Der sogenannten Tanzwut verfielen vom 14. bis zum 17. Jahrhundert besonders im deutsch-französischen Grenzraum Hunderte Menschen. Den letzten größeren Ausbruch gab es im Sommer 1518 in Straßburg. Was steckte hinter dem unheimlichen Phänomen? Eine Untersuchung könnte Licht ins Dunkel bringen.

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Scheinbar willenlos tanzten zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert immer wieder Menschenmengen auf Straßen und Plätzen, bei und in Kirchen. Schon die Zeitgenossen waren unschlüssig, wie das seltsame Verhalten zu erklären ist.

Vor allem im deutsch-französischen Grenzraum, im Gebiet der Flüsse Rhein, Mosel und Maas, war die Tanzwut epidemieartig aufgetreten. Entgegen einer verbreiteten Annahme bestand kein Zusammenhang mit der Pest.

Straßburger Tanzwut 1518: Ärzte gingen von "überhitztem Blut" aus

Den letzten größeren Ausbruch der Tanzwut, auch Veitstanz genannt, gab es im Sommer 1518 in Straßburg. Er dauerte drei Monate und betraf bis zu 400 Personen aus allen Schichten der Bevölkerung. Ärzte wurden zurate gezogen, sie gingen von "überhitztem Blut" im Kopf aus - aber egal, welche Therapie verordnet wurde: Keine schlug an.

Was über die Vorfälle überliefert wurde, klingt skurril: Menschen sollen getanzt haben, bis sie vor Erschöpfung tot umfielen; die Obrigkeit habe als "Gegenmittel" sogar Tanzveranstaltungen organisiert, damit die Betroffenen ihre Krankheit gewissermaßen "ausschwitzen" konnten. All das stuft die Forschung heute als Mythen ein.

Das mysteriöse Treiben soll abgeebbt sein, nachdem die Tanzwütigen zur Kapelle des Heiligen Veit bei Zabern gebracht worden waren. Veit und Johannes der Täufer galten als Schutzpatrone gegen dieses Leiden.

Was aber hatte die Menschen dazu gebracht, in einen Tanzrausch zu verfallen?

Tanzwut durch Nervenleiden, Rituale, Drogenrausch?

Geklärt sind die Ursachen der Tanzwut bis heute nicht endgültig. Die Bezeichnung selbst ist übrigens ein Konstrukt: "Der Begriff 'Tanzwut' wurde im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für verschiedene quellenmäßig nachweisbare Phänomene im 14. bis 17. Jahrhundert geprägt", fasst der Historiker Gregor Rohmann im Gespräch mit unserer Redaktion zusammen. Wichtig sei dabei, den Aussagewert der Überlieferung richtig einzuschätzen: "Die schriftlichen Berichte enthalten keine ärztliche Anamnese, sondern nur die Informationen, die einen spätmittelalterlichen Chronisten interessierten."

Entsprechend groß war die Zahl möglicher Deutungen. Forscher vermuteten später ein Nervenleiden oder ketzerische Rituale, möglicherweise auch fortlebende Kulte der Antike.

Großen Anklang fand die Theorie, dass die Tanzwut ein mittelalterlicher Drogenrausch war: Über verschimmeltes Getreide sei der im Mutterkorn enthaltene Stoff Ergotamin aufgenommen worden, der der modernen Droge LSD ähnelt. Befriedigend war jedoch keine dieser Thesen.

Aktuellste Sichtweise: Tanzwut als religiöse Ausdrucksform

"Die Quellen sind so vielgestaltig, dass eine monokausale Identifikation mit einem heute bekannten Syndrom nicht möglich ist", verwirft Rohmann diese Annahmen. "Die bisherige Forschung hat entweder nach neurologischen oder pharmakologischen Ursachen gesucht oder aber in der Tanzwut einen Vorläufer der sogenannten 'Massenhysterie' und zugleich einen Ausdruck der angeblichen Irrationalität der Menschen im Mittelalter sehen wollen."

In seiner 700 Seiten langen Habilitationsschrift untersuchte er stattdessen, welche Vorstellungen im mittelalterlichen Christentum überhaupt mit Tanz verbunden waren. "Schon seit der Antike war der unfreiwillige Tanz, die Gefangenschaft in einem unendlichen Reigen, als Chiffre für die Abwendung von Gott, für einen Zustand der Entfernung vom Seelenheil, geläufig", hält Rohmann fest.

Damit ist ein Erklärungsansatz für die Tanzwut gefunden. Sie erscheint nun als Krankheit, die auf religiösen Vorstellungen beruhte: Die Menschen tanzten, um zu zeigen, dass sie sich von Gott verlassen fühlten und hofften, dass sich dieser ihnen wieder zuwendet. Da die Ausbrüche vor allem im deutsch-französischen Kontaktraum stattfanden, vermutet Rohmann das Aufeinandertreffen verschiedener religiöser Vorstellungen innerhalb des lateinischen Christentums. Er betont aber, dass dieser Aspekt noch weiter untersucht werden muss.

Die Forschung geht weiter

Trotz dieses aktuellen Erklärungsansatzes bleibt vieles an der Tanzwut weiter ungeklärt. "Wir wissen noch nicht, was konkret passiert ist", meint Rohmann über die einzelnen Ausbrüche. "Ich habe in meinem Buch eigentlich nur die Vorgeschichte behandelt."

In den letzten Jahren befasste sich der Experte auch näher mit den sogenannten Tanzwallfahrten im Süden Deutschlands im 16. und 17. Jahrhundert, in denen er eine Verbindung zur mittelalterlichen Tanzwut sieht. Rohmann hofft daher, ein weiteres Buch schreiben zu können, um noch offene Fragen zu behandeln. Dies könnte dann zur Festigung der Annahme führen, dass die Tanzwut eine kulturelle Erscheinung beim Übergang des Mittelalters hin zur Neuzeit war.

Über den Experten: Gregor Rohmann ist Historiker und derzeit Privatdozent für mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsgebieten gehören religiöse Vorstellungen, Medizin und Körper sowie Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur im Mittelalter.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Gregor Rohmann, Privatzdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Gregor Rohmann: Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts, Göttingen 2013.
  • Patricia Bauer: s.v. Dancing plague of 1518, Encyclopædia Britannica.
  • Martin Halter: Historische Tanzwut: Der innere Kitzel des Hopsens und Zappelns, FAZ vom 18.11.2018.
  • Andrea Westhoff: In Straßburg bricht eine Tanzwut aus, Deutschlandfunk
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