Hunger ist für viele Kinder im Sudan Alltag geworden. Seit drei Jahren herrscht in dem Land ein brutaler Krieg. Was der Entzug von Nährstoffen bei Kindern anrichtet und wieso dadurch die Zukunft eines ganzen Landes bedroht ist, berichtet ein UNICEF-Ernährungsexperte.

Ein Interview

Die Zahlen, die rund um den Krieg im Sudan existieren, sind in ihrer schieren Größe kaum greifbar: Mehr als 21,2 Millionen Menschen hungern. Millionen Kinder unter fünf Jahren werden laut Angaben des IPC (Integrated Food Security Phase Classification) im Jahr 2026 akut mangelernährt sein. Über 11 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Es ist eine der derzeit größten humanitären Krisen der Welt und zudem eine, über die kaum berichtet wird.

UNICEF, das Kinderhilfswerk der UN, versucht, diese Menschen zu unterstützen: Sie mit Nahrung zu versorgen, Kinder zu impfen oder sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen.

Doch diese Arbeit ist nicht leicht. Senan Alajel, Ernährungsexperte bei UNICEF, kam kurz nach Kriegsausbruch in den Sudan. Die gegenwärtige Situation, so sagt er im Interview mit der Redaktion, sei katastrophal. Wieso er trotzdem Hoffnung hat – manchmal zumindest.

Herr Alajel, wann wird aus Hunger eine Hungersnot?

Senan Alajel: Das ist einfach: Eine Hungersnot bedeutet Tod. Das FRC (Famine Review Committee), ein internationales Komitee, ruft diese aus, wenn spezielle Indikatoren gelten. Seitdem dieses Komitee gegründet wurde, wurde nur in drei Ländern weltweit eine Hungersnot ausgerufen. Eines dieser Länder ist Sudan, dort sind hunderttausende Kinder vom Tod bedroht. Millionen Familien sind täglich mit Hunger konfrontiert.

Senan Alajel mit einem Kleinkind
Senan Alajel bei seiner Arbeit im Sudan. © UNICEF/UNI885766/Satti

Welche Indikatoren sind das?

Ein Indikator ist, wenn mehr als 30 Prozent der Kinder an akuter Mangelernährung leiden. Im Sudan gehen wir davon aus, dass in diesem Jahr über 3,6 Millionen Kinder mangelernährt sein werden. Das ist fast die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren im Land. Derzeit herrscht in zwei Regionen des Sudan eine Hungersnot, die voraussichtlich andauern wird: in Süd-Kordofan und Nord-Darfur. In weiteren zwanzig Gebieten stehen Menschen am Rande einer Hungersnot oder sind davon bedroht.

Wann wird eine Hungersnot ausgerufen?

  • Eine Hungersnot ist die schwerste Stufe akuter Ernährungsunsicherheit mit massiv erhöhtem Sterberisiko.
  • Der internationale Standard zur Einordnung ist die IPC-Skala mit fünf Stufen – von "minimal" (Phase 1) bis Hungersnot (Phase 5).
  • Eine Hungersnot wird ausgerufen, wenn gleichzeitig gilt:
  • Mehr als 20 Prozent der Haushalte haben extremen Nahrungsmangel .
  • Mehr als 30 Prozent der Kinder sind akut unterernährt.
  • Mehr als zwei Todesfälle pro 10.000 Menschen pro Tag.

Bedeutet Mangelernährung einfach nur, es gibt zu wenig zu essen?

Hunger ist der Mangel an Zugang zu Essen. Aber bei Mangelernährung geht es nicht nur darum. Es gibt zahlreiche Komponenten, die die Mangelernährung verschlimmern und beeinflussen. Darunter fallen der Zugang zu medizinischer Versorgung oder Hygiene, herrschende Konflikte, Armut und Instabilität. Mangelernährung ist das Resultat von all dem.

Das klingt wie ein Teufelskreis ...

Es ist sehr komplex. Gerade Kinder geraten schnell in einen solchen Kreislauf hinein. Meist führen ein Konflikt und die Instabilität zu Hunger und schließlich zu Mangelernährung. Darauf folgen Krankheiten, die tödlich enden können. Das Gute ist: Einige Formen von Mangelernährung können rückgängig gemacht werden. Andere aber eben nicht.

"Mangelernährung ist nicht nur eine Krise der Gegenwart, sie ist ein Problem von Generationen."

Senan Alajel, UNICEF Ernährungsexperte

Das müssen Sie erklären.

Kindern, die immer wieder Zeit akut mangelernährt sind, werden irgendwann chronisch mangelernährt sein. Sie sind deshalb oft kleiner, als es für ihr Alter normal wäre. Das nennen wir Entwicklungsverzögerung. Auch die kognitive Entwicklung kann beeinträchtigt werden. Mangelernährung ist nicht nur eine Krise der Gegenwart, sie ist ein Problem von Generationen.

Was heißt das genau?

Wenn hunderttausende Kinder kognitiv beeinträchtigt sind, hat das Auswirkungen auf ihre Zukunft und damit auch auf die Zukunft des Landes. Sie können schlechter lernen und dadurch weniger gute Jobs finden. Das Problem ist: Es ist nicht umkehrbar. Einer Hungersnot kann allerdings vorgebeugt werden, wenn rechtzeitig dagegen vorgegangen wird.

Was hilft?

Lebensmittellieferungen und medizinische Versorgung reichen nicht. Die Menschen brauchen dringend eine Waffenruhe. Sie müssen ihr Land und ihre Leben wieder aufbauen können. Wenn sich nicht bald etwas verändert, ist nicht nur die aktuelle Lage düster, sondern auch die Zukunft des Landes.

Sie sprachen von Formen der Mangelernährung, die rückgängig gemacht werden können.

Kinder mit einer schweren akuten Mangelernährung sind teilweise nur noch Haut und Knochen. Sie sind sehr schwach, ihr Immunsystem funktioniert nicht mehr. Dadurch werden sie viel schneller krank und das Sterberisiko ist extrem hoch, wenn sie nicht behandelt werden.

Und wenn sie behandelt werden?

Wenn Kinder mit Mangelernährung zu uns kommen, dann werden sie erst einmal gründlich untersucht und bis zu drei Monate betreut. Sie bekommen Medikamente, Impfungen, reichhaltige therapeutische Zusatznahrung, die aus einer Erdnusspaste besteht. Mehr als 90 Prozent der Kinder können sich so wieder erholen. Das ist fantastisch. Aber es gibt auch Tausende von Kindern, die wir gar nicht erreichen. Manche sterben, weil sie es nicht rechtzeitig zu uns schaffen.

Wo liegt das Problem?

Der Konflikt macht alles wahnsinnig kompliziert. Es geht nicht nur um die Lieferung von Hilfsgütern, sondern um Dienstleistungen. Dafür müssen Gesundheitszentren geöffnet und funktional sein. Die Helfenden müssen sicher sein. Viel zu oft ist das nicht der Fall. Dazu kommt die globale Unterfinanzierung von humanitärer Hilfe. Die Mittel werden überall zusammengeschrumpft.

Wie zeigt sich diese im Sudan?

Es ist kaum möglich, das derzeitige Niveau zu halten – der Bedarf wächst gleichzeitig immer weiter an. Wir sprechen von mehr als 20 Millionen Menschen, die im Sudan hungern. Das sind knapp 40 Prozent der Bevölkerung. Viele haben nur eine Mahlzeit am Tag, wenn überhaupt.

"Ich hoffe, der Tag einer Waffenruhe wird kommen. Die Hoffnung sollte immer da sein."

Senan Alajel, UNICEF-Ernährungsexperte

Sie sind seit Ausbruch des Krieges im Sudan – also seit drei Jahren. Was hat sich verändert?

Die Situation ist nach wie vor dramatisch. Allerdings gibt es an einigen Orten auch leichte Verbesserungen. In der Region Karthum etwa. Auch hier gab es zwei Gegenden, die kurz vor einer Hungersnot standen. Dass das verhindert werden konnte, lag nur am verbesserten Zugang, den wir schließlich hatten. So konnte unsere Unterstützung dort ankommen, wo sie gebraucht wurde, und die Situation hat sich stabilisiert.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Empfehlungen der Redaktion

Die Menschen im Sudan haben eine unglaubliche Resilienz. Wir sind immer motiviert, wenn wir sehen, dass manche von ihnen noch lachen können. Trotz der Lage, in der sie sind. Ich hoffe, der Tag einer Waffenruhe wird kommen. Die Hoffnung sollte immer da sein.

Über die Gesprächsperson

  • Senan Alajel ist seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2023 Ernährungsexperte bei UNICEF Sudan. Er leitet die Abteilung für das Management akuter Mangelernährung im Land und erlebt täglich, wie stark sich Mangelernährung auf Kinder auswirkt.