Die Ukrainerin Svitlana Bielinska will Bus fahren, aber findet keine Arbeitstelle in Deutschland. In anderen Ländern ist das einfacher. Woran liegt das?

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Als Svitlana Bielinska ihre Heimatstadt in der Ukraine verließ, wusste sie noch nicht, dass sie und ihre beiden Söhne in Deutschland ankommen würden. Erst einmal wollte sie nur in Sicherheit sein. "Im Krieg sind Entscheidungen schnell", sagt sie.

Zugfahrten von Odessa nach Polen waren kurz nach Ausbruch des Krieges Ende Februar 2022 kostenlos. Erst dort entschied sich Bielinska dann zum Weiterfahren. Eine Bekannte habe von den Möglichkeiten in Deutschland geschwärmt und von der Stabilität hier habe sie schon immer gewusst, erzählt sie. Im März vor über zwei Jahren kam Bielinska dann in der Sammelunterkunft im Frankfurter Stadtteil Kalbach an.

Den mehr als eine Million Ukrainern, die vor dem russischen Angriffskrieg nach Deutschland geflohen sind, soll das Ankommen so leicht wie möglich gemacht werden. Nach der Einreise müssen sie kein Asyl beantragen, sondern können direkt bleiben. Sie können dann erst mal Deutsch lernen und mit dem Bürgergeld ihre Grundversorgung bezahlen oder auch direkt arbeiten.

Fachleute betonen immer wieder, dass die ukrainischen Geflüchteten überdurchschnittlich gut ausgebildet seien. Die Jobbewerbung sollte ihnen also leichtfallen – Deutschland braucht Fachkräfte. Erleben wir also Integration auf der Überholspur?

Deutschland ist ein europäisches Schlusslicht

Von Schnelligkeit kann keine Rede sein. Nur knapp jeder fünfte ukrainische Geflüchtete hat seit Februar 2022 eine Arbeit gefunden. Und damit ist Deutschland Schlusslicht in Europa. Die Voraussetzungen waren für alle Länder in der EU dieselben, als die Innenminister der Mitgliedstaaten eine Woche nach Kriegsausbruch die Massenzustrom-Richtlinie anwendeten. Die etwa vier Millionen ukrainischen Geflüchteten in der EU haben dadurch ein Aufenthaltsrecht in allen Ländern – sowie den direkten Zugang zum Arbeitsmarkt.

Die Voraussetzungen sind also europaweit ähnlich, die Umsetzung ist ganz unterschiedlich. Während in Dänemark laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vom November 2023 78 Prozent der Ukrainer eine Arbeit gefunden haben, waren es in Deutschland nur 19 Prozent. Auch in Polen sind es bereits 65, in Großbritannien 56 und in den Niederlanden 50 Prozent.

Svitlana Bielinska hat zehn Jahre lang in Odessa als Oberleitungsbusfahrerin gearbeitet. "Ich will machen, was ich liebe", sagt sie, wenn sie über ihren ehemaligen Beruf spricht. Sie zeigt dann Fotos von sich am Steuer. Die Bilder hat ihr Ehemann noch vor dem Krieg aufgenommen. Ein breites Grinsen in Bielinskas Gesicht ist darauf auch durch die spiegelnden Scheiben des Linienbusses klar zu erkennen. In Deutschland ist sie noch auf Unterstützung angewiesen, ihre Familie bekommt vom Staat Bürgergeld. So können ihre Söhne zur Schule gehen, während sie Deutsch lernt und einen Job sucht.

Was ist eine nachhaltige Integration?

Yuliya Kosyakova ist Leiterin des Forschungsbereiches Migration und Integration am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Sie nennt den deutschen Ansatz zur Integration in den Arbeitsmarkt "language first". Es gehe nicht darum, Geflüchtete direkt nach ihrer Ankunft in eine beliebige Beschäftigung zu drängen, sagt sie. Vielmehr sollten ihre Berufserfahrungen aus ihrem Heimatland genutzt werden. Sie müssten sie aber dann auf Deutsch anwenden können, sagt die Migrationsforscherin.

Andere Länder wie die Niederlande verfolgten dagegen einen "Work first"-Ansatz. "Sie werden motiviert, jeden Job zu nehmen." Das seien dann aber oftmals Minijobs oder Berufe, für die sie überqualifiziert seien. Die Sprache spiele dabei keine Rolle.

Kosyakova bezweifelt, dass das eine nachhaltige Integration sei. Es gebe keine Aufstiegschancen für die Geflüchteten, durch die fehlende Sprache kämen sie nicht in der Gesellschaft an, und dem Fachkräftemangel werde dadurch auch nicht abgeholfen. Den deutschen Ansatz findet sie besser. "Es ist vielleicht etwas langsamer, aber es ist nachhaltiger", sagt die Migrationsforscherin.

Bielinska sitzt am Esstisch in der Wohnung der Familie. Dort konnten sie nach sieben Monaten in Deutschland einziehen. Im Hintergrund schaut ihr jüngerer Sohn ukrainisches Fernsehen, genauso wie früher in Odessa. Ihr älterer Sohn ist 16 Jahre alt, er sitzt neben ihr.

Nur die Hälfte der Ukrainer besteht die Sprachtests

Immer wieder schaut Bielinska zu ihm und vergewissert sich, dass sie die richtigen Worte in der ihr noch fremden Sprache wählt. Ihr fehle der alltägliche Austausch auf Deutsch, erzählt sie. Zu Hause würden sie Ukrainisch sprechen, und im Sprachkurs kämen die Teilnehmer nur selten in ein Gespräch außerhalb des Unterrichts. Die Übung, die ihr Sohn in seiner Klasse hat, hätte auch sie gerne.

In Deutschland gilt der Integrationskurs mit B1 als absolviert. Etwa sechs Monate sollen dafür ausreichen. Das hat Bielinska im November 2023 nach einem Jahr geschafft. Und damit ist sie eine von wenigen. Nur etwa die Hälfte der teilnehmenden Ukrainer besteht die abschließenden Sprachtests. Das hat eine Prüfung des Bundesrechnungshofes gezeigt.

Wegen der hohen Ausgaben für die Integrationskurse – über eine Milliarde Euro hat die Bundesregierung dafür im Haushalt 2024 eingeplant – sollte überprüft werden, wie wirksam sie sind. Mit "ernüchternden" Ergebnissen. Demnach haben nur 61.000 der 135.000 Ukrainer, die bis Mitte 2023 an einem Kurs teilgenommen haben, das Sprachniveau B1 erreicht.

Bielinska bewirbt sich bei der Deutschen Bahn

Bielinska hat sich nach dem abgeschlossenen Sprachkurs wieder an das Jobcenter Frankfurt am Main gewendet, mit dem sie schon wenige Monate nach ihrer Ankunft in Kontakt war. Mit dem Sprachzertifikat und ihrer Berufserfahrung wollte sie sich endlich als Busfahrerin bewerben.

Ihre Betreuer hatten die Deutsche Bahn im Blick, die Buslinien in Hessen betreibt und angekündigt hatte, Ukrainer dabei unterstützen zu wollen, eine Arbeit zu finden. Sie hätten eine Weiterbildung mit zusätzlichen Sprachkursen angeboten, sagt einer von Bielinskas Betreuern im Jobcenter, Hennadiy Schleicher. Er ist selbst schon vor vielen Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Jetzt begleitet er ukrainische Geflüchtete bei der Jobsuche. Die Deutsche Bahn antwortete mit einer Absage.

Schleicher möchte gern verstehen, warum es nicht geklappt hat. Für ihn ist das ein wichtiger Teil der Vermittlung. Immer wieder werden seine Kunden von Arbeitgebern abgelehnt, und er versucht dann die Qualifikationen so aufzubessern, dass sie bessere Chancen haben. Aber er kann sich in Bielinskas Fall nicht sicher sein. Er kenne sich in der Branche nicht so gut aus, erzählt er. Und die Deutsche Bahn habe auch keine Erklärung gegeben.

Viele Firmen erwarten das höhere Sprachlevel B2

Vielleicht wurde Bielinska abgelehnt, weil es kaum Oberleitungsbusse in Deutschland gibt. Ihre Berufserfahrung ist dann auf dem Papier nicht viel wert und macht sie zu einer Quereinsteigerin. Aber: "Der Oberleitungsbus ist eigentlich noch komplizierter als der normale Bus oder die Tram", sagt Schleicher. Und die Deutsche Bahn habe ja die Umschulung übernehmen wollen.

Vielleicht habe es aber auch an dem Bewerbungsprozess selbst gelegen, meint er. Die Bewerber müssten nur ihre Dokumente hochladen, ohne weitere Gespräche. So habe niemand erkennen können, wie hoch Bielinskas Motivation, wie stark ihr Wille sei, sagt Schleicher. Es kann auch am Sprachniveau liegen. Viele Firmen erwarteten unabhängig vom Integrationskurs das höhere Level B2.

Knapp zwei Jahre nach Svitlana Bielinskas Ankunft in Deutschland hat sie einen weiteren Sprachkurs begonnen. Diesmal möchte sie auf das B2-Niveau kommen. Denn dann, so hofft sie, kann sie endlich im Frankfurter Nahverkehr arbeiten. Dann ist ihr Deutsch gut genug, um sich mit Passagieren im Bus auszutauschen. Darauf freut sie sich sehr – ihr Sohn vermisst die Schwarzmeerküste, Bielinska ihren Beruf.

In Litauen arbeiten die meisten von Bielinskas Kollegen schon wieder

Mit Bekannten aus der Ukraine ist sie noch regelmäßig in Kontakt. In Telefonaten mit ehemaligen Kollegen, von denen die meisten nach Litauen geflohen seien, habe sie erfahren, dass alle schon lange wieder als Oberleitungsbusfahrer arbeiteten. Dort ist es leichter. Viele sprechen Russisch, und Oberleitungsbusse sind weit verbreitet.

Bei Bielinska wird es aber noch dauern. Trotzdem will sie den Kraftakt auf den deutschen Arbeitsmarkt schaffen. Ihr Betreuer Schleicher vom Jobcenter erklärt das mit ihrer Passion: "Sie wird alles machen, um wieder Tram, U-Bahn oder Bus zu fahren", sagt er. Wegen der Massenzustrom-Richtlinie sind auch ukrainische Führerscheine in der EU dauerhaft anerkannt, allerdings nicht zum Arbeiten.

Bielinskas Führerschein muss also noch umgeschrieben werden, wenn sie in Deutschland als Busfahrerin arbeiten möchte – mit eigenen Praxis- und Theorieprüfungen. Denn das Verkehrsministerium fordert einen Fahrerqualifizierungsnachweis. Es arbeite aktuell daran, ukrainische Nachweise vorübergehend anzuerkennen, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums.

"Je besser jemand qualifiziert ist, desto länger dauert es"

So ein Abbau der Bürokratie erfordert aber einige Gesprächspartner: die Bundesländer, das Kraftfahrt-Bundesamt, die Bundesdruckerei und die Deutsche Industrie- und Handelskammer. Svitlana Bielinska kennt die verschiedenen Anlaufstellen nicht. Sie weiß nur, dass sie noch nicht arbeiten darf, auch wenn sie nicht wirklich versteht, warum.

Schleicher sagt, die nötigen Prüfungen in Deutschland kosteten etwa so viel wie ein neuer Führerschein. Er geht von bis zu 1500 Euro aus. Das Jobcenter kann das nicht bezahlen, und Bielinska hat noch keinen Arbeitgeber, der die Kosten übernehmen würde. Also muss sie es allein schaffen. Das monatliche Bürgergeld reicht für die zusätzlichen Prüfungen nicht aus. Bielinska sieht für sich gerade nur eine Option: Mit anderen Jobs Geld sparen. Gerade das sollte eigentlich beim "Language first"-Ansatz vermieden werden. "Je besser jemand qualifiziert ist, desto länger dauert es", meint Schleicher vom Jobcenter dazu.

Fachleute glauben, dass Ukrainer auch in Deutschland immer öfter auf Jobs ausweichen, die nicht ihren Qualifikationen entsprechen, um überhaupt zu arbeiten. Sie verzagen am System. Der Bundesrechnungshof prangerte nach seiner Prüfung auch die langen Zugangszeiten für die Integrations- und Sprachkurse an. 2023 sollen Ukrainer bis zu fünf Monate auf einen zugeteilten Platz gewartet haben.

Viele Ukrainerinnen müssen erstmal einen Kita-Platz finden

Währenddessen sei ein Großteil der Kurse aber nicht ausgelastet gewesen. Demnach scheitert die Zuteilung an der Kommunikation innerhalb und zwischen den Behörden. Während das Bundesinnenministerium für die Kurse zuständig ist, koordiniert sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ersteres bestreitet die schlechten Ergebnisse des Bundesrechnungshofes.

Wieder anderen Ukrainern bleibt der Weg auf den Arbeitsmarkt von vornherein verschlossen. Ein Großteil der ukrainischen Geflüchteten sind Frauen mit Kindern, ihre Ehemänner kämpfen oft an der Front, sie sind allein nach Deutschland gekommen. Hier gelten sie dann als alleinerziehend und müssen sich oftmals neben einem Job auch um einen Kita-Platz kümmern. Die Kita-Plätze reichen aber nicht aus. Im Jobcenter heißt es dann: Sie stehen der Vermittlung nicht zur Verfügung.

Vor allem Österreich und die Schweiz seien bei der Integration der Ukrainer in den Arbeitsmarkt mit Deutschland vergleichbar, sagt Kosyakova vom IAB. Bei den drei Ländern seien die zwei entscheidenden Faktoren Sprache und Bürokratie ähnlich schwierig. Trotzdem ist die Integrationsquote der deutschen Nachbarländer noch besser. Mit über einer Million wurden in Deutschland aber auch am meisten Ukrainer aufgenommen. Die Behörden seien besonders überfordert, erklärt die Migrationsforscherin.

Svitlana Bielinska will trotzdem in Deutschland bleiben

Die Ukrainer tauschen sich untereinander aus. Der zeitliche Druck bei den Sprachkursen, das Warten auf Antworten von deutschen Behörden und die fehlende Flexibilität bei Arbeitgebern sprechen sich herum. Das demotiviert. Das frustriert.

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Svitlana Bielinska will kein Bürgergeld beziehen. Sie will arbeiten. "Wir müssen etwas machen und nicht nur zu Hause sitzen", sagt sie. Dass sie noch keine Arbeit gefunden hat, fällt ihr zwar schwer, aber sie gibt nicht auf. Zwei Jahre nach dem Krieg habe sie wieder Zukunftspläne, sagt sie – und zwar in Deutschland: "Hier ist Stabilität für meine Familie." Das sei für sie der entscheidende Faktor.  © Frankfurter Allgemeine Zeitung

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