Ausnahmezustand im kleinen Fátima. Der Wallfahrtsort in Portugal erlebt zum Besuch von Papst Franziskus einen nie da gewesenen Pilger-Ansturm. Mit Konsequenzen, die viele Menschen und Medien empören.

Marília Correia musste lange auf den Papst warten. "Wir sind früher gekommen, um dem Chaos zu entgehen", erzählt die 76-jährige Rentnerin.

Mit dem Wohnmobil legten sie und ihr Mann vor zwei Wochen die 200 Kilometer zwischen Vila Nova de Gaia und dem Marienwallfahrtsort Fátima im Zentrum von Portugal zurück.

Auf dem Parkplatz unweit der Basilika waren sie zunächst allein, doch mit der Ruhe ist es längst vorbei. Zum Besuch von Franziskus am Freitag und Samstag trafen hier Hunderttausende ein.

Gläubige werten das als Zeichen für bevorstehende Katastrophen.

Zu Fuß kamen nach Kirchenangaben allein 45.000 angemeldete Pilger. Carlos (65), Miguel (60) und António (56) traten in die Pedale. Die Freunde starteten im Vatikan und kamen nach 3.000 Kilometern am Donnerstag an. Sie seien "gegen den Krieg" geradelt, so Carlos.

Der Unternehmerverband der Region Ourém-Fátima (ACISO) lag mit der Schätzung von acht Millionen Besuchern zwar wohl zu hoch. Laut dem TV-Sender RTP sind es aber immerhin mindestens eine Million.

Papstbesuch zieht viele Besucher an - Preise explodieren

Ein Papst-Besuch zieht immer und überall Hunderttausende an, aber im erzkatholischen Portugal ist der Besuch "noch wichtiger", wie der Historiker José Pacheco Pereira jüngst in der Zeitung "Público" schrieb.

Die Kirche sei in allen Gesellschaftsbereichen am Tejo immer noch sehr einflussreich. Das Problem: Der 11 500-Einwohner-Ort, der am Samstag den 100. Jahrestag der Marienerscheinungen feiert, hat nur rund 7.500 Hotelbetten.

Auch die Park-, Camping- und Zeltkapazität ist begrenzt. Im gesamten vorigen Jahr kamen 5,3 Millionen Pilger nach Fátima.

Aus der Not wollen nicht wenige nun Kapital schlagen. Die Zeitung "Jornal de Notícias" berichtete, dass ein Gasthaus für eine Übernachtung im Doppelschlafsack von Freitag auf Samstag 992 Euro verlangt. Die herkömmlichen Betten seien in der Pension lange ausverkauft. Zimmer gibt es aber noch.

Im Gasthaus Rosa Mística kann man ein Doppelzimmer buchen. Für 1.650 Euro. Ohne Frühstück. Im Hotel Lux Fátima Park, wo ein Zimmer sonst zwischen 50 und 60 Euro kostet, muss man für die Nacht sogar 2.000 Euro hinblättern.

Weihwasser und Bibel gegen den Teufel: So sieht die Praktik heute aus.

Der Bischof von Leiria-Fátima, Dom António Marto, hatte schon im Februar "anständige Preise" gefordert. Umsonst. Ein einfaches Doppelzimmer "in der Nähe von Fátima" (tatsächlich sind es rund 30 Kilometer) wird beim Onlinevermieter Airbnb für 755 Euro angeboten.

Die Übernachtungstarife schossen passend zum Papst-Besuch auch in Nachbargemeinden und sogar im rund 130 Kilometer entfernten Lissabon gen Himmel. Aus Brasilien entsandte Journalisten übernachten deshalb sogar südlich der Hauptstadt.

Viele Portugiesen sind empört über Preiswucher

Viele Portugiesen sind empört, auch in den Medien gibt es eine Protestwelle. Zeitungen sprechen von "Wucher" und "Betrug", von "skandalösen Preisen" und einer "teuflischen Ausbeutung" der Gläubigen.

Und das in einem Land, das gerade eine schlimme Krise mit Sozialkürzungen und Sparmaßnahmen hinter sich hat und in dem 20 Prozent der Arbeitenden mit dem Mindestgehalt von 557 Euro auskommen müssen. Das Portal NiT zitiert aus der Bibel: "Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller möglichen Übel."

Maria Tereza Lameiras, die dieser Tage mit einer Gruppe aus ihrem Fitness-Studio nach Fátima pilgerte, versucht zwar Verständnis für die Entwicklung aufzubringen. Es gebe ja "das Gesetz von Angebot und Nachfrage", sagt die in Lissabon lebende Marketing-Expertin der Deutschen Presse-Agentur.

Aber in der Religion müsse Solidarität herrschen. "Wieso sollen nur diejenigen den Papst sehen können, die wohlhabender sind? Der Glaube ist für alle da."

Die privaten Archive der Päpste sind längst nicht mehr geheim.

Nicht nur die Hotelpreise sind rapide nach oben geklettert. Unter anderem auch die der Mietbusse.

Und dennoch sind die meisten aller rund 3000 solcher Fahrzeuge in Portugal für den 12. und 13. seit Monaten ausgebucht. "Es ist klar, dass die Spekulation uns Sorge bereitet", sagte der Rektor des Heiligtums Fátima. Er und auch der ACISO-Vizepräsident Alexandre Marto betonten derweil, man dürfe nicht verallgemeinern. Es seien Einzelfälle, wird beteuert.

Besuch Beginn eines neuen Kapitels

Fátima will unterdessen die Gunst der Stunde nutzen, um zu wachsen und "den Aufschwung im Religionstourismus auszuweiten", wie ACISO mitteilte.

Der Papst-Besuch sei "nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen Kapitels" zur Förderung des Tourismus in der Region, sagte der Bürgermeister der Gemeinde Ourém, Paulo Fonseca.

Im Heiligtum soll etwa dieses Jahr vor allem für junge Leute eine "religiöse Silvesterfeier" veranstaltet werden. Der Ort, an dem am 13. Mai 1917 die Gottesmutter Maria den Hirtenkindern Francisco und Jacinta Marto und deren Cousine Lucia dos Santos erstmals und in den folgenden Monaten mehrfach erschienen sein soll, verändert sich seit kurzem rasant.

Erst voriges Jahr wurden in der Nähe des Heiligtums samt Erscheinungskapelle mehrere moderne Bars und Restaurants eröffnet. Ein McDonald's soll bald hinzukommen.

Franziskus wird das vierte Oberhaupt der katholischen Kirche sein, das Fátima besucht: 1967 war Paul VI. im Wallfahrtsort, 1982, 1991 und 2000 Johannes Paul II. und 2010 Benedikt XVI.

So viele Menschen wie der 80 Jahre alte Argentinier Jorge Bergoglio hat aber kein Papst angelockt. Pacheco Pereira hat eine Erklärung: Franziskus, sagt der Historiker, "zeigt das an, was angeprangert werden muss, und er unterstützt das, was unterstützt werden muss."

Das steckt hinter Fátima

Das portugiesische Fátima ist einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Welt. 1917 soll drei Hirtenkindern dort die Gottesmutter Maria erschienen sein.

Zum ersten Mal erblickten Lúcia, Francisco und Jacinta am 13. Mai eine leuchtende, in weiß gekleidete Frauengestalt. Sie soll den Kindern aufgetragen haben, sich in den nächsten sechs Monaten jeweils am 13. wieder einzufinden.

Versteckte Codes mit schockierenden Vorhersagen. Was ist da dran?

Die Erscheinung übermittelte ihnen drei Weissagungen, die als "Geheimnisse von Fátima" bekannt geworden sind. Das Erlebnis der Kinder sprach sich schnell herum.

Am 13. Oktober 1917 versammelten sich dort mehrere zehntausend Menschen. Sie erlebten nach Berichten von Augenzeugen ein "Sonnenwunder": Eine rotierende Sonne habe sich im Zickzackkurs der Erde genähert und Licht in wechselnden Farben ausgestrahlt.

Erst 1930 erkannte die Kirche die Erlebnisse offiziell als Marienerscheinung an. Die drei Geheimnisse befassten sich, wie später enthüllt wurde, mit einer Höllenvision, Vorhersagen des Zweiten Weltkriegs und des Falls des Kommunismus sowie eines Papst-Mordes.

Papst Johannes Paul II., auf den am 13. Mai 1981 ein Attentat verübt wurde, war überzeugt, dass die Madonna ihm das Leben rettete. Er sprach die Geschwister Francisco und Jacinta selig, die bei Grippeepidemien gestorben waren. Ihre Cousine Lúcia trat in ein Kloster ein, wo sie bis zu ihrem Tod 2005 als Ordensschwester lebte.  © dpa