"The Pioneer Briefing" - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Q-Profite und Windfall-Gewinne.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wir leben in zwei Welten. Die eine Welt wird dominiert von Covid, Krieg und Inflation. Das ist die Welt der Medien und der Politiker: Apocalypse Now.
Daneben gibt es für sehr wenige Manager und Firmen eine Welt, in der die Sonne unentwegt scheint. Die Stichworte hier lauten: Superprofit und Aktienboom.

Q-Profite und Windfall-Gewinne

In dieser märchenhaften Welt regnet es Billionen vom Himmel; es entsteht das, was John Maynard Keynes den Q-Profit und Karl Marx die Windfall-Gewinne nannte. Das Q steht für Quasi-Monopol; die Windfall-Profite für Erträge, die im Unterschied zum Pioniergewinn – wie wir ihn bei Apple sehen – eben nicht aus einer Erfindung oder dem Wagemut des Unternehmers resultieren, sondern durch eine überraschende Marktlage zustande kommen.

Konkret gesprochen: Eine Verrücktheit der Politik – Krieg zum Beispiel – oder eine Laune der Natur – Unwetterkatastrophen etwa – spülen der Q-Firma bei annähernd gleichen Kosten einen Gewinn in die Kasse, wie sie ihn nie zuvor gesehen hat.

Womit wir bei den Öl-, Gas- und Rüstungsfirmen wären. Was sich hier derzeit abspielt, ist die Neu-Inszenierung des Sterntaler Märchens der Gebrüder Grimm als Reality Format:

"Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler."

Das Mädchen im Märchen musste keine weitere Anstrengung unternehmen, nur sein Hemdchen schürzen:

"Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag."

Die XXL-Gewinner

Auch die Öl-, Gas und Rüstungsfirmen wissen nicht wie ihnen geschieht. Das harte Sanktionsregime gegen Russland, die Aufrüstungsbeschlüsse überall im Westen und die durch Krieg und COVID ausgelösten Lieferengpässe sorgen für XXL-Gewinne:

  • Die Gewinne von BP haben sich in den ersten drei Monaten dieses Jahres mehr als verdoppelt, nachdem die Öl- und Gaspreise in die Höhe geschossen sind. Der Ölriese verkündete gestern einen Quartalsgewinn von 6,2 Milliarden Dollar – ein Plus von 138 Prozent gegenüber den 2,6 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Im November letzten Jahres bezeichnete der BP-Chef Bernard Looney den Energiemarkt als „Geldmaschine“.
  • Ein weiteres großes Energieunternehmen, Shell, wird am 5. Mai seine neuesten Ergebnisse vorlegen. Nach einem schwierigen Jahr 2020 aufgrund der Pandemie meldet das Unternehmen für 2021 hohe Gewinne.
  • Am Kapitalmarkt werden die Ölriesen BP, Shell, Chevron, ExxonMobil und ConocoPhillips großzügig gehandelt. Die Analysten raten zum Kauf der Aktien. Kein Wunder: Im letzten Jahr haben die fünf Werte im Durchschnitt um 58 Prozent zugelegt.
  • Der deutsche Rüstungsriese Rheinmetall erfreut sich großer Beliebtheit am Aktienmarkt: plus 150 Prozent seit Jahresbeginn. Analysten gehen davon aus, dass der Nettogewinn im laufenden Jahr ein Rekordniveau erreichen könnte.

Extra-Abgaben für Krisen-Gewinnler

Kein Wunder: Wachsame Politiker in Italien und Großbritannien (und der DGB in Deutschland) sehen hier die Chance, sich wenigstens einen Teil der staatlichen Extra-Ausgaben für Krieg, Covid und Migration zurückzuholen.

Mario Draghi hat ein 14 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket geschnürt, um bedürftige Familien, Unternehmen und Investitionsprojekte bei der Bewältigung des Anstiegs der Rohstoffpreise zu unterstützen, und will zur Finanzierung der Maßnahmen eine neue Sondersteuer von 25 Prozent auf Gewinne von Energieunternehmen erheben. Labour-Chef Keir Starmer schlägt im britischen Frühstücksfernsehen ähnliches vor:

"Angesichts der Tatsache, dass so viele Menschen Schwierigkeiten haben, ihre Energierechnungen zu bezahlen, sollten wir eine Gewinnsteuer für Öl- und Gasunternehmen in der Nordsee einführen, die mehr Gewinn gemacht haben, als sie erwartet hatten."

Auf Multimilliardär Aristoteles Onassis hören?

Wir lernen: Man muss weder Marxist noch Keynesianer sein, um eine Steuer auf Windfallprofite ins Gespräch zu bringen. Bei dieser vom Schicksal derart begünstigten Konzernklientel sollten die Finanzminister sich das Motto des einstigen Reeders und Multimilliardärs Aristoteles Onassis noch mal durch den Kopf gehen lassen:

"Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegengehen."

Ich wünsche Ihnen einen gut gelaunten Start in den neuen Tag.
Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

"The Pioneer Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.
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