Die Schweizer Filiale der britischen Großbank HSBC hat Steuersündern aus aller Welt im Milliarden-Maßstab beim Vermeiden von Zahlungen an die Finanzämter geholfen. Das wurde am Montag bekannt. Dabei ließen einem Medienbericht zufolge auch mehr als 2.100 Bankkunden aus der Bundesrepublik ihr Vermögen von der HSBC verwalten - darunter sind wohl einige prominente Namen. Hunderten drohen Strafverfahren. SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert Ermittlungen gegen das Institut.

In der Affäre um die gestohlenen Kundendaten der HSBC Schweiz rücken nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" die deutschen Kunden in den Fokus. In den internen Dokumenten finden sich 2.106 Personen mit Bezug zu Deutschland, berichtet das Blatt. Circa ein Drittel von ihnen nutzte anonymisierte Nummernkonten, mehr als 200 Kunden besaßen Tarnfirmen. Insgesamt wurden laut den HSBC-Dokumenten von deutschen Kunden etwa 3,3 Milliarden Euro angelegt. Das durchschnittliche Vermögen pro Person lag damit bei mehr als 1,5 Millionen Euro.

Wie die "SZ" weiter berichtet, befinden sich unter den deutschen Namen unter anderem ein verurteilter Millionenbetrüger und die neun Millionen Dollar schwere Tochter eines verurteilten NS-Verbrechers. Genauso wie ehemalige Rotlichtkönige, ein südamerikanischer Fußballprofi mit deutschem Wohnsitz, die Familie eines angesehenen Verlegers, der Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens und die Nachkommen einiger der reichsten deutschen Dynastien.

Für viele dieser Kunden könnte das Datenleck gravierende Folgen haben. Von der Existenz fast 1.000 zusätzlicher deutscher Namen erfahren die Steuerfahnder erst jetzt. Nach Erkenntnissen von "SZ", NDR und WDR lagen den deutschen Behörden bisher lediglich 1.136 Namen vor – also nur rund die Hälfte der mehr als 2.100 deutschen Namen. Französische Steuerermittler hatten ihren deutschen Kollegen bereits im Oktober 2010 eine vorsortierte Liste mit 1.136 Namen von mutmaßlich deutschen Kontoinhabern übermittelt. Zuvor hatte Whistleblower Hervé Falciani, ein ehemaliger Computerfachmann der HSBC in Genf, Tausende Kundendaten seines ehemaligen Arbeitgebers entwendet und den französischen Behörden übergeben.

Zwielichtige Geschäfte

Durch die Recherchen von weltweit mehr als 140 Journalisten aus 45 Ländern, geleitet vom Internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ), wurde erstmals bekannt, in welchem Ausmaß die HSBC Schweiz ihre Kunden bei der Verschleierung von Geldern unterstützt hatte. Außerdem sollen die Banker Geschäfte mit mutmaßlichen Waffenschiebern, Blutdiamantenhändlern und der Al Kaida nahestehenden Personen gemacht haben. Sprecher der Bank räumten ein, dass es bei der HSBC in der Vergangenheit "Verhaltens- und Kontrolldefizite" gegeben habe, dafür übernehme man die Verantwortung.

Die Enthüllungen haben die weltweite Diskussion um die Rolle von Banken neu angeheizt. Politiker aus aller Welt forderten ein Ende fragwürdiger Bankgeschäfte. Aus der britischen Regierung etwa hieß es, "die Ära des Bankgeheimnisses ist vorbei". Ein belgischer Untersuchungsrichter, der seit November 2014 gegen die Schweizer HSBC-Tochter wegen Steuerbetrugs und Geldwäsche ermittelt, drohte am Montag mit einem internationalen Haftbefehl gegen führende Manager der Gesellschaft.

Sigmar Gabriel fordert Ermittlungen gegen die HSBC

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) forderte auch in Deutschland Ermittlungen gegen die ins Zwielicht geratene Bank, wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Er verlangte, dass ihre Geschäftspraktiken untersucht und gegebenenfalls "mit aller Härte" bestraft werden müssten. Gabriel sprach in Bezug auf die umstrittenen Praktiken der HSBC sogar von "bandenmäßiger Steuerhinterziehung in erheblichem Umfang".

Die gestohlenen Bankdaten liegen inzwischen Behörden in mindestens zwölf Ländern vor, mehr als eine Milliarde Euro an Steuern und Strafen konnte durch die Dokumente zurückgeholt werden.

Der Swiss-Leaks-Datensatz den in den vergangenen Monaten Reporter aus der ganzen Welt ausgewertet haben, umfasst Informationen über mehr als 100.000 internationale Kunden der HSBC-Private Bank in Genf. Darin geht es um Einlagen in Höhe von umgerechnet rund 75 Milliarden Euro. Steuerfahnder gehen davon aus, dass zahlreiche Konten der HSBC in Genf angelegt wurden, um Steuern zu hinterziehen und Geld zu waschen.