• Frühe Menschen nutzten selbst hergestellten Klebstoff, um damit beispielsweise Steinklingen an Speerschäften zu befestigen.
  • Dafür verbrannten sie Steineibenblätter.
  • Die Herstellung des Steinzeit-Klebers war allerdings alles andere als einfach.

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Vor rund 100.000 Jahren gewannen moderne Menschen im südlichen Afrika Klebstoff womöglich durch das Verbrennen von Steineibenblättern neben Steinen. Das Erstaunliche: Anders als zahlreiche andere Pflanzen in der unmittelbaren Umgebung produzieren diese Gewächse keine sichtbaren Harze oder andere klebrige Substanzen.

Erst beim Verbrennen der Blätter setzt sich das klebrige Pech auf Steinen ab, wie ein Forscherteam um Patrick Schmidt von der Universität Tübingen im Fachmagazin "PNAS" berichtet.

Experte: "Zeichen für Wendepunkt in Geschichte des Menschen"

"Die Menschen haben einen technisch doch vergleichsweise aufwendigen Prozess - das Destillieren an Steinen - dem einfachen Sammeln von Klebstoffen in ihrer Umgebung vorgezogen", erläutert Studienleiter Schmidt. "Das ist auch ein Zeichen für einen Wendepunkt in der Geschichte des Menschen; er beginnt, die Natur um sich herum zu verändern."

Möglicherweise haben die Menschen die aufwendigere Herstellung in Kauf genommen, weil das Steineiben-Pech den Forschern zufolge sehr viel besser klebt als leichter verfügbare klebrige Pflanzensäfte.

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Bereits vor einigen Jahren hatten Forschende um Schmidt gezeigt, dass sich über eine Verbrennung neben Steinen auch aus Birkenrinde Pech gewinnen lässt. Diesen Kleber nutzten unter anderem Neandertaler, etwa für Waffen und Werkzeuge.

Entscheidend bei der Herstellung von Birkenpech ist, dass neben einer Feuerstelle eine halbwegs glatte Fläche aufragt, etwa ein Stein, wie das Team damals ebenfalls in "PNAS" berichtete. Wird daneben Birkenrinde verbrannt, setzen sich auf dem Stein kleine Mengen Birkenpech ab, die mit einem Steinwerkzeug abgekratzt werden können.

Gewinnung von Birkenpech-Kleber erfordert nicht zwingend ausgetüftelte Herstellungstechniken

Ob Neandertaler diese Methode zur Klebstoffgewinnung nutzten oder auf andere Weise an das Pech gelangt sind, ist unklar. Es gibt weitere Gewinnungsmethoden, bei denen Birkenrinde ohne Luftzufuhr verbrannt werden muss. Weil das recht kompliziert ist, galt die Nutzung von Birkenpech lange Zeit als Beleg für höhere geistige Fähigkeiten der Neandertaler.

Mit ihrer Studie hatten die Forschenden um Schmidt damals demonstriert, dass derart ausgetüftelte Herstellungstechniken nicht zwingend nötig waren, um Birkenpech-Kleber zu gewinnen.

Dass auch Homo sapiens im südlichen Afrika im Lauf der Mittleren Steinzeit, die vor rund 300.000 Jahren begann, Klebstoffe nutzte, ist ebenfalls lange bekannt. Einige frühere Untersuchungen von erhaltenem Klebermaterial hatten bereits ergeben, dass dieses von Pflanzen aus der Gattung der Steineibengewächse (Podocarpus) stammte.

Aber warum nutzten die Menschen ausgerechnet diese Pflanzen? Und wie genau gewannen sie deren klebrige Extrakte? Diesen Fragen ging das Team um Schmidt nun nach.

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Forscher testen Steineibengewächse: "Da kommt einfach nichts raus"

In der Umgebung der Diepkloof Rock Shelter, einer Höhle in Südafrika mit nachweislich früher menschlicher Besiedlung, prüften die Forschenden zunächst, welche Pflanzen dort wuchsen und ob diese grundsätzlich Klebstoffe bilden.

Sie ritzten dazu etwa Stämme an, brachen Zweige ab oder schnitten in die Blätter der verschiedenen Pflanzen. Fanden sie eine Klebstoff-ähnliche Substanz, analysierten sie deren Eigenschaften genauer.

Dann testeten die Forschenden, wie sich speziell aus den Steineibengewächsen Klebstoff gewinnen lässt. "Wir haben erst versucht, durch Anritzen Kleber aus den Pflanzen zu gewinnen, haben unterschiedliche Pflanzenteile auch zu unterschiedlichen Jahreszeiten angeritzt, aber da kommt einfach nichts raus", sagt Schmidt.

Steinzeit-Kleber: Frühe Menschen gewannen Pech aus Steineiben
Möglichkeit zur Herstellung von Teer aus Steineiben: Die trockene Destillation der Blätter.

Kleber hat mit einfacherem Verbrennungsverfahren besonders hohe Qualität

Als nächstes testeten sie zwei verschiedene Verbrennungsmethoden, um das klebrige Pech aus der Pflanze zu holen: Zum einen das schon aus den Birkenpech-Versuchen bekannte, einfache Kondensationsverfahren, bei dem Steineibenpflanzen neben einem Stein verbrannt werden. Zum anderen eine Technik, die das Anlegen einer Grube und die spezielle Schichtung von Steineiben- und Brennmaterial erfordert.

Bei beiden Methoden entstand tatsächlich klebriges Pech. Das einfachere Verbrennungsverfahren lieferte zwar etwas weniger Substanz, dafür hatte dieser Kleber aber eine besonders hohe Qualität. Er war hinsichtlich der Zugfestigkeit besser als die Klebstoffe aller anderen untersuchten Pflanzen. Welche der beiden Methoden die frühen Menschen anwendeten, ist ungewiss.

Möglicherweise hätten die Menschen die einfachere Herstellungsmöglichkeit zufällig entdeckt, erläutert Schmidt. Das schmälere aber nicht die Bedeutung mit Blick auf ihre kognitiven Fähigkeiten. "Sie mussten erkennen, dass da etwas passiert, dass der Kleber funktioniert - und zwar besser als andere. Und dann mussten sie das Verfahren gezielt einsetzen." (ff/dpa)

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