Die christlich-fundamentalistische Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" lebt nach biblischen Gesetzen. Dazu gehört auch die Züchtigung ihrer Kinder. Doch woher kommt diese Sekte und wie leben ihre Mitglieder?

Die "Zwölf Stämme" sind eine urchristliche Gemeinschaft, die strikt nach den Regeln des Alten Testaments lebt. 2.000 Anhänger hat sie nach eigenen Angaben weltweit.

Die Mitglieder wohnen in Kommunen und sind streng hierarchisch organisiert: Die immer männlichen Anführer werden Hirten genannt, die einfachen Anhänger gehören zur Herde.

Frauen sind Männern klar untergeordnet

Ein Ältestenrat gibt die Grundsätze vor, an die sich alle halten müssen – auch bei der Kindererziehung und sogar gegen den Willen der Eltern. Frauen tragen Kleider und Röcke, sie sind den bärtigen, langhaarigen Männern klar untergeordnet.

Persönliches Eigentum hat niemand, alle müssen hart arbeiten und bekommen dafür keinen Lohn.

Staatliche Absicherungen oder Leistungen wie Kranken- oder Arbeitslosenversicherung lehnen die "Zwölf Stämme" ab. Sie sind von der Außenwelt isoliert, es zählt nur die eigene Gemeinschaft.

Um die Kräfte von Wünschelruten ranken sich die wildesten Mythen.

Der Tagesablauf ist reglementiert und beginnt mit einem morgendlichen Treffen. Mehrmals pro Woche versammeln sich die Anhänger und hören stundenlange Predigten an, auch die Kinder.

Das Zeitunglesen und Fernsehen sind verboten, weil es die Mitglieder in Kontakt mit der als teuflisch angesehenen modernen Welt bringen würde. Ihr Weltbild ist einfach: Wer nicht der Gemeinschaft angehört, steht unter dem Einfluss von Satan.

Woher die "Zwölf Stämme" kommen

Die "Zwölf Stämme" werden von der Öffentlichkeit und den Kirchen als Sekte eingestuft. Sie entstand Anfang der 1970er-Jahre im US-Bundesstaat Tennessee. Der Name "Zwölf Stämme" bezieht sich auf die zwölf Stämme Israels und die zwölf Apostel. Der ehemalige Pädagoge Elbert Eugene Spriggs gilt als Gründer und nannte die Gemeinschaft zunächst "Light Brigade".

Die Gruppe isolierte sich immer mehr von der Außenwelt und kaufte Ende der 1970er-Jahre im US-Bundesstaat Vermont ein eigenes Gelände. Auch damals schon stand sie unter Beobachtung: Mitte der 1980er-Jahre wurden 112 Kinder bei einer Razzia befreit und in Heime und Pflegefamilien gebracht. Die Anklage lautete auf Kindesmisshandlung, sie wurde aber aus Mangel an Beweisen fallengelassen.

Die deutschen Ableger der Sekte

Womöglich wegen der staatlichen Verfolgung zog Spriggs mit seiner Gemeinde nach Südfrankreich und gründete den europäischen Ableger der "Zwölf Stämme". 1994 folgte bei Osterholz-Scharmbeck der erste deutsche Zweig. Ein Mitglied hatte ein Anwesen geerbt und der Sekte geschenkt. 1995 gründete die Gemeinschaft in dem Dorf Stödtlen-Oberbronnen in Baden-Württemberg eine weitere Kommune.

Sechs Jahre später zogen die beiden Gruppierungen an einen gemeinsamen Standort in Bayern. In Deiningen im Landkreis Donau-Ries kauften sie das Gut Klosterzimmern, dort befindet sich der deutsche Hauptsitz. Es gibt zudem zwei weitere Ableger in Mittelfranken und in Sachsen-Anhalt.

Der Kampf der "Zwölf Stämme" gegen die Schulpflicht

2.000 Jahre alte Maschine ist mit heutiger Technik schwer zu bauen.

Immer wieder in Konflikt mit dem Staat gerät die Gruppierung, weil sie sich der Schulpflicht widersetzt. Die Kinder der Mitglieder dürfen keine öffentlichen Schulen besuchen, sie werden zu Hause unterrichtet.

Die "Zwölf Stämme" lehnen vor allem den Sexualkundeunterricht und die Evolutionslehre ab, die ihrer Meinung nach im Widerspruch zur biblischen Schöpfungsgeschichte steht.

Den Kindern werden auch rassistische Theorien beigebracht, wie die "Süddeutsche Zeitung" recherchiert hatte - etwa, dass "Afrikaner verflucht" seien.

Die Behörden versuchten immer wieder, die Kinder zum Schulbesuch zu zwingen: So wurden sie mit Bussen abgeholt und in eine reguläre Schule gebracht. Doch schon am folgenden Tag blieben sie wieder zu Hause.

Sieben Väter mussten sogar mehrere Tage im Gefängnis verbringen. Die verhängten Geldstrafen zahlte die Sekte nie. Dank einer Sondergenehmigung des bayerischen Kultusministeriums durften die "Zwölf Stämme" ihre Kinder zwischen 2006 und 2013 zu Hause mit eigenen Lehrern unterrichten.

Prügel für die Kinder

Zu diesem Heimunterricht gehören Schläge. Eine 56 Jahre alte Lehrerin gilt als besonders brutal. Sie muss sich dafür derzeit vor dem Augsburger Landgericht verantworten. Sie soll die Mädchen und Jungen nicht nur mit der Rute verprügelt, sondern auch eiskalt abgeduscht haben.

Die Frau, die keine ausgebildete Lehrerin ist, gab die Prügel zu, zeigte aber keinerlei Reue. Sie könnte zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Gegen mehrere andere "Erzieher" der Sekte wurden Bewährungsstrafen verhängt.

Kinder werden aber nicht nur im Unterricht geschlagen: Prügelstrafen gehören für die "Zwölf Stämme" zur Erziehung. Aussteiger berichten von körperlichen Züchtigungen schon bei Babys: Die Säuglinge werden so eng in mit Sicherheitsnadeln befestigte Tücher eingewickelt, dass sie sich nicht mehr rühren können.

Die Sekte steht deshalb schon länger unter Beobachtung der Justiz. In zwei Gemeinden in Bayern wurde den Eltern von 40 Kindern im September 2013 das Sorgerecht entzogen. Der Verdacht: körperliche und seelische Misshandlungen. RTL-Reporter hatten sich in die Sekte eingeschlichen und die Quälerei gefilmt.

Die Eltern wehrten sich vor Gericht, einige Sorgerechtsprozesse laufen noch heute. Etwa die Hälfte der Kinder ist in der Zwischenzeit zu den "Zwölf Stämmen" zurückgekehrt.

2015 kündigte die Sekte die Verlegung ihres Hauptsitzes nach Tschechien an. Die Gemeinschaft besitzt dort mehrere Grundstücke. Auf Gut Klosterzimmern leben von einst 120 Mitgliedern offenbar nur noch etwa 20, die anderen siedelten bereits ins Nachbarland um.