloniki erscheinende Zeitung "Angeliaforos" sieht als Lösung eine "Regierung mit Sonderaufgabe", die aus mehreren Parteien zusammengesetzt sein sollte und als Ziel haben müsste, das Land in den kommenden Monaten wieder auf Kurs zu bringen und die Bedingungen der Gläubiger zu erfüllen.

Die internationalen Pressestimmen zu Griechenland:

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz):

"Momentan ist Tsipras der einzige Politiker, dem die Griechen zutrauen, das Land vor der Katastrophe zu retten. Diese Hoffnung könnte rasch schwinden, wenn die sozialen Kosten der Reformen offenbar werden oder sich zeigen sollte, dass sie einmal mehr die kleinen Leute treffen, die klientelistischen Strukturen aber unangetastet lassen. Der Widerstand wird in jedem Fall zunehmen: Für Mittwoch haben die öffentlichen Angestellten zum Generalstreik aufgerufen. Er dürfte den Auftakt zu einem heissen Sommer bilden."

Wie viele Hilfen hat Athen bislang erhalten? Wer sind die Gläubiger?

Independent (Großbritannien):

"Die geforderten Reformen reichen so weit, dass sie drastisch in das Leben aller Griechen eingreifen werden. Das dürfte zu Unruhen und Streiks führen. Eine politische Bewegung könnte aufkommen, die Syriza links überholt. Bei den nächsten Wahlen könnte eine Partei siegen, die Griechenlands Verpflichtungen rückgängig macht. Das könnte sicherlich als demokratische Wahl Griechenlands gelten. Doch auch das übrige Europa könnte demokratisch bestimmen, Griechenland kein Geld mehr zu leihen. Griechenlands Platz in der Eurozone ist keinesfalls gesichert."

Libération (Frankreich):

"Die lange Krise in Griechenland hat uns gezeigt, dass Schwierigkeiten durch Regierungen verursacht werden, die ihren Partnern ohne jede Transparenz und um jeden Preis Maßnahmen aufzwingen und ihre Position der Stärke ausspielen, anstatt nach Kompromissen zu suchen. So verhindern sie jede Entwicklung des Projekts Europa. Für die Zukunft gilt: Mit nationalen Egoismen kann man die Herausforderungen der heutigen Zeit nicht bewältigen. Die gegenwärtige Situation Lage stattdessen eine vertiefte Zusammenarbeit. Die Bestrafung Griechenlands zeigt uns, dass es besser ist, ein wenig nationale Souveränität zu verlieren und dabei an kollektiver Souveränität zu gewinnen."

Le Figaro (Frankreich):

"Frankreich und alle anderen 'nachlässigen' Wirtschaften der Eurozone sollten diese unterschwellige Botschaft (der Einigung mit Griechenland) mit großer Aufmerksamkeit registrieren. Wenn die EU gezwungen ist, eine verfahrene Situation zu retten, dann lässt sie sich das teuer bezahlen. In diesem Club geht es um Zucht und Strenge, nicht um einen Transfer von reichen Mitgliedern zu ärmeren Ländern. Auch für uns sollten diese Vormundschaft und verschärfte Sparsamkeit für Athen eine Warnung sein: Dieses Europa kennt keine Nachsicht."

Dagens Nyheter (Schweden):

"Das Abkommen stellt in gewisser Hinsicht das am wenigsten schlechte Ergebnis dar. Ein Grexit wäre eine Katastrophe für die Griechen gewesen. Gewöhnliche Bürger hätten ihre Ersparnisse verloren. Darüber, welche zerstörerischen politischen Kräfte das wirtschaftliche Chaos freisetzen könnte, können wir nur spekulieren. Ein griechischer Austritt hätte außerdem mit sich geführt, dass das Vertrauen für die Euro-Zusammenarbeit zerstört worden wäre. Gleichzeitig war es den Kreditgebern unmöglich, den Forderungen Griechenlands nachzugeben: Die Regeln müssen befolgt und es darf nicht zum Populismus ermutigt werden. Trotzdem ist es schwer, die Kreditgeber oder das Euro-Projekt zum Sieger zu erklären."

Politiken (Dänemark):

"Es ist ein kompliziertes Abkommen mit Mechanismen und Teilabkommen, die schwierig zu durchschauen und deren Konsequenzen schwierig abzusehen sind. Aber Griechenland und die Euro-Partner haben einen Ausweg gefunden, ohne die äußerste Konsequenz ziehen zu müssen, einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zusammenarbeit - jedenfalls für den Moment. Zurück bleibt eine griechische Regierung, die sich länger gewehrt hat, als irgendeine Regierung vorher, und vielleicht länger, als ihre demokratische Legitimität das ermöglicht hat.

Die Frage ist nicht nur, ob die Rechnung aufgeht, sondern auch, ob es in Ordnung ist, dass Deutschland und die anderen Euro-Länder Griechenland vorschreiben, was jetzt passieren muss? Und auf der anderen Seite, ob eine Krise dieses Ausmaßes vielleicht notwendig war, um in Griechenland ein Verständnis dafür zu schaffen, dass jetzt endlich etwas geschehen muss - um mit den Missständen aufzuräumen, die das Land viel zu lange geplagt haben."

Der Standard (Österreich):

"Obwohl die bisherigen Haushaltsziele nie erreicht wurden, wird weiter munter mit fiktiven Überschusszahlen hantiert, die eine Rückzahlung der Schulden gewährleisten sollen. Dabei hat die Entwicklung der Krisenländer der Union eines besonders deutlich gemacht: Die negativen Auswirkungen der Austeritätspolitik wurden sträflich unterschätzt. Dass ein Schuldenschnitt, der wieder Vertrauen in die Tragfähigkeit der griechischen Außenstände gebracht hätte und die Voraussetzung für dringend notwendige Investitionen gewesen wäre, verweigert wurde, zeigt: Die Lernkurve der Eurozone weist scharf nach unten. (...) Dazu kommt der finanzielle Schaden, weil die neuen Kredite ebenso wie die alten nicht zurückfließen werden. Gemeinsam mit dem griechischen Elend ist das ein hoher Preis für ein wenig überzeugendes Prestigeprojekt namens Euro. Ein zu hoher Preis."

La Repubblica (Italien):

"Griechenland ist kein unabhängiger Staat mehr. Die Griechen müssen nicht nur zerstörerische wirtschaftliche Opfer ertragen, sondern auch die Demütigung, wie Minderjährige behandelt zu werden. Das Land wird pro forma in Brüssel und Frankfurt, ja eigentlich in Berlin, verwaltet. (...) Das griechische Parlament hat nun die Aufgabe, die Gesetze, die die Eurokraten oder gleich die deutschen und französischen Bürokraten geschrieben haben, in akzeptables Neugriechisch zu übersetzen - unter der Kontrolle, dass sie keine Rechtschreibfehler einbauen. Das ist das Schicksal des verkappten Protektorats."

De Telegraaf (Niederlande):

"Europa zückt wieder die Geldbörse: Für Griechenland werden in den kommenden drei Jahren rund 85 Milliarden Euro bereitgestellt. Europa hofft, dass die griechische Wirtschaft endlich in Gang kommt, so dass der nun auf insgesamt rund 400 Milliarden auflaufende Schuldenberg abgetragen werden kann. Aber eigentlich weiß jeder, dass die Hoffnung auf Rückzahlung vergeblich ist. (...) Die Griechenland auferlegten Maßnahmen sind zwar notwendig. Doch niemand sollte glauben, dass sich seine Wirtschaft damit so drastisch verbessert, dass die Schulden einfach beglichen werden könnten. Die neue Milliardenhilfe muss daher als finanzielles Opfer dafür gesehen werden, dass Griechenland vor tiefster Armut bewahrt und im vereinigten Europa gehalten wird. Diese politische Entscheidung hat einen hohen Preis."

New York Times (USA):

"Am Ende, nachdem er jede mögliche Taktik ausprobiert hatte, schmiss Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras das Handtuch und nahm die bisher härtesten Forderungen der Gläubiger hin, um lebensrettende Maßnahmen für Griechenland zu verlängern und das Land in der Eurozone zu halten. Das wird wohl eine sofortige Katastrophe abwenden; es gibt jedoch wenig Grund zu feiern, denn die Einigung wird wenig tun, um die langsam voranschreitende Katastrophe der griechischen Wirtschaft anzugehen, noch sie zu reparieren. (...) Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich am meisten für die europäische Einheit einsetzen sollte, erklärte nach der Einigung, diese habe mehr Vorteile als Nachteile. Eins der Vorteile ist, dass man damit etwas Zeit kauft. Doch wenn diese Zeit nicht genutzt wird, um darüber zu reden, wie man die griechischen Schulden wirklich abbauen kann und die erstarrte Wirtschaft zu neuem Leben erweckt, wird es nicht lange dauern, bis die Führung der Eurozone abermals in eine quälende Debatte darüber geraten wird, was zu tun ist.

Deutschland und seine Verbündeten haben harte Verhandlungen geführt. Aber dadurch, dass sie Griechenland zum Einlenken gezwungen haben, haben sie weder die Krise der Währungsunion gelöst noch das europäische Projekt vorangetrieben."

(Zusammengestellt von kab/Material von dpa)