Venedig hat nach der schlimmsten Überflutung seit mehr als 50 Jahren den Notstand ausgerufen - und muss auch künftig mit steigenden Wasserpegeln rechnen: Die Prognosen von Klimaforschern sind extrem ungünstig.

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Wenn die Wasserstände an einer bestimmten Messstation in Venedig über 1,10 Meter über die Nullmarke steigen, ertönen Sirenen in der Stadt. Für die Venezianer gehört der Alarm zur Routine - die Lagunenstadt in Italien wird regelmäßig überflutet. Doch in der Nacht zum Mittwoch näherten sich die Wasserstände einem dramatisch hohen Wert.

Kurz vor Mitternacht erreichte der Pegel die 1,87-Meter-Marke. So hoch wie seit 1966 nicht, damals stieg der Pegel auf bis zu 1,94 Meter.

Der Markusplatz stand in der Nacht zu Mittwoch unter Wasser, Gondeln rissen los und trieben durch die Kanäle. Der Präsident der Region Venezien, Luca Zaia, sprach von "apokalyptischer Zerstörung". Der Notstand wurde ausgerufen. Mindestens ein Mensch kam ums Leben.

Hochwasser: Warum wird Venedig so oft überflutet?

Besonders im Herbst und Winter kommt es in Venedig häufig zu Überschwemmungen, bekannt als Acqua Alta. Herrscht während einer außergewöhnlich starken Flut gleichzeitig niedriger Luftdruck, schiebt der Sahara-Wind Scirocco das Wasser bis in die Kanäle von Venedig. Bei der aktuellen Überflutung kamen auch noch heftige Regenfälle hinzu.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zahl der Hochwasser etwa verdoppelt. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Die Stadt sackt allmählich ab. Venedig liegt heute etwa 25 Zentimeter tiefer als noch vor hundert Jahren. Vor allem die Entnahme von Grundwasser hatte diesen Prozess beschleunigt. Seit Ende der Sechzigerjahre ist das zwar verboten. Doch laut einer Studie aus dem Jahr 2012 sinkt die Stadt trotzdem weiter - um etwa zwei Millimeter pro Jahr. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass sich die Erdplatte, auf der Venedig liegt, langsam unter die Eurasische Platte schiebt.
  • Zudem hat Venedig die Hafeneinfahrten deutlich erweitert und die Fahrrinnen auf bis zu 18 Meter ausgebaggert. Dadurch werden jedes Jahr Millionen Kubikmeter Sand aus der Lagune ins Meer gespült, was den Untergrund weiter destabilisiert.
  • Klimaforscher gehen davon aus, dass die Überschwemmungen wegen des Klimawandels weiter zunehmen werden. Untersuchungen zeigen, dass der Meeresspiegel um Venedig deutlich schneller steigt als im weltweiten Durchschnitt. Zwischen 1993 und 2015 wuchsen die durchschnittlichen Pegel um bis zu 6,6 Millimeter pro Jahr.

Geht die Entwicklung so weiter, wie es der Weltklimarat IPCC vorhersagt, könnte Venedig in 80 Jahren jeden zweiten Tag zumindest teilweise unter Wasser stehen. Laut einer weiteren Untersuchung könnten die Wasserstände auf bis 2,5 Meter steigen.

Bollwerk gegen die Fluten

Die größte Hoffnung der Unesco-Welterbestadt sind 78 Fluttore, die Venedig an den drei Eingängen zur Lagune vor dem Adriatischen Meer abriegeln sollen. Die einzelnen Tore sind bis zu fünf Meter dick, 20 Meter breit und bis zu 30 Meter hoch.

Normalerweise liegen sie verborgen am Meeresgrund. Bei Hochwasser wird Luft in die Stahlkästen gepumpt, die sich dadurch aufrichten. Eigentlich sollte das sogenannte Mose-Projekt längst fertig sein. Die Eröffnung hat sich aber immer weiter verschoben, auch wegen Korruptionsskandalen. Ob das sechs Milliarden Euro teure Bauwerk wie zuletzt geplant 2022 fertig sein wird, ist fraglich.

Bis kurz vor Mitternacht stieg das Wasser - angetrieben durch starken Wind - auf 187 cm über dem Meeresspiegel. Das sei der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966, teilte die Kommune mit. Hier sehen Sie den überfluteten Eingangsbereich zum Markusdom.

Mega-Projekt könnte neue Probleme hervorbringen

Kritiker fürchten jedoch, dass durch die Sperrwerke andere Probleme entstehen. Bei anhaltend hohen Wasserständen müsste die Lagune vielleicht über Tage vom Adriatischen Meer abgeriegelt werden. Dadurch könnte der Sauerstoff im Wasser der Lagune knapp werden und das Ökosystem kollabieren.

Einige Forscher schlagen deshalb vor, die ganze Stadt anzuheben, beispielsweise mittels flüssigen Zements. Die Idee stammt bereits aus den Siebzigerjahren. Damals wurde eine kleine Insel in der Lagune von Venedig erfolgreich um zehn Zentimeter angehoben.

"Venedig wird in den kommenden Jahrhunderten unter den Meeresspiegel sinken", sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) dem "Spiegel". Die Lagunenstadt werde gleich von zwei Seiten angegriffen: Wegen der sich durch die Treibhausgase erwärmenden Luft komme es immer häufiger zu Starkregen. Gleichzeitig steige der Meeresspiegel. "Um die weitere Erwärmung zu begrenzen", so Levermann, "müssen wir den Ausstoß von CO2 aus Kohle und Öl rasch reduzieren."  © SPIEGEL ONLINE

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Venedig Hochwasser: Die "Katastrophe" in Bildern

Heftige Regenfälle haben in Venedig zu schweren Überschwemmungen geführt. In der Nacht zum Mittwoch stieg das Hochwasser auf den höchsten Wert seit mehr als 50 Jahren. Bürgermeister Luigi Brugnaro sprach von einer "Katastrophe". (mit Material der dpa)
Teaserbild: © ZUMA Press/dpa