Tschernobyl: So sieht es 35 Jahre nach der Atomkatastrophe aus

Am 26. April 1986 zieht nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine radioaktive Wolke von der Ukraine nach Belarus bis Westeuropa. Auch 35 Jahre später beschäftigt die schwerste Katastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft noch viele Menschen. Vor Ort hat sich die Natur derweil ihren Raum von den Menschen zurückerobert. © 1&1 Mail & Media/spot on news

Nach der schweren Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 in Reaktor-Block 4 des dortigen Kernkraftwerks wurde eine Sperrzone im Umkreis von 30 Kilometern um das Atomkraftwerk errichtet. Dazu gehört auch die Stadt Prypjat. Das Foto zeigt das Stadtzentrum vor und rund 30 Jahre nach der Katastrophe.
Prypjat ist heute vollkommen verwildert. Das Bild der verlassenen Stadt prägen neben Hochhäusern nun auch hoch gewachsene Bäume. Der ukrainische Ort mutierte zur Geisterstadt.
Zum Zeitpunkt der Katastrophe wohnten in Prypjat etwa knapp 50.000 Menschen. Ein Rummel, der am 1. Mai eröffnet werden sollte, steht bis heute dort und gilt als eine der Sehenswürdigkeiten des Ortes.
Ein trauriges Bild: Ein verlassener Kindergarten gefüllt mit leeren Betten in Tschernobyl. Das Foto entstand im November dieses Jahres.
In einem ehemaligen Klassenraum in einer Mittelschule in Prypjat stapeln sich bis zum heutigen Tag alte Gasmasken auf dem Boden.
Das Gebiet um die damals verhängte Sperrzone in Prypjat ist seit Ende Juli 2011 wieder für den Tourismus geöffnet. Sogenannte Extremtouristen erkunden dabei Orte wie diesen verlassenen Parkplatz eines Supermarktes.
Anders als in Prypjat gibt es in Tschernobyl viele guterhaltene Orte. In der St. Elijah-Kirche finden mittlerweile sogar wieder ab und an Messen statt. Tschernobyl liegt zwar in der 30-km-Sperrzone, allerdings außerhalb der inneren 10-km-Sperrzone, sodass viele Gebäude nach dem Unglück renoviert werden konnten.
Besonders seit dem Erfolg der HBO-Serie "Chernobyl" sei der Tourismus in der Region rund um die Katastrophe nochmals um 30 bis 40 Prozent angestiegen. Die Gegend stellt zudem ein Mahnmal dar.
Während einige Dörfer rund um die Region völlig verlassen und heruntergekommen sind, sind an einigen Orten Menschen illegal in ihre Häuser zurückgekehrt. Rund 700 Personen wohnen heute in der Region des Sperrgebiets, wo sie mittlerweile staatlich geduldet werden.
Allerdings kehrte nicht nur die Menschheit in das kontaminierte Gebiet zurück. Die Flora und Fauna rund um Tschernobyl wuchs in den vergangenen Jahren stark an. Unter ihr auch die vom Aussterben bedrohte Wildpferd-Rasse der Przewalski-Pferde. 30 Pferde dieser Art wurden in den 90er Jahren in dem Gebiet ausgesetzt.
Die britischen Ökologen Mike Wood und Nick Beresford fanden in einer Studie heraus, dass einige der damals ausgesetzten Pferde heute noch immer leben. Außerdem zeigten Fotos von versteckten Kameras in der Wildnis, dass sich die Tiere dort auch zahlreich fortpflanzten.
Aber auch andere seltene Tiere konnten in der Sperrzone gesichtet werden: So leben in den Wäldern dort unter anderen Elche, Waschbären, Braunbären und sogar Bisons.
Auch der vom Aussterben bedrohte Fuchs konnte in der kontaminierten Zone gesichtet werden. Die verlassenen Orte bieten Raum für ein interessantes Experiment: Wie verhält sich die Natur ohne den Einfluss des Menschen?
Während die Zahl an Säugetieren in den letzten Jahren anstieg, ging die der Insekten stark zurück. Eine Studie in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Biology Letters" 2009 sah einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang des Insektenreichs und radioaktiver Strahlung. Spinnennetze wie dieses sind in der Gegend also ein seltener Anblick.
Neben den Wildtieren finden sich auch zahlreiche Streuner auf den Straßen der großteils verlassenen Orten. Diese sehen zwar deutschen Haustieren gleich, unterscheiden sich aber in der DNA zu den unseren.
Allerdings bleibt der genaue Einfluss der Strahlung auf die Tierwelt unter Wissenschaftlern bis heute umstritten. Man vermutet, dass Mutationen hauptsächlich direkt nach dem Austritt der radioaktiven Strahlung aufgetreten sind, diese die Tiere aber heute kaum noch beeinflusst.
Weiterhin fand man heraus, dass seltene Tierarten weit häufiger von Mutationen betroffen waren als alltägliche Arten. Allerdings benötigt es weitere Untersuchungen, um genaue Aussagen über die Auswirkungen radioaktiver Strahlungen auf die Fortpflanzungsrate oder Biodiversität des Tierreichs zu treffen.
Die gefährliche Strahlung hatte auch Auswirkungen auf die Natur rund um Tschernobyl. So führte die Radioaktivität kurz nach dem Ausbruch zu einer schnellen Verfärbung der Nadeln von Koniferen. Die abgestorbenen Nadelbäume mit rot-brauner Verfärbung erhielten die Bezeichnung "Roter Wald".
Auf der anderen Seite förderten die Strahlungen den Wachstum von zahlreichen Pilzen.
So fanden Wissenschaftler in einer Studie im Jahr 2007 heraus, dass Pilze, die durch Melanin schwarz gefärbt sind, von Radioaktivität ähnlich angezogen werden wie etwa Pflanzen von Licht.