Über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos? Fehlanzeige! Am Himmel geht es eng getaktet zu. Über drei Millionen Mal passieren Flugzeuge den deutschen Luftraum pro Jahr. Dabei werden immer wieder größere Mengen Kerosin abgelassen. Das schürt Ängste: Wie oft kommt das vor? Und wie schädlich ist das für Mensch und Natur?

Mehr zum Thema Wissen

Am 4. November 2017 ließ eine Frachtmaschine über Rheinland-Pfalz wegen technischer Probleme absichtlich rund 50 Tonnen Kerosin ab. Das ist kein Einzelfall. Beim sogenannten "Fuel Dumping" geht es darum, das Flugzeug in einer Notsituation, etwa einem technischen Defekt, für die Landung leichter zu machen.

Nach einer parlamentarischen Anfrage der Grünen im Bundestag gab die Bundesregierung bekannt, dass 2017 insgesamt 386 Tonnen Kerosin über Rheinland-Pfalz abgelassen wurden. Bundesweit seien es 580 Tonnen gewesen.

"Bei jährlich rund drei Millionen Flügen im deutschen Luftraum wird rund 15 bis 20 Mal pro Jahr ein 'Fuel Dumping' durchgeführt", sagt Ute Otterbein von der Deutschen Flugsicherung.

"Fuel Dumping" geschieht nur in Notfallsituationen

Sie betont, dass dies nie willkürlich, sondern immer nur in Notfallsituationen, etwa bei technischen Defekten, geschehe. Zudem gelte das Verfahren ausschließlich für Langstreckenflugzeuge sowie Militärjets.

"Würde das Flugzeug sofort landen, wäre das gefährlich", stellt Otterbein klar. "Das Flugzeug ist nicht dafür gebaut, mit diesem enormen Gewicht zu landen, eine zu schwere Landung bedeutet eine große Gefahr für die Passagiere, die Besatzung und das Flugzeug."

In einer solchen Situation sei die einzige Möglichkeit, Gewicht zu reduzieren, der Ablass von Treibstoff. "Im Fokus steht der Pilot und für ihn steht die sichere Flugdurchführung über allem anderen. Wie für die Flugsicherung natürlich auch. Daher ist das Ablassen von Treibstoff in solchen Notsituationen ohne Alternative."

Es gibt klare Vorgaben und Vorgehensweisen

Die Entscheidung, Kerosin abzulassen, treffe der Pilot. Er melde es dem Fluglotsen mittels Sprechfunk, woraufhin die beiden ununterbrochen in Kontakt stehen und einen geeigneten Luftraum identifizieren würden.

Dies erfolge nach den international geltenden Regeln der ICAO, der internationalen Zivilluftfahrtorganisation. Eine Verpflichtung zur Unterrichtung der Landesbehörden gibt es bislang nicht.

"Geeignet heißt in diesem Fall, dass dieser Luftraum möglichst über unbewohntem Gebiet liegt, was in Deutschland jedoch schwer ist. Außerdem darf in dem Gebiet unterhalb des Ablassvorgangs und auch in der Zeit danach kein anderer Flugverkehr stattfinden", erläutert Otterbein.

Die ICAO gebe eine Mindesthöhe für den Ablassvorgang vor, die bei 6.000 Fuß (rund 1.800 Meter) liege. "In den allermeisten Fällen allerdings wird der Treibstoffablass in weitaus größeren Höhen durchgeführt", erklärt die Expertin.

Wie schädlich ist Kerosin für Mensch und Umwelt?

Doch wie gefährlich ist das abgelassene Kerosin für Pflanzen, Tiere und Menschen, wenn der Treibstoff den Boden erreicht? Die Mineralölkohlenwasserstoffe im Kerosin sind, hoch konzentriert, giftig für Mensch und Umwelt. Werden sie eingeatmet, kann es zu Reizungen der Atemwege kommen. Auch Kopfschmerzen können die Folge sein. Ein Inhaltsstoff von Kerosin ist Benzol, das als krebserregend gilt.

Wie viel Kerosin beim "Fuel Dumping" tatsächlich am Boden ankommt, ist aktuell noch nicht klar erforscht. Eine schlechte Ökobilanz hat das Flugzeug ohnehin. Flugzeuge setzen beträchtliche Mengen Kohlendioxid (CO2), Stickoxide, Wasserdampf und Rußpartikel frei.

"Die CO2-Emissionen des Luftverkehrs tragen bereits jetzt etwa zu fünf Prozent zur globalen Erwärmung bei", heißt es auf der Seite des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Unklare Forschungslage

Im Oktober 2016 erklärte die Bundesregierung, dass der überwiegende Anteil der Kerosintropfen auf seinem Weg zur Erde verdunste. Nach einer theoretischen Berechnung würden 0,02 Gramm Kerosin pro Quadratmeter am Boden ankommen. Der Großteil des Treibstoffs verbleibe in der Atmosphäre und werde dort durch Sonnenenergie in Wasser und Kohlendioxid umgewandelt.

Dass es derzeit keine konkreten Zahlen und keine aktuellen Daten über die Auswirkungen des "Fuel Dumping" auf Mensch und Umwelt gibt, wird in Deutschland beispielsweise von den Grünen scharf kritisiert. Zwar plant das Umweltbundesamt eine Studie dazu, aussagekräftige Daten werden jedoch voraussichtlich erst Ende 2018 vorliegen.