Vor zehn Jahren hat Hurrikan "Katrina" New Orleans und ganze Landstriche der USA ins Chaos gestürzt, weil die US-Regierung auf eine solche Naturkatastrophe nicht vorbereitet war. Aber könnte man hierzulande auf ein Unglück solchen Ausmaßes besser reagieren?

Die Kernpunkte des Artikels im Überblick:

• Katastrophenschutz ist zunächst Ländersache: Die Kommunen und Innenministerien halten Notfallpläne bereit und koordinieren den Einsatz der Hilfsorganisationen.

• Im Falle größerer Katastrophen gibt es überregionale Krisenstäbe und ein gemeinsames Lage- und Informationszentrum.

• Problematisch sind vor allem noch nie da gewesene Krisenszenarien: Sie werden zwar exemplarisch durchgespielt, sind jedoch in ihren Ausmaßen größtenteils unvorhersehbar.

Selbst gescheiterte Missionen wie Apollo 13 sind Meilensteine.

Schonungslos hat Hurrikan "Katrina" Ende August 2005 die Schwächen im amerikanischen Katastrophenschutz aufgedeckt. Die Evakuierung erfolgte zu spät und unkoordiniert, auf die zerstörerische Naturgewalt folgte eine Versorgungskrise. An die 1.800 Todesopfer forderte der Sturm, Tausende wurden obdachlos. Viele warfen der Stadtverwaltung von New Orleans und der US-Regierung unter George W. Bush fatales Versagen im Katastrophenschutz vor. Aber wie katastrophensicher ist Deutschland?

Bei der Beantwortung dieser Frage stößt man sehr schnell auf ein komplexes Netz an Zuständigkeiten. Es gibt zwar das Bundesamt für Bevölkerungshilfe und Katastrophenschutz (BBK). Das ergreift jedoch im Falle von Naturkatastrophen keine Maßnahmen, sondern steht eher beratend und koordinierend zur Seite. "Katastrophenschutz ist Ländersache, er baut sich von unten nach oben auf", erklärt BBK-Pressesprecherin Anke Moon.

Lokale Hilfe wird schnell mobilisiert

Im Falle eines Orkans, einer Sturmflut oder anderer Gefahren wären also zunächst die jeweiligen Innenministerien oder Kommunen zuständig – sie allein haben die Entscheidungsgewalt. Sie ordnen Evakuierungen an und mobilisieren die Notfallhelfer wie Rotes Kreuz, Feuerwehren und Technisches Hilfswerk. "Der Vorteil: Lokale Kräfte sind spezialisiert auf ihre jeweilige Region", sagt Moon. "Die Feuerwehr in Duisburg weiß zum Beispiel, wie sie mit den zahlreichen Industrieanlagen umgehen muss, und die Feuerwehr im Schwarzwald ist eher auf Waldbrände vorbereitet."

Wie sich weltweit tausende Menschen für den Weltuntergang rüsten.

So sieht es auch das Innenministerium von Nordrhein-Westfalen, das sich erst im vergangenen Jahr mit den Folgen des Sturmtiefs "Ela" auseinandersetzen musste. "Die dezentrale Organisation ermöglicht sehr schnelle Reaktionen", erklärt Pressesprecherin Dana Zimmermann. "Durch ständig besetzte Leitstellen und autarke Entscheidungen vor Ort können erste Einsatzkräfte sofort alarmiert werden und teils nach wenigen Minuten am Einsatzort sein."

Notfallpläne stehen bereit

Den Katastrophenschutz handhabt jedes Bundesland anders. Um beim Beispiel NRW zu bleiben: Die Kreise und kreisfreien Städte stellen dort sogenannte Gefahrenabwehrpläne auf. Diese richten sich aber nicht nach der Ursache einer Gefahr, sondern nach dem sogenannten Allgefahrenansatz. "Als anschauliches Beispiel: Es gibt verschiedene Szenarien, die eine Evakuierung erfordern können – Bombenentschärfung, Hochwasser, Störfall in einem Betrieb mit erheblichen Auswirkungen auf die Umwelt", erklärt die Sprecherin des Innenministeriums. Egal, welches Einzelszenario eintritt: Wichtig ist, dass die Evakuierung funktioniert.

Anders bei den Hilfsorganisationen. "Die Helferinnen und Helfer bereiten sich in Aus- und Fortbildungen sowie durch regelmäßige Übungen auf verschiedenste Einsatzszenarien vor", erklärt das Technische Hilfswerk (THW) auf Anfrage. "Dazu gehören auch Einsätze bei Hochwasser, etwa Deichverteidigung und Pumpen, oder nach Stürmen wie zum Beispiel das Entfernen von Bäumen und Ästen von Straßen und Schienen oder das Auspumpen von Kellern."

Hiroshima und Co. sind das traurige nukleare Erbe der Menschheit.

Hilfsorganisationen sichern Unterkünfte, Versorgung und Infrastruktur

Wer im Ernstfall welche Aufgabe übernimmt, ist klar abgestimmt. Während sich andere Hilfsorganisationen und die Feuerwehren um Nahrung, Unterkunft oder die medizinische Versorgung kümmern, ist das Technische Hilfswerk hauptsächlich für den Bereich Infrastruktur zuständig. Sollte ein Sturm oder Erdbeben die Strom- oder Wasserversorgung kappen, sind die "Blauen" zur Stelle. "Das THW ist aber auch in der Lage, Betroffene und Einsatzkräfte zu verpflegen oder unterzubringen", erklärt Pressesprecher Philipp Schinz. So hält das THW Planungen und Material für die Bereitstellung von mehreren hundert Einsatzkräften bei größeren und längeren Schadensszenarien vor.

Derzeit sind die Hilfsorganisationen personell noch gut aufgestellt: Allein im Bundesland Nordrhein-Westfalen können 13.000 hauptberufliche und knapp 80.000 ehrenamtliche Feuerwehrkräfte mobilisiert werden, deutschlandweit stehen ebenfalls an die 80.000 ehrenamtliche Mitarbeiter des THW zur Verfügung. Doch aktuell haben die Hilfsorganisationen mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen, wodurch auch das Konzept des Katastrophenschutzes ins Wanken gerät. Gezielte Imagekampagnen sollen dem nun entgegensteuern.

Große Katastrophen fordern überregionale Krisenstäbe

Hochwasser, Sturmfluten und Orkane halten sich aber selten an Ländergrenzen. "Bei Katastrophen von größerem Ausmaß werden überregionale Krisenstäbe eingerichtet", sagt Anke Moon vom BBK. Dort sind die Entscheidungsträger und Vertreter der beteiligten Hilfsorganisationen vertreten.

Auch wenn ein Bundesland den Auswirkungen einer Katastrophe allein nicht mehr Herr wird, kann es zusätzlich Unterstützung durch andere Länder und den Bund anfordern. "Die Bundesregierung kann ad hoc auch Hilfsfonds einrichten, aus denen die Betroffenen recht schnell und unbürokratisch finanzielle Hilfen erhalten", erklärt Moon.

Als eine Art Kommandozentrale hat das BBK, auch in Reaktion auf Koordinationsprobleme beim verheerenden Elbhochwasser 2002, das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum GMLZ in Bonn eingerichtet. Dort laufen Informationen und Lageberichte zusammen, aufgrund derer die Verantwortlichen der Länder weitere Entscheidungen treffen können. Dass es funktioniert, habe man an der Flutkatastrophe 2013 gesehen. "Auch da war das GMLZ im Einsatz", berichtet Moon. "Man konnte dann beispielsweise die Verteilung von Sandsäcken besser koordinieren."

Manche Dimensionen sind nicht vorhersehbar

Dezentrale Entscheidungsgewalt, schneller und flexibler Einsatz von lokalen Hilfsorganisationen, überregionale Krisenstäbe: Dieses Konzept scheint für Deutschland bislang aufzugehen. Allerdings muss der Katastrophenschutz auch Szenarien vorbereiten, die so noch nie da gewesen sind. Seit 2004 gibt es daher die Übungsreihe "LÜKEX" (Länderübergreifende Krisenmanagementübung/Exercise), die Krisenszenarios exemplarisch durchspielt. In diesem Jahr geht es um eine mögliche Sturmflut an Nord- und Ostsee.

"Ein flächendeckender, lang anhaltender Stromausfall ist nach dem Roman "Black Out" von Marc Elsberg ein viel diskutiertes Szenario, das uns vor große Herausforderungen stellen würde, wenn es denn so eintreten würde", sagt Dana Zimmermann vom Innenministerium in NRW. "Aber auch eine großflächige Pandemie, die weite Teile der Bevölkerung und damit unter Umständen auch einen wesentlichen Teil der Einsatzkräfte erfasst, kann große Probleme hervorrufen; auch katastrophale Erdbeben sind in ihren Auswirkungen schwer einzuschätzen. Es ist nun mal das Wesen einer Katastrophe, dass die Dimensionen ihrer Auswirkungen nur begrenzt vorhersehbar sind."