Trotz Fortschritten in einigen EU-Staaten stellt der Einsatz von chemischen Pestiziden weiter eine erhebliche Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Umwelt in Europa dar. Zu diesem Schluss kommt die EU-Umweltagentur EEA in einer am Mittwoch veröffentlichten Analyse. Die politischen Entscheidungsträger und die Mitgliedstaaten müssten deutlich mehr dafür tun, die EU-Ziele unter anderem zur Verringerung des Gebrauchs und der Risiken chemischer Pestizide um 50 Prozent bis 2030 zu erreichen. Die Abhängigkeit von solchen Mitteln könne etwa durch den Übergang zu alternativen Landwirtschaftsmodellen mit ökologischen Konzepten gemindert werden.

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Der weit verbreitete Einsatz von Pestiziden sei eine Hauptquelle für die Verschmutzung von Wasser, Boden und Luft, außerdem treibe er den Verlust der Artenvielfalt voran und führe zu Schädlingsresistenzen, schrieb die in Kopenhagen ansässige Behörde. Dass Menschen ihnen ausgesetzt sind, stehe in Verbindung zu chronischen Krankheiten wie Krebs und Herz-, Atemwegs- sowie neurologischen Erkrankungen. Dennoch vertraue der Agrarsektor in Europa noch immer auf den Gebrauch großer Mengen dieser Substanzen, um die Ernteerträge aufrechtzuerhalten.

"Die Landwirtschaft hängt am Tropf der Pestizid-Industrie", erklärte die Verbraucherorganisation Foodwatch mit Blick auf den EEA-Bericht. Landwirte seien wirtschaftlich von Pestiziden abhängig, um immer höhere Erträge zu erzielen. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssten endlich handeln, forderte Foodwatch-Sprecher Dario Sarmadi. "Der Einsatz von Pestiziden muss durch eine Steuer deutlich teurer werden, ein Verzicht auf Pestizide muss honoriert werden."

Der Gebrauch von Pestiziden ist in den vergangenen Jahren in den EU-Staaten relativ konstant geblieben, wie EEA-Experte Dario Piselli sagte. Von 2011 bis 2020 wurden demnach rund 350 000 Tonnen pro Jahr davon verkauft. Die größten Mengen der meisten aktiven Substanzen wurden in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien abgesetzt - den vier größten landwirtschaftlichen Erzeugern in der EU.

Der Einsatz hat laut den Experten Folgen sowohl für die Umwelt als auch für den Menschen: In knapp 22 Prozent der Beobachtungsstellen in Flüssen und Seen Europas sei 2020 ein Pestizidniveau oberhalb der Bedenklichkeitsschwelle gefunden worden. In einer Studie im Jahr 2019 hätten 83 Prozent aller getesteten landwirtschaftlichen Böden Pestizidrückstände enthalten. Gerade Insekten mache das zu schaffen, was ihre wichtige Rolle bei der Lebensmittelproduktion gefährde.

Menschen sind demnach vor allem durch die Aufnahme von Lebensmitteln und Trinkwasser betroffen. Bei einer umfassenden Untersuchung in fünf europäischen Ländern zwischen 2014 und 2021 seien in 84 Prozent der genommenen Urinproben mindestens zwei Pestizide entdeckt worden - diese Rate sei besorgniserregend, sagte Piselli. Kinder wiesen durchweg höhere Pestizidkonzentrationen auf als Erwachsene und seien besonders anfällig für negative Gesundheitsfolgen.  © dpa

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