Der Anführer einer christlich-fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft ist in den USA wegen Missbrauchsverdachts angeklagt. Viele Anhänger stehen trotzdem zu ihm – weil sie ihn für einen Apostel halten.

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August 2019: In Mexiko kommen 600.000 Gläubige aus 58 Ländern zusammen, um ein heiliges Fest mit Massentaufen zu begehen. Sie sind Anhänger der christlich-fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft "La Luz del Mundo" (Spanisch für: "Das Licht der Welt"). Während sie das mehrtägige Fest feiern, sitzt ihr "Anführer" in Los Angeles in Haft: Naasón Joaquín García wird unter anderem verdächtigt, Minderjährige vergewaltigt und missbraucht zu haben.

Nachdem Anschuldigungen gegen ihn zunächst wegen Strafverfolgungsfehlern zurückgewiesen worden waren, muss er sich nun ein gutes Jahr später doch vor Gericht verantworten. Der Popularität der sektenähnlichen Gemeinschaft tut das jedoch keinen Abbruch.

"Erbe" von Großvater und Vater

Der Mexikaner Eusebio Joaquín González, Großvater des Inhaftierten, hatte die Glaubensgemeinschaft 1926 gegründet. Deren Mitglieder glauben, dass die Erlösung nur dann kommt, wenn man den Aposteln folgt. Es gibt viele Regeln. Frauen und Männer sitzen in den Gottesdiensten zum Beispiel getrennt voneinander. Frauen tragen lange Röcke oder Kleider und müssen ihren Kopf bedecken, Make-up und Schmuck sind verboten. Sie dürfen auch kein Priesteramt ausüben.

García, der in Kalifornien lebt und die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, trat 2014 die Nachfolge seines Vaters als Anführer an. Seine Kirche hat nach eigenen Angaben 1,8 Millionen Anhänger allein in Mexiko – und weltweit rund fünf Millionen. Sie betrachten – nach seinem Großvater und seinem Vater – nun García als dritten "Apostel": als von Jesus Christus Gesandten.

"Apostel-Dasein" als Druckmittel

Ein Umstand, der dem 51-Jährigen viel Macht einräumt – und den er auch für seine Übergriffe ausgenutzt haben soll: Die US-Behörden werfen Garcia Menschenhandel vor. Er soll minderjährige Mädchen vergewaltigt, zu sexuellen Handlungen gezwungen und pornografische Bilder angefertigt haben. Auch drei Frauen, die Mitglied der Glaubensgemeinschaft sind, stehen unter Verdacht, an Taten beteiligt gewesen zu sein. Den Vorwürfen des kalifornischen Justizministeriums zufolge sagte García seinen Opfern, dass sie gegen Gott handelten, falls sie den Wünschen des "Apostels" nicht nachkämen.

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Anhänger glauben an seine Unschuld

Vor Gericht beteuern die Angeklagten ihre Unschuld. Im mexikanischen Guadalajara, wo die Gemeinschaft ihren Sitz hat, glauben viele Anhänger Garcías daran. Der 60-jährige Elpidio Acevedo, der zu den Täuflingen aus dem August gehörte, sagte der Nachrichtenagentur AFP etwa: "Die Kirche hat nie auch nur für einen Moment daran gezweifelt, dass Gott eine Antwort geben wird. Wir wissen, dass er ein ehrenwerter Mann, ein unschuldiger Mann ist."

Die Menschen halten also trotz hoher Beweislast zu ihrem Anführer. Christoph Grotepass verwundert das nicht. Er ist theologischer Berater und Referent beim Verein Sekten-Info Nordrhein-Westfalen. "Sie ziehen oft gar nicht erst in Erwägung, dass der Apostel, der von höherer Stelle geleitet wird, etwas falsch gemacht haben könnte. Sondern sie nehmen derartige Vorwürfe unter Umständen als böse Verleumdung von außen wahr", sagt der Experte im Gespräch mit unserer Redaktion. "Als Vorwürfe eines atheistischen Staates, der von bösen Mächten geleitet ist."

"Äußere Normen wichtiger als innere Impulse"

Aber selbst diejenigen, die tatsächlich von den Taten wissen oder sogar selbst davon betroffen sind, sehen das Unrecht häufig nicht: "Bei restriktiven Gemeinschaften mit klaren Normen zählen die von der Gruppe auferlegten Werte mehr als die inneren Wünsche und Impulse des einzelnen Mitglieds", erklärt der Experte. Da bestehe durchaus die Gefahr, dass gerade Kinder, die darin aufwachsen, erst gar keinen eigenen Willen bilden und kein eigenes Wertesystem aufbauen.

Der Druck von außen erschwert es Opfern von körperlicher oder psychischer Gewalt, Hilfe zu suchen. "Sie fragen sich sogar: Bin ich ungehorsam?" Es kann ihnen passieren, dass sie mit Anschuldigungen den Unmut anderer Mitglieder auf sich ziehen. "Man glaubt ihnen nicht, sie haben keine Fürsprecher – oder sie bekommen gesagt: Überlasse das Gott." Eine Gruppendynamik, die auch zur Folge haben kann, dass autoritäre Anführer wie García nicht mehr kritisch über ihre Taten nachdenken brauchen. "Niemand widerspricht ihnen."

Derartige Vorfälle betreffen aber keineswegs nur christlich-fundamentalistische Glaubensgruppen, betont Christoph Grotepass. Restriktive Gemeinschaften können Missbrauch begünstigen – ob sie religiös sind oder nicht.

Immens hohe Kaution

Das Gericht in Los Angeles hat die Kaution für eine zeitweise Freilassung Garcías inzwischen von 50 auf 90 Millionen US-Dollar erhöht – eine extrem hohe Summe. Die Justiz befürchtet, dass die Loyalität der Anhänger auch vor finanziellen Hürden nicht Halt macht – und sie bereit sind, sehr viel Geld zu investieren, um ihren "Apostel" zu befreien.

Zum Experten: Der Diplom-Theologe Christoph Grotepass war von 2002 bis 2007 Pastor im Sonderdienst für Sekten und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland. Schon da war er dem Verein Sekten-Info Nordrhein-Westfalen als Berater und Referent zugeordnet. Seit 2007 ist er dort als theologischer Berater und Referent tätig.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Christoph Grotepass
  • BBC: Light of the World: Mexican church holds gathering amid sex crimes scandal
  • Latimes: La Luz Del Mundo leader held on all counts of rape, child pornography and sex trafficking
  • World Religions and Spirituality: La Luz Del Mundo
  • Nachrichtenagenturen AFP und AP
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