Benzin, Kerosin, Diesel - unsere moderne, globalisierte Welt wäre ohne fossile Treibstoffe nicht denkbar. Doch das "schwarze Gold" droht knapp zu werden. Was geschieht, wenn wir die Spitze des "Erdölberges" erreichen – den Peak Oil?

Die Entmachtung von Libyens Ex-Diktator Gaddafi ist noch nicht ganz abgeschlossen, da stehen ausländische Staatschefs, Diplomaten und Wirtschaftsvertreter bereits Schlange, um sich mit der neuen Übergangsregierung auf guten Fuß zu stellen. Der Grund: Libyen verfügt über enorme Erdöl- und Erdgasvorkommen - und auf die haben es viele Interessenten abgesehen.

Für Volker Blandow ist Libyen kein Einzelfall. Der Diplom-Ingenieur ist Leiter der Abteilung für Elektromobiliät beim TÜV Süd engagiert sich in der Aspo ("Association for the Study of Peak Oil and Gas"), einem Netzwerk von Wissenschaftlern, die sich mit den Grenzen der globalen Erdölförderung beschäftigen. Die Aspo beobachtet in den letzten Jahren einen immer aggressiveren Wettlauf um Ressourcen, allen voran um Erdöl. Zu diesen Anstrengungen zählen etwa das Engagement Chinas im Sudan oder der Militäreinsatz der USA im Irak. "Für die Szene ist es klar, dass es im Irakkrieg nur um Öl ging", erklärt Blandow im Gespräch mit diesem Portal. Das Land verfüge über die zweitgrößten Ölreserven der Welt nach Saudi-Arabien – darauf keinen Zugriff zu haben, das wolle man nicht riskieren.

Der Grund für den internationalen Konkurrenzkampf ist klar: Jedes Land versucht, die eigene Ölversorgung möglichst langfristig und günstig zu sichern. Denn Erdöl ist einer der wichtigsten Rohstoffe für unsere moderne Zivilisation, und es wird weltweit immer knapper.

Erdöl – Treibstoff der modernen Zivilisation

Wenn man an Einsatzzwecke von Erdöl denkt, so geht der erste Gedanke meist an Benzin. In der Tat ist das "schwarze Gold" als Treibstoff für Automobile, Schiffe und Flugzeuge die Grundlage für unsere globalisierte Welt, in der große Warenmengen von einem Ort zum anderen gebracht werden müssen. Steigen die Transportkosten, steigen auch die Preise aller transportierten Güter.

Damit nicht genug, sind weite Teile der industriellen Produktion von der Verfügbarkeit von Erdöl abhängig. Allen voran die Chemieindustrie mit Produkten wie Kunststoffe, Farben oder Düngemittel. Eine Verknappung und eine Verteuerung des Rohstoffs Öl könnte daher weitreichende Konsequenzen haben. Da die weltweiten Vorkommen begrenzt sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis trotz steigender Nachfrage, nicht mehr eine größere Menge Öl gefördert werden kann. Dieser Zeitpunkt wird als Peak Oil oder globales Ölfördermaximum bezeichnet.

Peak Oil oder die Spitze des "Ölberges"

Einen derartigen Förderhöhepunkt besitzt jede einzelne Ölquelle. Dargestellt auf einer Kurve, die mit der Erschließung des Ölfeldes beginnt, markiert er das Erreichen der höchsten Förderrate. Nach diesem Punkt fällt die Fördermenge unwiederbringlich ab. "Egal wie viele Löcher ich noch in dieses Ölfeld hineinbohre oder wie viel Druck ich hineinpresse – ich komme nie wieder zu diesem oberen Punkt", erläutert Aspo-Sprecher Blandow. Addiert man die Förderkurven einzelner Quellen zusammen, lässt sich Peak Oil für ganze Regionen und für die gesamte Welt berechnen.

Nun bedeutet ein globales Fördermaximum noch lange nicht, dass das Erdöl weltweit vor dem Versiegen ist. Jedoch markiert schon eine stagnierende Ölfördermenge bei gleichzeitig steigendem Bedarf mittelfristig das Ende von billigem Öl. Das allein würde ausreichen, um weitreichende Konsequenzen nach sich zu ziehen.

Düstere Aussichten

Stellen Sie sich zur Veranschaulichung folgendes Szenario vor: Auf dem Weltmarkt schnellen die Ölpreise aufgrund gestiegener Nachfrage und sinkendem Angebot in die Höhe. Das Autofahren wird zum Luxus, das Fliegen wird für Reisende empfindlich teuer. Gestiegene Kosten für Düngemittel und Transport lassen weltweit die Nahrungsmittelpreise in die Höhe klettern. Mit der Zeit gerät das globale Wirtschaftssystem ins Wanken. Es drohen neue internationale Spannungsfelder und eine weltweite Rezession mit Auswirkungen wie verbreiteter Arbeitslosigkeit und schweren sozialen Unruhen.

Was sich liest wie der Stoff für einen postapokalyptischen Science-Fiction-Film, könnte irgendwann eine reale Bedrohung werden. Davon geht auch das Dezernat für Zukunftsanalyse der Bundeswehr aus. Es skizziert die im obigen Beispiel durchgespielte Kettenreaktion in einer Studie unter dem Titel "Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen". Darin rechnen die Experten mit sicherheitspolitischen Auswirkungen durch Peak Oil mit einer Verzögerung von 15 bis 30 Jahren. Doch wann tritt das globale Ölfördermaximum ein?

Wann tritt Peak Oil ein?

Die Studie der Bundeswehr hält ein Erreichen des Peak Oil schon um das Jahr 2010 für wahrscheinlich. Die ASPO dagegen geht davon aus, dass das Fördermaximum für konventionelles Öl bereits im Jahr 2006 erreicht wurde. Auch die Internationale Energieagentur (IEA) räumte in ihrer Prognose für die Welt-Energieversorgung im vergangenen Jahr ein, dass das Rohöl-Förderniveau von 2006 später nicht mehr erreicht wurde.

Schenkt man dagegen den Prognosen der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) Glauben, so müssen wir uns um das Ölfördermaximum noch wenig Sorgen machen. Die Opec prognostiziere Peak Oil erst für das Jahr 2030 oder später. Doch diesen Aussagen schenkt die Aspo wenig Glauben. "Würden die Ölfirmen eine Verknappung zugeben, dann würde sich die Gesellschaft nach Alternativen umsehen", gibt Blandow zu Bedenken. Die Unternehmen täten also gut daran, die Gesellschaft in Sicherheit zu wiegen, wenn sie weiterhin ihr Geschäft machen wollten.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Den Hoffnungen der Ölindustrie, genügend neue Quellen zu finden und effizientere Fördermaßnahmen entwickeln zu können, nimmt Blandow den Wind aus den Segeln. Zuletzt hatte Norwegen etwa den Sensationsfund eines Ölfeldes mit bis zu 1,2 Milliarden Barrel Öl vermeldet. "In der Gesamtkurve ist das nur ein kleiner Zappler." Bezogen auf das Gesamtfördervolumen mache sich ein derartiger Fund kaum bemerkbar. Wenn man sich den aktuellen Ölbedarf der Welt vor Augen führt, wird dies deutlich: Etwa 88 Millionen Barrel Öl werden laut IEA-Schätzungen im Jahr 2011 pro Tag verbraucht. Ein Sensationsfund wie in Norwegen würde also den weltweiten Bedarf für nicht einmal 14 Tage decken. Letztendlich könnte selbst die Entdeckung gigantischer Ölfelder Peak Oil nur hinauszögern, jedoch nicht verhindern.

Auch ein anderes, gerne aufgeführtes Rettungsszenario, die Gewinnung von Öl aus Teersanden, verwirft der Aspo-Sprecher. Das Verfahren sei energieaufwendig, teuer und vor allem umweltschädlich. "Rechnet man die beim Auskochen der Ölsande entstehenden Abgase mit ein, so lägen die CO2-Emission im Fahrzeugbereich um 30 Prozent bis 40 Prozent höher, als wenn man Benzin aus konventionellem Öl gewinnen würde", meint Blandow und erinnert daran, wie viel Aufwand derzeit in der Automobilbranche betrieben würde, um auch nur fünf bis zehn Prozent der Emissionen einzusparen. "Sollte man diesen Anteil signifikant erhöhen, wäre das für das Klima eine Katastrophe."

Die Krise als Chance

Trotz der düster wirkenden Aussichten ist Blandow jedoch optimistisch, was einen Ausweg aus der vermeintlichen Katastrophe angeht. "Noch haben wir alle Handlungsoptionen und vor allem auch alle finanziellen Möglichkeiten, um Veränderungen einzuleiten", gibt er sich zuversichtlich.

Denn in der Herausforderung durch die Energiewende sieht der Experte auch eine Chance. Gegenmaßnahmen zur Ölknappheit wie eine verstärkte Konzentration auf regionale und lokale Wirtschaftskreisläufe oder der Umstieg auf erneuerbare Energien und Treibstoffe, könnten am Ende nicht nur die Lebensqualität bewahren, sondern sie vielleicht sogar noch steigern.