Reinhold Messner feiert am Mittwoch seinen 70. Geburtstag. Zeit, Bilanz zu ziehen. Wie war Bergsteigen früher und was bedeutet es heute? Wird es einen neuen Reinhold Messner geben und sind die Youngster am Berg heute besser als die alten Legenden der Extremkletterei? Im Interview spricht der Jubilar über neue und alte Grenzgänger und einen seiner größten Erfolge.

Herr Messner, wie feiern Sie Ihren 70. Geburtstag?

Reinhold Messner: Ich feiere meinen Geburtstag, in dem ich auf eine Berghütte steige. Aber welcher Berg, wie und mit wem – das ist unwichtig.

70 Jahre - Was ist anders in diesem Alter?

Nicht viel. Noch funktioniert mein Gehirn, noch funktionieren die Gelenke. Mir geht es gesundheitlich gut – vor allem vom Gehwerkzeug her. Aber es ist wohl klar, dass meine Zeit knapper wird.

Was trauen Sie sich in Ihrem Alter noch zu?

Ich muss gar nicht mehr viel machen. Ich bin niemand, der ununterbrochen mit dem Mountainbike im Gebirge unterwegs ist oder zu Fuß die Berge hochrennen muss. Ich gehe in der Geschwindigkeit, wie es der Berg hergibt.

Welches waren oder sind Ihre schönsten Routen?

Bei mehr als 10.000 Bergtouren gab es viele Highlights. Im Moment bin ich in den Dolomiten unterwegs. Dort habe ich vor 40, 50 Jahren sehr schöne Routen klettern können, die ich jetzt mit Freude wiederhole.

Gibt es Orte, die Sie auf Ihren unzähligen Reisen noch nicht gesehen haben und gerne noch sehen würden?

Den größten Teil der Erde habe ich noch nicht gesehen. Es ist nur ein kleiner Teil, den ich abgegangen bin. Ein Mensch kann in seinem Leben nicht alles auf der Erde ablaufen. Aber ich werde sicher noch viele Reisen machen. Doch wohin, das sage ich nicht. Ich möchte ja da nicht mit einem riesen Trubel an Menschen konfrontiert werden. Ich bemühe mich, meine Ziele so zu wählen, wo die anderen nicht sind. Das habe ich schon immer so gehalten. Ich bin schon auf die berühmten Tausender gestiegen, als sie noch einsame Berge waren.

Sie bezeichnen sich selbst als Grenzgänger. Was bedeutet das für Sie?

Den Begriff Grenzgänger habe ich erfunden, nachdem die Reisebüros angefangen haben, Abenteuer zu verkaufen. Die Bezeichnung Grenzgänger ist der Versuch, jemanden zu beschreiben, der zwischen Möglichem und Unmöglichen agiert. Da geht es also nicht um richtig oder falsch.

Lässt sich das auch auf andere Bereiche Ihres Lebens übertragen?

Ja, das ist richtig – auch da geht es um möglich und nicht möglich, um eine bestimmte Weise, etwa quer durch den Kontinent zu gehen. Einige Sachen sind mir gelungen und andere sind gescheitert. Das ist der Beweis, dass ich Grenzgänger war und bin. Wenn ich immer nur Erfolg gehabt hätte, wäre das wiederum der Beweis, dass es so grenzgängerisch nicht gewesen sein kann. Für mich als Grenzgänger bedeutet es in erster Linie, an der Grenze meiner Möglichkeiten eine Herausforderung anzugehen und bestehen zu versuchen.

Was ist heute anders am Bergsteigen?

Im Vergleich zu früher interessieren mich heute mehr die Menschen, die ich auf den Reisen treffe und weniger die Gipfel, die ich besteige. Und ich reise heute zum Teil relativ komfortabel. Aber ich bin auch immer noch in der Lage, nur mit einem Rucksack ein paar Wochen mal irgendwo im Gebirge zurechtzukommen. Für mich ist das heute weniger ein körperliches sportliches als ein kulturelles Erlebnis, was das Reisen allgemein angeht.

Sie sind zusammen mit Peter Habeler der erste Mount-Everest-Bezwinger, der den Gipfel ohne Sauerstoffflasche erreicht hat. Was halten Sie vom anhaltenden Massentourismus auf das Dach der Welt?

Das ist eine Tatsache und die kann ich nur beschreiben, nicht kritisieren: Es wird eine Piste gebaut alle Jahre und ein Klettersteig. Hunderte von Leuten werden heraufgeführt, die alle beim Losgehen sagen, sie sind Touristen. Und wenn sie herunterkommen, sind sie plötzlich die besten Bergsteiger der Welt. Aber lassen wir ihnen diesen Selbstbetrug. Und lassen wir ihnen den höchsten Berg als die Spitze aller möglichen Leistungen.

Sind Bergsteiger heute Extremsportler?

Was sind eigentlich Extremsportarten? Bergsteigen ist im Gegensatz zum Bungeesprung das Überleben in einer gefährlichen Welt. Extremes Bergsteigen hat immer mit der Dimension der Gefahr zu tun und damit, auf sich selbst gestellt zu sein. Das Bergsteigen hat sich nun aufgesplittet in Bergsteigen als Sport, wie das Hallenklettern, und den Bergtourismus. Also eine Piste des Mount Everest zu besteigen mit vielen Helfern und Führern. Und alles hat seine Berechtigung. Es muss nur so beschrieben werden, wie es ist und nicht verschönert werden.

Wie sieht es mit dem Bergsteigernachwuchs aus?

David Lama ist ein exzellenter Bergsteiger. Aber er ist eine von wenigen Ausnahmen. Die allermeisten Menschen suchen heute den Kick, den Sport oder den Mount Everest als touristische Präferenz. Das Bergsteigen an sich wird dabei immer mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt.

Wird der junge Österreicher David Lama der nächste Reinhold Messner?

Der David Lama ist der David Lama. Und er ist clever genug, nicht der Reinhold Messner werden zu wollen. Das wäre ja nur nachgemacht. Er geht seinen Weg. Und jeder Mensch, der etwas zu sagen hat, geht seinen Weg und tritt nicht in die Fußstapfen eines anderen. Er kann sich ruhig orientieren an Persönlichkeiten der Bergsteigerei. Aber er wird sich in seiner Form ausdrücken und das tut er schon.

Die jungen Bergsteiger klettern besser, als wir es konnten. Sie haben eine bessere Kondition, weil sie mehr trainieren und sie haben eine bessere Ausrüstung. Zudem können sie die Erfahrungen früherer Bergsteigergenerationen übernehmen. Aber die Jungen werden nicht versuchen, uns nachzuäffen.

Was war Ihr größter Erfolg, was Ihre größte Niederlage?

Das lässt sich nicht messen – nicht in Zahlen, nicht in Größen, nicht in geografischen Daten. Im Grunde gibt es natürlich viele starke Erlebnisse. Doch jedes einzelne ist unverwechselbar und daher nicht mit anderen zu vergleichen. Wir gehen ja nicht auf den Berg, nur um einfach auf den Gipfel zu kommen. Wir stellen uns irgendwelchen Herausforderungen. Es geht darum, dass man überlegt, wie man diese Situationen meistert – etwa wie man mit einer bestimmten Methode, einer bestimmten Route, einen Berg mit einer bestimmten Höhe versucht, zu besteigen. Und natürlich geht es auch darum, wie man es schafft, dabei nicht umzukommen.

Viele Menschen sehen zu Ihnen und ihren Leistungen auf. Haben Sie selber Vorbilder?

Vorbilder ist der falsche Ausdruck. Aber es gab bei mir definitiv Persönlichkeiten, Bergsteiger, die meinen Alpinismus wesentlich beeinflusst haben. Paul Preuss zum Beispiel, Walter Bonatti oder Hermann Buhl. Der Laie kann mit den Namen sicher wenig anfangen.

Auf welche Lebensleistung sind Sie ganz besonders stolz?

Erst am Montagabend waren meine Angestellten bei mir, die bei meinem Museumsprojekt mitgearbeitet haben oder mitarbeiten. Ich bin schon stolz, wenn ich diese ganze Runde sehe. Weil ich auch kulturell etwas erreicht und Arbeitsplätze geschaffen habe. Aus meinen Eroberungen des Nutzlosen – also die Wände hochzuklettern – habe ich noch keine Beschäftigte angestellt. Das ist mir erst im Rahmen meiner Kulturarbeit gelungen. In der Summe sind das etwa 50 Stellen – meine Gasthäuser mitgezählt. Die sind im Zuge des Museumsprojektes entstanden.

Was folgt nach Ihrem Geburtstag?

Ich werde weiterhin Projekte haben und sicher umsetzen können. Was ich machen werde, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Der Südtiroler Reinhold Messer ist eine Bergsteiger-Legende. Ihm gelangen viel Erstbegehungen. Von 1970 und 1986 bestieg er alle 14 Achttausender ohne Flaschensauerstoff. Er durchquerte die Antarktis, die Wüsten Gobi und Takla Makan und Grönland. Heute lebt der Alpinist mit seiner Familie in Südtirol. Er schreibt Bücher und widmet sich seinem Projekt Messner Mountain Museum (MMM) sowie seiner Stiftung (MMW) die Bergvölker weltweit unterstützt.