Vor genau 16 Jahren landete die Mars-Sonde "Mars Pathfinder" auf dem Roten Planeten. Ein Informant hat uns kurz vor diesem denkwürdigen Tag spektakuläres Material zugespielt, das wir Ihnen nicht länger vorenthalten wollen: Das bisher verschollen geglaubte Tagebuch der Sonde! Darin beschreibt sie die spannenden Monate, die sie zusammen mit dem ersten Mars-Rover "Sojourner" erlebt hat.

Mars Pathfinder: Das ist das erste Bild, das "Mars Pathfinder" auf dem Roten Planeten schoss. Zu sehen ist der Rover "Sojourner", der noch auf dem Lander sitzt.

3. Juli 1997:
Chefs sind manchmal echt nervig. Immer dieser Druck! Jetzt bin ich schon so lange unterwegs auf meiner Reise von der Erde zum Mars - genau genommen seit dem 4. Dezember 1996. Und plötzlich ist es ultrawichtig, genau morgen anzukommen. Als ob ein Tag mehr oder weniger einen Unterschied machen würde. Aber nein: Es soll unbedingt der amerikanische Nationalfeiertag werden - aus Prestigegründen natürlich. Na gut, dann spurte ich mich also.

4. Juli 1997, Nachmittag:
So langsam werde ich nervös. Nur noch kurze Zeit, dann lande ich auf dem Roten Planeten. Ob alles gut geht? Oder hat mein letztes Stündchen geschlagen? Was sich meine Chefs von der Nasa überlegt haben, ist ganz schön gewagt. Besser, ich rekapituliere noch mal den Ablauf, bevor es losgeht:

Ich soll frontal in die Atmosphäre eintreten und nicht wie bisher üblich erst mal in eine Umlaufbahn. Hoffen wir, dass ich gut genug bremsen kann, um nicht auf der Marsoberfläche zu zerschellen. Jetzt hängt alles an Schutzschild, Fallschirm und Bremsraketen. Mit deren Hilfe trete ich volle Kanne auf die Bremse.

Dann wird's noch spannender: Ich - der Lander der Sonde "Mars Pathfinder" - muss mich ausklinken, bevor der Rest verglüht. Fallschirm und zusätzliche kleinerer Bremsraketen werden mich hoffentlich noch weiter abbremsen. Als nächstes blase ich den Airbag um mich herum auf. Danach hilft nur noch Beten.

4. Juli 1997, 19.29 Uhr:
Ok, es geht los. Nur noch eine Minute.

4. Juli 1997, 21.05 Uhr:
Hurra, ich bin da! Das waren die fünf spannendsten Minuten meines Lebens. Alles lief nach Plan beim Landemanöver. Jetzt sitze ich im Flussbett des ausgetrockneten "Ares Vallis", einem der steinigsten Gebiete auf dem Mars. Tun mir meine Glieder weh! 16 Mal bin ich, eingehüllt in meinen Airbag, auf der Marsoberfläche aufgeprallt wie ein Flummi. Mein Herz hat wie wild geklopft, aber das musste ich ausblenden. Denn nach der Landung hieß es erst mal, mich aus dem Gebilde um mich herum auszuwickeln. Das hat alle Kraft gekostet. 90 Minuten habe ich gekämpft. Aber es hat sich gelohnt. Was für ein umwerfender Sonnenaufgang! Während es in Deutschland langsam Nacht wird, ist hier nämlich gerade Morgen. Aber ich muss sagen: Es ist schweinekalt hier! Minus 64 Grad Celsius: Das soll Sommer sein?

Jetzt gönne ich mir eine kleine Erholungspause, und dann lasse ich meine Rampen runter, um mein Spielzeug fahren zu lassen. Ich habe nämlich ein schuhschachtelgroßes Roboterfahrzeug dabei, auf das meine Chefs bei der Nasa megastolz sind. Denn es ist das erste von Menschen gebaute, motorisierte Fahrzeug auf der Marsoberfläche. Ein Rekord! Sie haben es "Sojourner" (auf Deutsch: Gast) getauft. Ich bekam übrigens den Namen: "Carl Sagan Memorial Station". Einerseits soll ich zusammen mit "Sojourner" der ganzen Welt zeigen, was technisch heutzutage alles möglich ist. Darüber hinaus hoffen meine Chefs, mit dem ersten Mars-Rover viel mehr Analysen durchführen zu können, als das mit traditionellen Sonden bisher möglich war. Die beiden Viking-Sonden waren vier Tonnen schwere, Lkw-große Ungeheuer. Mein kleiner "Sojourner" hat trotzdem viel mehr drauf. Da bin ich schon ein bisschen stolz.

5. Juli 1997:
Was für ein Tag gestern! Mein kleiner Freund, der Mars-Rover "Sojourner", hat sich auf den Weg gemacht. Jetzt wird er mich immer wieder umrunden und fleißig arbeiten: fotografieren, den Boden untersuchen, das Wetter beobachten. Ich liefere ihm dafür Futter, sprich Energie. Der Rover hat zwar eine Batterie und eigene Solarzellen, aber das gibt nicht genug Saft. Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt sein werde, ihn zu füttern, werde auch ich meinem Hobby, dem Fotografieren, frönen. Ich freu' mich schon!

14. September 1997:
Oh je, jetzt habe ich mein Tagebuch ganz schön vernachlässigt. Aber ich war viel zu beschäftigt: Ständig füttern und fotografieren, da bleibt keine Zeit mehr übrig. Nun habe ich davon wieder mehr, was mich aber nicht glücklich macht - im Gegenteil. Der Marssommer geht langsam, aber sicher zu Ende und es wird noch kälter, als es sowieso schon war. Das setzt meinen Batterien zu. Ich werde dadurch immer schwächer und kränker. Die Batterie meines Spielzeugautos "Sojourner" hat heute sogar komplett den Geist aufgegeben. Nun kann er nur noch bei Tag fahren. Ich bekomme Angst. Ich spüre es: Bald müssen wir sterben!

27. September 1997:
Meine Kraft geht zu Ende. Heute habe ich ein letztes Mal Daten zur Ende geschickt. Meine Chefs wissen das zwar noch nicht, aber ab morgen werde ich in Rente gehen. Ich kann einfach nicht mehr.

28. September 1997:
Jetzt will ich noch einmal alle Kräfte zusammennehmen und notieren, was "Sojourner" und ich hier geleistet haben. Ich selbst, der Lander der Sonde "Mars Pathfinder", habe mehr als 16.500 Bilder geschossen, mein Spielzeugauto 550. "Sojourner" hat zirka 100 Meter zurückgelegt in unserer Zeit hier oben und dabei 15 chemische Analysen von Gestein und Boden durchgeführt. Daneben hat er umfassende Wetterdaten gesammelt, zum Beispiel über den Wind. Er hat die Härte der Marsoberfläche bestimmt. Außerdem glauben wir, dass der Mars einmal warm und feucht gewesen war. Es muss hier flüssiges Wasser gegeben haben und eine dickere Atmosphäre als heute. Das alles haben wir unseren Chefs bei der Nasa auf die Erde gefunkt. Doch jetzt ist genug.

7. Oktober 1997:
Es ist soweit: Ich sterbe.