Die zerstückelten Körper lagen in einer Höhle: 2013 fanden Archäologen in der Maya-Stadt Uxul ein 1.400 Jahre altes Massengrab. Nun meinen sie auch den Grund für das Gemetzel zu kennen.

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Sie müssen sich Feinde gemacht haben. Warum sonst hätte man sie köpfen und zerstückeln sollen? Als Archäologen 2013 in der Maya-Stadt Uxul auf ein Massengrab stießen, glaubten sie nicht an einen natürlichen Tod der 20 Menschen, die dort verscharrt lagen. Die Leichen waren offenbar fachmännisch zerteilt worden, die Arm- und Beinknochen landeten auf einem Haufen, die abgetrennten Schädel und Unterkiefer in einem Halbkreis drumherum.

Nun glauben die Forscher zu wissen, wer hier vor gut 1.400 Jahren auf so grausame Weise den Tod fand.

Laut einer Strontium-Isotopen-Analyse stammen die meisten Opfer aus dem südlichen Tiefland im heutigen Guatemala, mindestens 150 Kilometer von Uxul entfernt, das tief im Dschungel des heutigen Mexiko liegt.

"Einheit der Individuen zerstören"

Strontium wird mit der Nahrung aufgenommen und lagert sich in Knochen und Zähnen ab. Die Isotopenverhältnisse unterscheiden sich von Region zu Region. "Da die Entwicklung des Zahnschmelzes in früher Kindheit abgeschlossen ist, lässt sich anhand des Strontium-Isotopenverhältnisses schließen, wo ein Mensch aufgewachsen ist", erklärt Seefeld.

Da die Verstorbenen nicht aus Uxul stammen, vermuten die Forscher, dass sie nicht zufällig als Menschenopfer ausgewählt wurden, sondern dass es sich um Kriegsgefangene handelt. Zwar ist es auch denkbar, dass die Opfer Einwanderer waren. Aber die Enthauptung und Zerstückelung von Menschen traten zu Zeiten der Maya meist in Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen auf.

Unter den Toten waren mindestens 14 Männer, eine Frau und ein 18 Monate altes Kind. Aufwendiger Zahnschmuck aus Jade und Gravuren in den Schneidezähnen lassen vermuten, dass die Verstorbenen einen hohen sozialen Status hatten. Die Forscher glauben, dass die Opfer außerhalb der Höhle getötet und enthauptet wurden.

Hitzespuren an den Knochen zeigen zudem, dass die Körper Feuer ausgesetzt wurden - vermutlich um Haut und Muskeln besser ablösen zu können. Die ursprünglich zusammenhängenden Körperteile lagen in möglichst großem Abstand zueinander. "Darin wird deutlich der Wunsch erkennbar, die physische Einheit der Individuen zu zerstören", sagt Seefeld.

"Eine Demonstration der Macht"

Dass die Maya nicht gerade zimperlich mit Gefangenen umgingen, zeigen Inschriften und grafische Darstellungen. Auf Vasen, Bechern oder Wandbildern sind Gefangene zu sehen, die erniedrigt werden oder auf brutale Art und Weise ums Leben kommen. Auf den bekannten bunten Wandmalereien von Bonampak sitzen blutende Gefangene zusammengekauert auf den Stufen eines Palastes. Bei einer anderen Darstellung wird ein Mensch als Bündel zusammengeschnürt eine steile Pyramide hinuntergerollt.

Diese Darstellungen zeigen häufig siegreiche Herrscher, die bevorzugt die Eliten der unterlegenen Stadt zu Kriegsgefangenen machten, um sie später öffentlich zu demütigen und zu töten. "Deshalb sind die dokumentierten Handlungen aus Uxul nicht als bloßer Ausdruck von Grausamkeit oder Brutalität zu verstehen, sondern als eine Machtdemonstration", sagt Seefeld.

Nach allem was die Forscher wissen ist es am wahrscheinlichsten, dass es sich bei den Toten von Uxul um einflussreiche Kriegsgefangene aus einer Stadt im südlichen Maya-Tiefland handelt, die im Kampf unterlagen und nach Uxul gebracht wurden, um sie zu töten. Mindestens ein Erwachsener und das etwa 18 Monate alte Kind kamen jedoch aus Uxul. Vielleicht hatten sich ihre Familien des Verrats schuldig gemacht?  © SPIEGEL ONLINE