In einem Meerbusen in Australien fallen Ebbe und Flut viel heftiger aus als anderswo in der Region. Außerdem verspäten sich die Gezeiten regelmäßig. Woran liegt das?

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Der Wechsel von Ebbe und Flut gehört zu den faszinierendsten Phänomenen der Erde. Wenn Kinder das erste Mal an der Nordsee Ferien machen, kann man ihr Staunen über das verschwindende und wiederkehrende Wasser manchmal an ihren Gesichtern ablesen.

Wahrscheinlich ging es den Menschen zu Urzeiten nicht anders, als sie noch keine Ahnung von der Anziehungskraft von Mond, Sonne und dem Einfluss der eiernden Erde hatten, die die Wassermassen rund um den Globus in Bewegung halten.

Größte Gezeitenschwankung in der Region

Dabei ist der Tidenhub an der Nordsee noch überschaubar. Er beträgt an der deutschen Nordseeküste zwischen zwei und drei Metern. Das ist wenig im Vergleich zu den Wasserbewegungen, die sich in der Region auf dem Satellitenbild oben abspielen.

Das Bild stammt von der Ostküste Australiens. Hier liegt der Unterschied zwischen Ebbe und Flut bei bis zu zehn Metern. Es ist die größte Gezeitenschwankung in der Region.

Die Aufnahme zeigt den Broad Sound, eine trichterförmige Bucht von gut 50 Kilometern Länge und einer Breite von etwa 20 Kilometern. Sie liegt im Bundesstaat Queensland, das südliche Ende des Great Barrier Reef liegt direkt vor der Bucht. Und bis in die Hauptstadt Brisbane, die wichtigste Stadt des Bundesstaats, sind es fast 700 Kilometer.

Das Wasser muss einen Umweg machen

Dass die Bucht etwas Besonderes ist, war schon einem Forscher im frühen 19. Jahrhundert aufgefallen. Der britische Entdecker Matthew Flinders berichtete, dass die Flut "mindestens dreißig, vielleicht sogar fünfunddreißig Fuß erreiche" und Stunden später als erwartet auftrat. Tatsächlich steigt das Wasser hier etwa sechsmal höher als anderswo an der Ostküste. Flinders stand vor einem Rätsel.

Inzwischen ist es gelöst. Der ungewöhnliche Tidenhub entsteht durch besondere lokale geografische Begebenheiten. Die Gezeitenkräfte werden am Broad Sound durch die Form der Bucht und die flachen Gewässer des nahe gelegenen Great Barrier Reef noch verstärkt.

Das Riff hemmt die Bewegungen des Wassers zunächst. Die Strömung konzentriert sich dafür auf zwei nahe gelegene Kanäle – Flinders Passage im Norden und den Capricorn Channel im Südosten. Hier sind die Wasserbewegungen dafür besonders stark. In der Bucht laufen die Wassermassen zusammen und führen zu einem deutlichen Anstieg bei Flut.

Wegen des Riffs muss das Wasser im Grunde einen Umweg durch die beiden Kanäle machen, um die Bucht zu erreichen - das erklärt die zeitliche Verzögerung. Aufgrund deren Form und Größe kann es in verschiedenen Gebieten zu höheren Gezeiten kommen als in anderen.

Rekordverdacht in Kanada

Das Bild oben wurde am 29. Oktober 2020 um 10 Uhr australischer Ostküstenzeit vom Nasa-Erdbeobachtungssatellit "Landsat 8" aufgenommen. Es sei eine Mischung aus Kunst und Wissenschaft, schreibt die Nasa. Denn der Forscher, der es bearbeitet hat, habe wie ein Fotograf, der die Beleuchtung anpasst und Filter verwendet, gearbeitet, um feine Details im Wasser herauszuarbeiten.

Durch die üppigen Farben lassen sich Sedimente und Phytoplankton im Wasserfluss leicht erkennen und unterscheiden. Die hellbraunen Töne in Ufernähe sind wahrscheinlich aufgewirbelter Schlamm. Weiter draußen wird dagegen grobkörniges Karbonat bewegt. In die Bucht münden keine nennenswerten Flüsse, allein die Flut sorgt für den Farbmix.

Mit dem Auf und Ab von Ebbe und Flut geht es anderswo übrigens noch heftiger zu: In der kanadischen Bay of Fundy am Golf von Maine beträgt der Tidenhub bis zu 21 Meter.  © DER SPIEGEL

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