Lebendig begraben: Ist der jetzt tot oder nicht?

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"Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden": Diese Ausstellung widmet sich einer Urangst des Menschen

Der Pastor Benjamin Georg Peßler entwickelt 1798 seinen "Leicht anwendbaren Beystand der Mechanik, um Scheintodte beym Erwachen im Grabe auf die wohlfeinste Art wieder daraus zu erretten". Peßler schlug vor, an jeden Sarg eine Röhre anzubringen, durch die ein Seil den Leichnam mit einem Rettungswecker verbindet, der bei Auslösen umgehend gegen die Kirchenglocke schlägt. Hufeland kritisierte diese Idee scharf: "Nur Ein oder ein Paarmal darf ein starker Windstoß, oder eine gegen die Kette stoßende Nachteule, oder gar eine muthwillige Hand, den Wecker abdrücken, und das Dorf vielleicht um Mitternacht, vielleicht bey übler Witterung, spukhaft und furchtlos beunruhigen: so wird die ganze wohlthätige Absicht verfehlt und die Sache selbst gewinnt Anstrich des Lächerlichen."
Rettungswecker - Funktion und Legende.
Giovanni Aldini (1762–1834) war ein Neffe von Luigi Galvani und Anhänger des Galvanismus. Er glaubte an die Existenz der Tierischen Elektrizität. Aldini wollte diese Kraft nicht nur in Tierkörpern nachweisen, sondern weitete seine Versuche auf Enthauptete aus. Die gerade Getöteten hatten - so war Aldini überzeugt - noch ein hohes Maß an Lebenskraft im Körper. In seinen Versuchen an dem zuvor erhängten Verbrecher Thomas Forster ging Aldini 1803 noch einen Schritt weiter: Äußerlich war der Körper des Doppelmörders unversehrt und Aldini betrachtete ihn als einen Scheintoten. Die äußerliche Reizung durch Elektrizität sollte diesen nun wiederbeleben. Es gelang nicht.
Eine der bekanntesten Scheintoten ist "Schneewittchen", aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Prinzessin Schneewittchen wird von ihrer Stiefmutter um ihre Schönheit beneidet. Nach mehreren Versuchen gelingt es der Königin mit einer List, Schneewittchen mit einem Apfel zu vergiften. Schneewittchen wird daraufhin von den sieben Zwergen in einem gläsernen Sarg aufgebahrt. Beim späteren Transport gibt es eine Erschütterung, wobei sich der im Hals steckende vergiftete Apfel löst und die schöne Prinzessin wiedererwacht.
Christian H. Eisenbrandt ließ 1843 den ersten Sicherheitssarg in den USA patentieren. Sein "Lebenserhaltender Sarg für zweifelhafte Todesfälle" setzte auf ein ausgeklügeltes System aus einer gefederten Klinke, die über Stäbe mit dem Finger des Toten verbunden war. Bewegte sich der Wiedererwachte, öffnete sich unverzüglich der Sargdeckel. Die runde Öffnung am Kopfende war mit einem perforierten Blech verschlossen, durch das permanent Luft in den Sarg eindringen konnte.
Bild aus Christian A. Struve: Der Lebensprüfer oder Anwendung des Galvanodesmos, Hannover 1805.
Die radikalste Maßnahme, um den Tod sicherzustellen, ist der Stich ins Herz. Ärzte sollten bei Todesfeststellung den finalen Herzstich vollziehen und damit jeden Zweifel ausräumen.
Blick in die Ausstellung "Scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden".
Hufelands Schrift "Ueber die Ungewißheit des Todes …" erschien bereits 1790 als Aufsatz in der Weimarer Zeitschrift "Der neue Teutsche Merkur". Ein Jahr später publizierte Hufeland seine Gedanken noch einmal, ergänzt um Entwürfe für den Bau und die Funktionsweise des Leichenhauses in Weimar. Nach Bruhiers Arbeit wurde dieses Werk die einflussreichste Publikation und gilt als Standardwerk der Scheintodtheorie.
Christoph Wilhelm Hufeland (1762‐1836) war einer der bedeutendsten Ärzte des 19. Jahrhunderts. Er erlangte insbesondere durch sein Werk "Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern" (1796) Bekanntheit. Hufeland forderte und förderte eine Verbesserung der staatlichen Gesundheitsfürsorge. Als "Chefarzt" der Charité, Mitglied des Berliner Armendirektoriums und Staatsrat im Preußischen Innenministerium konnte er viele seiner Vorstellungen durchsetzen. Er wollte, dass jeder Einzelne von seinen Erkenntnissen profitieren könne. So erhielt Berlin unter anderem eine Impfanstalt und eine Poliklinik für mittellose Patienten. Zeitlebens war Hufeland ein prominenter Wortführer in der Scheintod‐Debatte. Seit 1794 wurden in Berlin, wie von ihm empfohlen, Leichenhäuser eingerichtet.
Der Pastor Benjamin Georg Peßler entwickelt 1798 seinen "Leicht anwendbaren Beystand der Mechanik, um Scheintodte beym Erwachen im Grabe auf die wohlfeinste Art wieder daraus zu erretten". Peßler schlug vor, an jeden Sarg eine Röhre anzubringen, durch die ein Seil den Leichnam mit einem Rettungswecker verbindet, der bei Auslösen umgehend gegen die Kirchenglocke schlägt. Hufeland kritisierte diese Idee scharf: "Nur Ein oder ein Paarmal darf ein starker Windstoß, oder eine gegen die Kette stoßende Nachteule, oder gar eine muthwillige Hand, den Wecker abdrücken, und das Dorf vielleicht um Mitternacht, vielleicht bey übler Witterung, spukhaft und furchtlos beunruhigen: so wird die ganze wohlthätige Absicht verfehlt und die Sache selbst gewinnt Anstrich des Lächerlichen."
Die Debatte zum Scheintod war auch ein Ringen um die Festlegung gültiger Todeszeichen. Ab 1800 gewannen Ärzte und Naturforscher die Deutungshoheit über die Grenze von Leben und Tod. Sie befeuerten die Diskussion mit immer neuen Erkenntnissen über die Beschaffenheit des menschlichen Körpers und seine organischen Abläufe. Die Gelehrten der Aufklärung wollten herausfinden, wie ein noch so kleiner Lebensfunke im scheinbar Gestorbenen wieder entzündet werden kann. Experimente mit Elektrizität ließen tote Körper zucken oder deren Gesichter wilde Grimassen schneiden - und beflügelten sogar die Hoffnung, der Tod lasse sich rückgängig machen.
Das Gehirn ist das Denk‐, Empfindungs‐ und Kontrollzentrum des menschlichen Körpers. Das Großhirn besteht aus einer rechten und einer linken Hälfte. Nach außen hin wird jede Gehirnhälfte durch die Großhirnrinde – die "graue Substanz" – eingefasst. Innen lagert das Großhirnmark – die "weiße Substanz". Das Großhirn umschließt das Zwischenhirn, an das sich das Mittel‐ und Rautenhirn anschließen. Das Kleinhirn sitzt dem Rautenhirn auf. Wenn das gesamte Gehirn in allen genannten Teilen ausgefallen ist und dieser Zustand als unumkehrbar nachgewiesen ist, spricht die Medizin vom "irreversiblen Hirnfunktionsausfall". Diese Festlegung auf einen eingetretenen "Hirntod" ist ein gesetzlich vorgeschriebenes Instrument der Intensivmedizin, um den Tod zweifelsfrei festzustellen.
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