Ein Vulkanausbruch im Meer löscht das Leben in der Nähe weitgehend aus. Doch es bilden sich bald neue Wesen. Ein bislang unbekanntes frühes Ökosystem haben Forscher vor einer Kanaren-Insel gefunden.

Auf einem Meeresvulkan vor der Kanaren-Insel El Hierro haben Forscher ungewöhnliche Lebensformen entdeckt. In den oberen Regionen des Vulkans Tagoro, der einige Zeit zuvor ausgebrochen war, lagen Matten aus langen weißen Bakterienfäden. Venushaar (Venus's hair) haben die italienischen Forscher die Gebilde benannt.

Grundlage für neues Ökosystem

Dieses sei auf kargem Boden die Grundlage für ein erstes neues Ökosystem, schreibt das Team um Roberto Danovaro von der Polytechnischen Universität der Marken in Ancona. Es präsentiert die winzigen Pioniere auf dem Vulkan im Journal "Nature Ecology&Evolution".

Der Ausbruch des Vulkans vor der Insel El Hierro hatte 138 Tage gedauert - von Oktober 2011 bis März 2012. Er zerstörte den Meeresboden und das Leben darauf auf einer Fläche von neun Quadratkilometern.

Doch bereits im Oktober 2014 fanden Forscher die eigentümlichen Matten auf dem Meeresvulkan. Sie gaben ihnen nach ihrem Aussehen den Namen Venushaar. Es gibt bereits eine Farnart gleichen Namens (Adiantum capillus-veneris).

Die Matten liegen auf Tausenden Quadratmetern in rund 130 Meter Meerestiefe in der Nähe des Vulkangipfels. Sie bestehen aus dünnen, mehrere Zentimeter langen Röhrchen, die fest auf dem Untergrund liegen und jeweils mehrere sehr dünne Fäden von aneinandergereihten Bakterien enthalten.

Nach genetischen Untersuchungen schlossen die Forscher auf ein neues Bakterium, das sie Thiolava veneris nannten. Dabei steht Thio für Schwefel als Hauptnahrungsquelle, Lava für den Untergrund und Venus für die römische Göttin der Schönheit und Liebe, die in der Renaissance oft mit wallendem Haar porträtiert wurde.

Bakterium hat vielfältigen Stoffwechsel

Das Bakterium hat nach Forscherangaben einen beispiellos vielfältigen Stoffwechsel: So gewinnt es zwar wie einige andere Meeresbakterien auch Energie durch die Oxidation von Schwefel. Doch es kann zudem auf drei verschiedenen Wegen Kohlendioxid verarbeiten.

Statt Sauerstoff kann es auch Nitrat für bestimmte Stoffwechselvorgänge verwenden und sich zudem von organischem Material ernähren. Die Kombination sei sehr ungewöhnlich und gebe den Bakterien die Möglichkeit, in den verschiedenen kargen Lebensräumen zu wachsen, wie sie nach Eruptionen im Meer entstehen, schreibt das Team.

Neben dem Bakterium Thiolava veneris wiesen die Forscher unter anderem per Genanalyse in den weißen Matten eine Fülle weiterer Lebewesen nach und damit ein frühes erstes Ökosystem.

Darunter waren weitere Bakterien und auch höhere Lebewesen, etwa Gliederfüßer, sowie Ringel- und Fadenwürmer und Larven anderer Tiere.

Ökosysteme, die auf ähnlichen Stoffwechselwegen basieren, seien zwar schon an hydrothermalen Quellen entdeckt worden, schreibt David Kirchman von der University of Delaware (USA) in einem Kommentar desselben Journals.

Rätsel um Herkunft der Bakterien

Das gesamte analysierte Erbmaterial der Lebewesen im Venushaar sei jedoch komplett anders als bisher bekannte DNA ähnlicher Ökosysteme. "Neu oder nicht, die Venushaar-Matte ist sicher ein verblüffender Lebensraum."

Die Herkunft der Bakterien Thiolava veneris und die Art der Verbreitung im Meer liegen noch im Dunkeln. Auch in der direkten Umgebung des Vulkans wurden sie bisher nicht entdeckt.

Die Funde zeigen nach Ansicht der Forscher, dass die besonderen Eigenarten des Venushaares eine Besiedlung des kargen Meeresbodens erlaubt, der nach einem Vulkanausbruch entsteht. Das bereite den Weg für die Entwicklung eines frühen Ökosystems mit höheren Organismen.

"Die vom Tagoro-Vulkan gewonnenen Informationen geben neue Einblicke, um einen Neustart des Lebens nach einem katastrophalen Ereignis wie einem Vulkanausbruch im Meer zu verstehen", schließen die Forscher.  © dpa