Archäologen entdeckten in Sachsen-Anhalt die älteste bekannte Elfenbeinwerkstatt der Welt. Was dort vor mehr als 30.000 Jahren hergestellt wurde, war lange unklar. Nun gibt es eine Antwort.

Es waren ein paar neugierige Schüler, die alles ins Rollen brachten: Sie fanden neben einer Mühle in Breitenbach einen Mammutbackenzahn und zeigten das Stück ihrem Lehrer.

Glücklicherweise erkannte der Mann den wissenschaftlichen Wert der Entdeckung und informierte zunächst den Schulrat.

Der wiederum holte Geologen der Universität Halle und Experten vom Völkerkundemuseum Berlin in den Ort. Schon einige Wochen später wurde erstmals in Breitenbach gegraben - das war 1925.

Fast hundert Jahre später haben die Archäologen längst erkannt, welche große Bedeutung der Fundort im heutigen Sachsen-Anhalt hat. Allein knapp 20.000 Steinartefakte wurden auf dem rund 12.000 Quadratmeter großen Siedlungsplatz gefunden.

Doch eine Besonderheit legten die Archäologen erst 2012 frei. Offenbar war der Ort einst ein Zentrum für die ganz frühe Produktion von Schmuck und Kunst in der Steinzeit.

Die Altertumsforscher entdeckten eine Elfenbeinwerkstatt, sie fanden winzige Perlen und Tausende Stücke aus Mammutelfenbein, viele wiesen Bearbeitungsspuren auf.

Der Fund wurde auf ein Alter von 34.000 Jahren datiert, es ist die älteste bisher bekannte Elfenbeinwerkstatt der Welt. Doch was haben die Kunsthandwerker damals hergestellt?

"Drei Fragmente fielen uns besonders auf", sagt Grabungsleiter Olaf Jöris. Sie sind an der Außenseite besonders glatt und müssen aufwendig geschliffen worden sein. Die Teile waren sehr klein, zwischen 1,4 und 1,8 Zentimeter groß.

Die Archäologen vermuteten, dass diese Fragmente einst Teil einer größeren Figur gewesen sein könnten. Bekannt sind aus dieser frühen Zeit, als sich Homo Sapiens erst wenige tausend Jahre in Europa herumgetrieben hatte und hier und da mit dem Neandertaler anbandelte, etwa die berühmten Funde aus der Karsthöhle "Hohle Fels".

Archäologen entdeckten hier auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg geschnitzte Tierfiguren, darunter einen kleinen Pferdekopf aus Mammut-Elfenbein oder einen knapp fünf Zentimeter langen Wasservogel.

Doch 2008 fanden die Altertumsforscher in der Höhle dann eine kleine Sensation: Sie entdecken Elfenbeinteile, die sie zu einer üppigen Frauenfigur zusammensetzen konnten: Die "Venus vom Hohle Fels" ist sechs Zentimeter groß, wiegt 33 Gramm.

Pornografie in der Steinzeit?

Der Fund könnte so etwas wie ein Sexsymbol der Steinzeit gewesen sein, vermuten einige Forscher.

Die Figur verfügt über große Brüste, ein ausgeprägtes Gesäß und deutlich hervorgehobene Geschlechtsteile. Ohne Zweifel seien die Geschlechtsmerkmale der Figur bewusst übertrieben.

Der US-amerikanische Archäologe Paul Mellarrs von der University of Cambridge schrieb damals in einem Kommentar in der Fachzeitschrift "Nature", die explizite Darstellung der Frauenfigur könne nach heutigen Maßstäben fast schon als Pornografie gelten.

Solche Figuren könnten als Fruchtbarkeitssymbole gedient haben, möglicherweise handelte es sich auch um Clan-Mütter oder Erinnerungen an reale, verstorbene Menschen, glaubt Jöris. Doch das Wissen sei noch gering.

Wie auch immer man die üppige Dame vom "Hohle Fels" beurteilt, in jedem Fall gilt sie mit 35.000 Jahren als älteste Menschendarstellung der Welt und als eines der ältesten Beispiele für figürliche Kunst.

Jüngere Venusfunde gibt es viele. Doch haben die Mammutelfenbeinkünstler aus Breitenbach möglicherweise ähnliche Figuren fast genauso früh wie die Menschen im Süden des heutigen Deutschlands hergestellt? Das wollten die Archäologen um Jöris genauer wissen.

Dass die drei sorgfältig geschliffenen Fragmente nicht Teil von Tierdarstellungen waren, glauben die Forscher mit Sicherheit sagen zu können.

Die Tierfiguren aus der "Hohle Fels"-Höhle wurden stets der Längsrichtung des Elfenbeins nach aus den Stoßzähnen gearbeitet. Doch das war bei den drei Breitenbacher-Stücken anders.

Deshalb scannten die Forscher nun die umfangreiche Abguss-Sammlung an Venusfiguren aus dem Römisch-Germanischen-Zentralmuseum in Mainz.

Die 3D-Modelle verglichen sie mit der Morphologie der polierten Flächen der drei Breitenbacher-Fragmente und schauten, wo diese passen könnten.

Zwei Oberschenkelstücke, eine Brust

Tatsächlich fanden sie einen Platz für die Puzzlestücke: Zwei Teile passen gut in den Oberschenkel der "Venus vom Hohle Fels" und ein Teil könnte in die linke Brust einer Venusfigur aus Kostjonki im heutigen Russland passen.

Deshalb sind sich die Archäologen sicher, dass solche Venusfiguren auch in Breitenbach hergestellt wurden. "Das sind die ältesten Elfenbeinplastiken außerhalb Süddeutschlands", sagt Jöris.

Eine ganze Figur habe man nicht gefunden, da die Erhaltungsbedingungen an einem Freilandsiedlungsplatz deutlich schlechter seien als in einer Höhle. Doch möglicherweise finden sich noch weitere solcher Fragmente, hofft der Archäologe.

Die Entdeckung zeige, dass auch Breitenbach eines der frühen künstlerischen Zentren gewesen sein könnte. Mächtige Gletscher haben damals weit nach Süden gereicht, vor 34.000 Jahren war es hier das ganze Jahr über ähnlich kalt wie in der Tundra. Für Mammuts oder Pferde gab es hier und da Graslandschaften.

"Die Gegend in Sachsen-Anhalt war im Zeitalter des sogenannten Aurignacien so etwas wie der nördliche Rand der damals bekannten Welt", erklärt Jöris.

Einige tausend Jahre später finden sich Darstellungen weiblicher Körper in ganz Eurasien. Berühmt wurde etwa die "Venus von Willendorf", die in Österreich gefunden wurde, die aber mit einem Alter von 28.000 Jahren deutlich jünger ist.

Offenbar hat die Kunst von Breitenbach und von der Schwäbischen Alb auch andere inspiriert. Und die Wurzeln dieser Idee liegen möglicherweise im heutigen Deutschland.

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