Alle Warnungen aus Brüssel liefen ins Leere. Die Mehrheit in Griechenland hat die Nase voll von den Reformzwängen - und stimmte bei dem Referendum mit "Nein". In Griechenland herrscht Jubelstimmung, in Europa Ratlosigkeit.

Mit einer überraschend deutlichen Mehrheit haben die Griechen per Volksabstimmung die Sparvorgaben der internationalen Gläubiger abgeschmettert. Nach Auszählung von knapp zwei Dritteln der abgegebenen Wahlzettel stimmten gut 61 Prozent mit "Nein" und unterstützten damit den Konfrontationskurs von Ministerpräsident Alexis Tspiras. Nur knapp 39 Prozent sprachen sich am Sonntag dafür aus, unter den Konditionen der Geldgeber weiter zu verhandeln, wie das Athener Innenministerium mitteilte.

Bereits kurz nach Schließung der Wahllokale feierten Hunderte Gegner des Reformprogramms auf dem Platz vor dem Parlament in Athen. Und im Lauf des Abends wurden es immer mehr. Viele schwenkten griechische Fahnen und hielten Plakat mit dem Wort "Ochi" für "Nein" in die Luft. Auf dem Syntagma-Platz hatte es schon im Vorfeld der Abstimmung Kundgebungen des "Nein"-Lagers gegeben.

Alexis Tsipras will neue Verhandlungen

Ministerpräsident Tsipras hat sich mittlerweile zu dem Ergebnis geäußert - und fordert neue Verhandlungen mit den internationalen Gläubigern. Erste Priorität habe nun die Wiederöffnung der Banken, erklärte er in einer Fernsehansprache. Athen sei zu Reformen bereit. Dringend notwendig seien jedoch Investitionen sowie die Umstrukturierung der Schulden. Mit anderen Worten: ein Schuldenschnitt.

Zugleich sagte er an die griechischen Bürger gewandt, dass das griechische Referendum keine Sieger und keine Verlierer habe. Aber schon bei seiner Stimmabgabe am Vormittag ließ er sich feiern wie ein Popstar. Dabei wusste der griechische Ministerpräsident zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass er der große Gewinner des Referendums sein wird. Kaum jemand in Griechenland hatte damit gerechnet, dass die Bürger des von der Staatspleite bedrohten Landes der Sparpolitik mit einer derart klaren Mehrheit eine Absage erteilen würden und die Geldgeber damit vor den Kopf stoßen würden.

Die Griechen ignorierten die Warnungen von EU-Politikern, die bei einem "Nein" in der Volksabstimmung ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone prophezeit hatten. Vielmehr stärkten sie ihrem Regierungschef mit einer überraschend klaren Mehrheit den Rücken. Die kurzfristige Ansetzung des Referendums brachte Tsipras in anderen EU-Staaten viel Kritik ein. In Griechenland hatte er die etablierten Parteien der Konservativen und der Sozialisten und fast alle großen Medien des Landes gegen sich.

"Für alle Völker Europas einen neuen Weg öffnen"

Tsipras schien allein gegen alle zu kämpfen. Aber er verstand es, sich den Wählern nicht als ein Quertreiber, sondern als ein Vorkämpfer eines neuen Europas zu präsentieren. "Ich bin sicher, dass wir für alle Völker Europas einen neuen Weg öffnen werden", verkündet er auf einem Podest, das im Wahllokal aus Paletten für ihn errichtet worden war.

Ein Teil der Griechen kann den Optimismus des Ministerpräsidenten nicht nachvollziehen. Die Tsipras-Gegner befürchten, dass dessen Linie des "Ochi" (Nein) zu den Forderungen der Gläubiger das Land aus der Euro-Zone hinausführen und in ein Wirtschaftschaos stürzen werde. "Ich möchte nicht in die 60er und 70er Jahre zurückgeworfen werden", sagt eine Athener Rentnerin auf dem Weg ins Wahllokal. Eine Begleiterin pflichtet ihr bei: "Ich auch nicht, auf keinen Fall. Ich will weiterhin zu Europa gehören."

In Griechenland löste das Referendum eine Spaltung der Bevölkerung in zwei politische Lager aus. Die Teilung reichte zuweilen sogar bis in die Familien hinein. "Kann ich Dich vielleicht im letzten Moment noch dazu bewegen, doch mit Ja zu stimmen?", ruft ein Athener seiner Gattin im Stimmlokal zu. "Ochi", ist die prompte Antwort der Frau, die damit zugleich klarstellt, dass sie mit Nein votieren würde. Am Ende machte das die Mehrheit der Griechen. (dpa/afp/cai)