Cafés oder Restaurants besuchen wir am liebsten in Gesellschaft. Es alleine zu tun erfordert hingegen Souveränität und Übung, vor allem von Frauen.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik

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Wenn’s kommt, dann dicke. Vor einigen Jahren hatte ich mich (mal wieder) zu Hause ausgesperrt, mein Mann war mit Kumpels irgendwo in der Stadt unterwegs, es regnete in Strömen und mein Handy lag in der Wohnung. Also entschied ich mich, zum Italiener um die Ecke zu gehen und dort auf ihn zu warten.

Wo ist denn Ihr Mann?

Kaum hatte ich mich hingesetzt, steckten die Kellner ihre Köpfe zusammen, quer durch den Raum schielte ein Nachbar verstohlen von einem anderen Tisch zu mir rüber. Ich kannte ihn nur vom Sehen, bildete mir aber ein, dass er zu seiner Frau sagte: "Guck mal, die hatte bestimmt Streit mit ihrem Mann!"

Endlich deutete einer der Kellner meinen "Kann ich bitte was bestellen"-Blick und kam zu mir rüber. Noch bevor er mir die Karte reichte, fragte er: "Heute ganz alleine? Wo ist denn Ihr Mann?"

Kopf hoch, Brust raus, Essen fassen!

Ich wurde rot, stammelte etwas von "Nicht da... hab mich ausgesperrt..." und fühlte mich plötzlich richtig mies. Könnte ich wenigstens auf meinem Handy herumtippen, um mich abzulenken. Oder hätte ich ein Buch dabei, eine Zeitschrift, irgendwas... Also konzentrierte ich mich auf meine Pasta.

"Was würde Samantha tun?" schoss es mir plötzlich in den Kopf. Die Figur aus "Sex And The City" war für mich damals sowas wie der Inbegriff einer stolzen, selbstbewussten Frau, der es egal ist, was andere von ihr denken.

Ich setzte mich aufrecht hin, nickte meinen Nachbarn zu und bestellte beim Kellner ein Glas Rotwein. Doch innerlich war ich Charlotte, das Mauerblümchen - und heilfroh, als der Regen endlich aufhörte, ich die Rechnung bestellen und spazierengehend auf meinen Mann warten konnte.

Noch immer ist es unüblich, als Frau alleine ins Restaurant zu gehen

Das ärgerte mich. Warum war es mir peinlich, alleine in einem Restaurant zu sitzen? Wieso wurmten mich die Blicke der anderen? War ich wirklich so unselbstständig und so wenig selbstbewusst?

Es stimmt natürlich: Außer in der Mittags- oder Kaffeepause sieht man vor allem Frauen selten alleine im Restaurant oder in einer Bar sitzen. Und wenn, dann bemitleidet man sie und vermutet, sie seien versetzt worden. Doch ich erkannte, dass ich selbst Teil des Problems war und dass das Mitleid und die Lästereien, die ich den Kellnern und meinen Nachbarn unterstellte, auch meinen eigenen Vorurteilen entsprangen.

Nicht jede Frau wünscht sich Gesellschaft

Ich beschloss, das zu ändern - und: zu üben. Wenn ich auf Dienstreisen abends mal keine Termine hatte, bestellte ich mein Abendessen fortan nicht wie sonst aufs Zimmer, sondern ging essen. Alleine. Und merkte schnell: Je öfter ich es tat, umso souveräner und selbstbewusster trat ich auf - und umso weniger störten mich die Blicke der anderen.

Das Beste aber: Ich begann, diese kostbaren und seltenen Zeiten alleine zu genießen. Und das Essen. Ohne Ablenkung schmeckte alles irgendwie intensiver.

Auch heute noch ist es für mich etwas Besonderes, alleine in einem Restaurant zu sitzen. Bedauern ist jedoch fehl am Platz, denn ich bin in bester Gesellschaft: ganz bei mir.

Es ist wichtig und richtig, sich um das eigene Wohl zu sorgen. Übertreibt man es aber, riskiert man, dass andere auf der Strecke bleiben - und man Ende alleine dasteht.