Wasser wird knapp - in manchen Regionen Europas kommt es schon zu Diebstahl in größerem Stil. Eine neue Studie liefert alarmierende Zahlen.

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Als der kleine Julen im Januar 2019 in Spanien in einen schmalen Schacht fiel und starb, berührte sein Schicksal Millionen Menschen auf der ganzen Welt.

Der Junge war in eines der sogenannten Mondscheinlöcher gefallen. Sie entstehen bei illegalen Wasserbohrungen, die in Spanien in den trockenen Boden getrieben werden.

Auftraggeber sind meist große landwirtschaftliche Betriebe, die dringend Wasser für ihre Felder benötigen. Ausbleibende Niederschläge und sinkende Grundwasserspiegel erschweren die Bewirtschaftung in vielen Regionen des Landes.

Hunderttausende Mondscheinlöcher in Spanien

Mondscheinlöcher heißen so, weil sie nachts in aller Heimlichkeit gebohrt werden. Wenn an der Stelle kein Wasser kommt, werden sie einfach zurückgelassen. Hunderttausende solcher schmalen Schächte soll es in Spanien geben, vermuten Experten.

Die Schätzung klingt übertrieben, vor dem Hintergrund einer neuen Studie allerdings erscheint sie plausibel. Demnach werden zwischen 30 und 50 Prozent der jährlichen Wasserresourcen gestohlen, schreibt Hauptautor Adam Loch in der Arbeit, die im Fachmagazin "Nature Sustainability" erschienen ist.

Die Schätzung basiert auf Zahlen von Interpol. Laut Autor Loch könnte sie in den kommenden Jahren zunehmen, da sich das Problem mit zunehmender Knappheit der wertvollen Ressource aufgrund des Klimawandels verschärfen könnte.

Das Ziel der Studie ist, vor allem die Hintergründe des Wasserdiebstahls zu verstehen. Bisher habe es zu der Thematik nur wenige wissenschaftliche Arbeiten gegeben. Deshalb entwickelten die Forscher aus drei Fallstudien ein Modell zum Wasserdiebstahl, das beispielsweise die Motive der Täter berücksichtigt.

Australien: Schwachstellen im System

Die Forscher untersuchten ein Erdbeeranbaugebiet in Spanien, den Baumwollanbau in Australien und den Anbau von medizinischem Cannabis in den USA.

Besonders in Australien offenbarte die Studie Schwachstellen im System. Dort sei es sehr schwer, die Einhaltung der Gesetze zu überprüfen und kriminelle Handlungen nachzuvollziehen. Ein erheblicher Anteil der Entnahmen aus Rückhaltebecken werde beispielsweise gar nicht gemessen.

Oft fehlte es an Zählern, die noch nicht installiert waren. Es sei dringend erforderlich, alle Oberflächen- und Grundwasserentnahmen in Australien zu messen, so die Forscher.

Kampf ums Wasser

Neben strengeren administrativen Einrichtungen brauche es aber auch mehr Durchsetzungskraft. In Spanien seien Aufsichtsbehörden schon angegriffen worden, als sie versuchten, gegen Wasserdiebe vorzugehen.

Auch in den USA berichtete die Polizei, dass sie machtlos war, Erzeuger von medizinischem Marihuana daran zu hindern, Wasser von Hydranten abzuzweigen.

Auch in Deutschland zeichnet sich mit zunehmenden Dürren und niedrigen Regenmengen, die das Grundwasservorkommen nicht mehr ausreichend auffüllen, ein Kampf um die Wasserverteilung ab.

Zwar können die Trinkwasserversorger grundsätzlich genügend Wasser bereitstellen. Dafür fallen aber immer höhere Investitionskosten bei der Aufbereitung an. Brunnen müssen beispielsweise tiefer gebohrt werden.

Und um in heißen Sommerphasen Verbrauchsspitzen abzudecken, werden mancherorts modernere Leitungssysteme benötigt.

Bei länger anhaltendem heißem Wetter kann das Wasser schon jetzt in manchen Kommunen knapp werden. Aufgrund der Coronakrise haben viele Deutsche in diesem Sommer zu Hause Urlaub gemacht und für ihre Gärten Swimmingpools und Planschbecken angeschafft.

Der hohe Verbrauch hatte in einer Gemeinde bei Niedersachsen kurzfristig das gesamte aufbereitete Trinkwasser aufgezehrt. Solche Fälle treten inzwischen jährlich auf.

Kommunen im Zwiespalt

Dabei entsteht für die Kommunen in manchen grundwasserarmen Regionen ein Konflikt: Auf der einen Seite müssen Landwirte ihr Vieh versorgen können, auch die Produktion von Nahrungsmitteln muss sichergestellt werden. Auf der anderen Seite muss genügend Trinkwasser für die Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Die Bundesregierung steht deshalb beim "Nationalen Wasserdialog" im Austausch mit allen Beteiligten und will eine neue Strategie zur langfristigen Wasserverteilung erarbeiten. Bis zum Herbst sollen sich Versorgungsbetriebe, Landwirte und Industrievertreter auf ein Vorgehen einigen.  © DER SPIEGEL

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