Die Abgasaffäre um Volkswagen kehrt mit voller Wucht zurück. Nun im Fokus der Ermittlungen: Martin Winterkorn. In den USA ist bereits Haftbefehl gegen den ehemaligen VW-Boss erlassen worden. Was wirft ihm die US-Justiz vor? Und was droht Winterkorn jetzt - auch in Deutschland? Fragen und Antworten zu den Ermittlungen.

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Was wirft die US-Justiz Winterkorn vor?

Der damalige VW-Chef Martin Winterkorn war im September 2015 von seinem Amt zurückgetreten, kurz nachdem US-Behörden Manipulationen bei Dieselautos aufgedeckt hatten.

Die US-Ermittler gehen davon aus, dass Winterkorn im Mai 2014 und Juli 2015 über die Manipulationen informiert wurde. Er habe dann mit anderen Führungskräften entschieden, diese Praxis fortzusetzen.

Die amerikanische Justiz will den früheren Top-Manager nun wegen Betrugs im Abgasskandal zur Rechenschaft ziehen.

Ihm wird außerdem Verschwörung zum Verstoß gegen Umweltgesetze und zur Täuschung der Behörden vorgeworfen. Nach Auskunft einer Justizsprecherin erging Haftbefehl gegen Winterkorn.

Der Manager hatte dagegen betont, vor dem Bekanntwerden der Affäre um weltweit rund elf Millionen Autos mit falschen Abgasdaten in der Öffentlichkeit im September 2015 nichts von illegalem Tun gewusst zu haben.

Warum wird Winterkorn in den USA angeklagt?

Die Vereinigten Staaten sind das Ursprungsland von "Dieselgate". Die Ermittler machen Winterkorn nun zum hochrangigsten Beschuldigten im Strafverfahren gegen mutmaßlich mitverantwortliche VW-Mitarbeiter.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Anklage lautet auf Betrug und Verschwörung. US-Justizminister Jeff Sessions droht: "Wir werden diesen Fall mit der maximalen Härte des Gesetzes bestrafen."

Man gehe davon aus, dass das VW-Komplott "bis in die Unternehmensspitze" hinaufreichte. 2017 hatte es noch geheißen, die Täuschungen seien wohl unterhalb der höchsten Ebene abgelaufen.

Wird Winterkorn auch in Deutschland angeklagt?

Auch in Deutschland laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Allein in Braunschweig prüfen mehrere Staatsanwälte mit Unterstützung des niedersächsischen Landeskriminalamts den Verdacht des Betrugs und der Marktmanipulation - auch gegen Winterkorn.

Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe hatte zuvor noch betont, ein strafrechtlicher Deal in den USA für den Gesamtkonzern VW habe "keinen Einfluss auf unsere Verfahren". Einen Haftgrund gab es aus seiner Sicht nicht. Aber der Austausch mit den amerikanischen Kollegen sei in allen Fragen "sehr eng und gut".

Was droht Winterkorn jetzt?

Zwar ist der inzwischen 70-Jährige nicht inhaftiert, und eine Auslieferung in die USA wäre nach Aussagen aus Justizkreisen unwahrscheinlich. Doch auch so ist die Lage brenzlig genug. Sollten US-Fahnder Winterkorn doch irgendwie schnappen, drohen ihm bei einer Verurteilung schlimmstenfalls 25 Jahre Haft, einschließlich einer hohen Geldstrafe.

Inzwischen erließ die US-Justiz auch schon einen Haftbefehl gegen Winterkorn, wie eine Justizsprecherin am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Dies dürfte allerdings folgenlos bleiben, solange Winterkorn in Deutschland bleibt.

Deutsche Staatsangehörige würden nicht in die USA ausgeliefert, sagte ein Sprecher des Bundesjustizministeriums in Berlin. Nach Amerika oder in Länder zu reisen, die Auslieferungsabkommen mit den USA haben, kann dagegen für Winterkorn ein großes Risiko darstellen.

Kann Winterkorn finanziell belangt werden?

Der VW-Aufsichtsrat prüft in der Abgasaffäre weiterhin Schadenersatzansprüche auch gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn.

"Die Prüfung dauert seit längerer Zeit an und wird unabhängig von behördlichen Verfahren durchgeführt", sagte Aufsichtsratssprecher Michael Brendel am Samstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Dies habe der Aufsichtsrat bereits mehrfach erklärt. Diese Prüfung sei noch nicht abgeschlossen. "Dementsprechend gibt es keine Vorfestlegungen, und es wurden auch noch keine Entscheidungen getroffen."

Brendel betonte: "Bei dieser Frage orientiert sich der Aufsichtsrat einzig und allein am Unternehmenswohl." Der Aufsichtsrat prüfe mögliche Ansprüche gegen ehemalige oder amtierende Vorstandsmitglieder "vorbehaltlos und ohne Ansehen der Person".

Brendel reagierte damit auf einen Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der Aufsichtsrat prüfe, Winterkorn für die Milliardenschäden durch den Dieselskandal persönlich haftbar zu machen. Winterkorn drohe in diesem Fall der Ruin.

Der damalige VW-Chef war von seinem Amt zurückgetreten, kurz nachdem US-Behörden Manipulationen bei Dieselautos aufgedeckt hatten. Seitdem sind mögliche Schadenersatzansprüche gegen hochrangige Manager ein Thema für den Aufsichtsrat.

Solche Ansprüche zu prüfen, ist auch eine gesetzliche Pflicht: Nach dem Aktiengesetz (Paragraf 93) sind Vorstandsmitglieder, die ihre Pflichten verletzen, zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.

Wie reagiert Winterkorn?

Winterkorn will sich laut Insidern bei passender Gelegenheit umfassend zu den schweren Vorwürfen im Abgasskandal äußern. Er werde dann seine Sicht der Dinge darstellen, sagte eine informierte Person am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Dies hänge aber vom Fortgang der Ermittlungen in Deutschland ab.

Winterkorn sei "nicht im Büßergewand", sagte der Insider, der mit dem 70-Jährigen in Kontakt steht. Der ehemalige VW-Vorstandschef verfolge die aktuellen Schlagzeilen aufmerksam. Seine Familie gebe ihm viel Rückhalt.

Vor knapp zweieinhalb Jahren hatte Winterkorn bei seinem Rücktritt noch gesagt, dass er "fassungslos" sei, dass "Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren".

In einer Videobotschaft an die Belegschaft äußerte er damals sein Entsetzen: "Manipulieren und Volkswagen – das darf nie wieder vorkommen." Er selbst sei sich "keines Fehlverhaltens bewusst".

Wen außer Winterkorn könnte es noch treffen?

Peter Mock, Direktor der Umweltorganisation ICCT, rechnet mit weiteren Anklagen gegen ehemalige VW-Manager.

"Ich habe schon immer bezweifelt, dass nur ein kleiner Kreis ohne weitreichende Befugnisse von den Manipulationen wusste und für diese verantwortlich war", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Deswegen wäre er nicht erstaunt, wenn es zu weiteren Anklagen käme.

Was passierte mit anderen angeklagten VW-Mitarbeitern?

Der Ingenieur James Liang, der früh ein Geständnis abgelegt und als Kronzeuge mit den Ermittlern kooperiert hatte, wurde im vorigen August zu über drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Oliver Schmidt, 2012 bis 2015 in leitender Funktion für Umweltfragen in den USA zuständig, verurteilte Richter Sean Cox im Dezember zu sieben Jahre Haft. Damit ging er sogar über die Forderung der Staatsanwälte hinaus.

Inklusive Liang und Schmidt waren bereits acht weitere ehemalige und amtierende VW-Mitarbeiter von der US-Justiz angeklagt worden.

Winterkorn ist jetzt aber das mit Abstand größte Kaliber. Abgesehen vom ehemaligen VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer handelte es sich bei den Beschuldigten nicht um Mitglieder der ehemaligen Führungselite von VW. (dpa/am)