Wer schon mal Samen gepflanzt hat, kennt es: Das erste Grün, was aus der Erde lugt, besteht oft aus zwei Blättern, die ganz anders aussehen als alle, die danach kommen. Aber warum eigentlich?

Unsere Bloggerin wirft ein Licht auf die faszinierende Pflanzenwelt.

Ich habe ja ein gespaltenes Verhältnis dazu, als Biologin für alle Fragen zuständig zu sein, die mit Lebewesen zu tun haben. Denn oft tauchen diese Fragen bei Themen auf, die sehr anwendungsbezogen sind und zu denen jeder Praktiker mehr sagen kann als der Durchschnitts-Biologe.

Biologen kennen sich heute in der Regel mit Genen und Zellen aus. Sie können mit DNA hantieren und Mikroskope bedienen. Aber es ist alles andere als gesagt, dass sie außerdem noch Ahnung haben von den Schädlingen an Omas Zimmerlinde. Oder dass sie den Schimmelpilz bestimmen können, der neuerdings im Badezimmer des Nachbarn wächst.

Um in Familie und Bekanntenkreis zu beweisen, dass man als Biologin überhaupt von irgendwas Ahnung hat, was Leute wirklich interessiert, freue ich mich daher immer riesig über Fragen, bei denen die Art von Wissen gefragt ist, die Biologen tatsächlich an der Uni lernen, wie die nach den auffälligen ersten Blättern vieler Pflanzen.

Weil auf dem Fensterbrett der leidenschaftlichen Gärtnerin der Familie wieder allerhand wuchs, was bald draußen üppige Ernte bringen soll, kam ich mit meiner Schwägerin auf ein auffälliges Phänomen zu sprechen:

Wir hingen mit unseren Köpfen unter der Gardine und bewunderten die vielen kleinen Pflänzchen, als sie mich fragte, woran es eigentlich läge, dass die Sämlinge immer erst diese zwei Blätter haben, die überhaupt nicht so aussähen wie die der späteren Pflanze - und das egal ob man Tomaten gesät habe oder Radieschen, Zucchini oder irgendeine Kohlsorte.

Was sie da als "anders" identifiziert hat, sind die sogenannten Keimblätter. Für die Pflänzchen, die mit zwei von ihnen zur Welt kommen, ist dieses Merkmal tatsächlich so charakteristisch, dass es seit dem 17. Jahrhundert dazu diente, sie in der Pflanzenwelt als eine Gruppe zusammenzufassen. Und die Gemüse-Sämlinge auf der Fensterbank gehören eindeutig zu dieser Gruppe sogenannter Zweikeimblättrigen.

Später im Garten finden wir auch Pflanzen, die zu der anderen Gruppe der Bedecktsamer gehören - den Einkeimblättrigen. Auch sie sind wohlbekannt. Es sind die Sämlinge von Gras und von Mais, von Zwiebel und von Knoblauch, bei denen jeweils nur ein erstes Blättchen aus der Erde kommt und nicht zwei.

Bei den Zweikeimblättrigen ist aber viel auffälliger als bei den Einkeimblättrigen, dass diese ersten Blätter anders sind als die, die danach kommen. Es ist ihnen viel deutlicher anzusehen, dass es die einzigen Blätter sind, die es schon im Embryo gab. Denn das ist mit dem Begriff Keimblätter gemeint.

Die Biologin, Journalistin und Mutter widmet sich dem Thema "Biologie im Alltag". Mehr von ihr gibt es in ihrem Blog zu lesen.

Es handelt sich ja bei so einem Samenkorn um nichts anderes als einen winzigen Pflanzen-Embryo in einem Ruhestadium. Er kann Jahre und manchmal sogar Jahrzehnte bis Jahrhunderte überdauern. Aber wenn Wärme und Feuchtigkeit passend sind, legt er einen Kick-Start hin. Auf diesen ist der Embryo gut vorbereitet, weil alles Wichtige schon vorangelegt ist.

Jede der Zellen im Embryo "kennt" schon ihr Schicksal. Sie "weiß", ob sie im Fall der Fälle helfen wird die erste kleine Wurzel zu bilden oder ob sie bei der Keimung die zarte, kleine Sprossachse mit aufbaut. Und ein sehr großer Teil der embryonalen Zellen im Samenkorn sind eben schon festgelegt darauf, ein Teil der Keimblätter zu sein.

Besonders auffällig ist der Aufbau des Pflanzenembryos bei den Bohnen, Erbsen und anderen Hülsenfrüchten. Wer vorm Essen die Samenhülle dieser Zweikeimblättrigen beschädigt, sieht sofort, dass das Innere des Samens zum größten Teil aus diesen zwei länglichen Halbschalen besteht.

Bei diesen beiden Hälften, in die Bohnenkerne, Erbsen und Linsen zerfallen können, handelt es sich um nicht Anderes als die beiden Keimblätter. Sie nehmen den größten Teil des Embryos ein. Weil sie bei Hülsenfrüchten zudem als Speicherorgane für Eiweiße dienen, stehen diese Pflanzensamen besonders hoch im Kurs, die einen Ersatz für Fleisch und anderes tierisches Eiweiß suchen.

Hülsenfrüchte sind aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass Zweikeimblättrige sich bei der Keimung nicht immer gleich offensiv als solche outen. Die Gartenbohne keimt zwar so, dass wir ihre Keimblätter über der Erde zu sehen kriegen. Ihre Verwandte, die Gartenerbse aber, zeigt uns ihre zwei Keimblätter bei der Keimung nie. Sie spielen zwar eine große Rolle bei der Keimung, bleiben dabei aber unter der Erde.

Weil es einige solcher Heimlichtuer unter den Zweikeimblättrigen gibt, lässt sich aus dem Fehlen von zwei einfachen Keimblättern also nicht unbedingt schließen, dass eine Pflanze zu einer anderen Gruppe gehört.