Tibet, das "Dach der Welt", übt mit seinem Reichtum an Kultur und Geschichte große Faszination auf viele Menschen aus. Leider gilt das nicht für die landestypische Küche, die eher als eintönig und langweilig gilt. Das ist bedauerlich, denn gerade weil die tibetische Küche mit einer begrenzten Zutatenpalette auskommen muss, ist sie etwas ganz Besonderes.

Auf durchschnittlich 4.500 Metern Höhe ist Tibet extremen Klimabedingungen ausgesetzt, die nicht nur die natürliche Nahrungsmittelpalette des Landes beschränken, sondern auch besondere ernährungsphysiologische Ansprüche an die Bewohner stellen. Basis der Landesküche bilden vor allem Fleisch- und Milchprodukte von Yak, Dzo (Kreuzung aus Rind und Yak), Ziegen und Schafe, sowie Gerste, Hülsenfrüchte und wenige Gemüsesorten. Aus diesen überschaubaren Zutaten haben sich Speisen entwickelt, die sich vor allem durch ihre Natürlichkeit auszeichnen. Ähnlichkeiten zur benachbarten chinesischen Küche gibt es kaum, doch seit der Eingliederung in die Volksrepublik China im Jahr 1951 halten auch immer mehr typisch chinesische Speisen Einzug in Tibet. Doch vor allem auf dem Land sind die Ernährungsgewohnheiten auch heute noch sehr traditionell.

Fleisch, Momos, Tsampa: Die Grundnahrungsmittel Tibets

Anders als vielleicht angenommen, ist die tibetische Küche alles andere als vegetarisch. Zwar wird im Buddhismus Fleischkonsum als schlecht angesehen, doch ein konkretes Verbot gibt es nicht. Weil das Töten von Tieren als größeres Vergehen gilt als das Essen von Fleisch, wird die Schlachtung häufig Muslimen überlassen. Vor allem im tibetischen Hochland, wo Landwirtschaft kaum möglich ist, sind die Menschen auf den Verzehr von tierischen Produkten angewiesen, und so sind tibetischer Käse und Fleischspeisen – meist getrocknet oder gekocht - weit verbreitet. Neben dem traditionellen Dörrfleisch (Sha Kampo), das aufgrund seiner Haltbarkeit die Nahrungsgrundlage von Nomaden bildet, kommen häufig Fleischgerichte wie Shabalay (ein in Fett ausgebackener Fleischkuchen), Blutwürste oder Innereien auf den Tisch. Auf Fisch wird in der tibetischen Küche aus religiösen Gründen gänzlich verzichtet. Sie sollen Buddha unmittelbar vor seiner Erleuchtung erschienen sein, daher gelten Fische bis heute als "heilig".

Yak und Buttertee: Die Nahrungsquellen auf dem "Dach der Welt".

Im Gegensatz zu unseren Milchkühe geben Yakkühe nur wenig Milch, weshalb Milchprodukte einen hohen Stellenwert haben. Besonders Käse spielt in der tibetischen Küche eine wichtige Rolle. Dabei unterscheidet man zwischen einem weichen (Chura loenpa) und einem getrockneten Käse (Chura kampo). Der Trockenkäse wird auch als Snack gegessen und muss dabei wie Kaugummi sehr lange gekaut werden.

Das wohl bekannteste Nationalgericht Tibets sind kleine gefüllte Teigtaschen, die sogenannten Momos. Bei festlichen Anlässen dürfen vor allem die klassischen Momos mit Fleischfüllung nicht fehlen, allerdings gibt es auch vegetarische Varianten. Die Teigtäschchen werden entweder frittiert oder in Brühe gekocht und serviert. Generell haben Suppen und Eintöpfe eine große Tradition in der höchstgelegenen Landesküche der Welt, denn sie sind nicht nur nahrhaft, sondern wärmen auch von innen. "Nudelsuppe ist auch ein Nationalgericht", erklärt uns Tshering Lhamo (39), Köchin des Restaurants "Tibet Kitchen" in München. "Bei uns sind die Nudeln aber nicht lang und dünn, sondern haben die Form kleiner Teigklößchen."

Ein weiteres typisches Grundnahrungsmittel der Tibeter ist Tsampa. Dafür wird geröstetes Gerstenmehl mit traditionellem Buttertee vermengt und anschließend als Brei oder kleine Teigkugeln gegessen. Weil Tsampa sehr einfach herzustellen und zudem lange haltbar ist, kommt es sowohl zum Frühstück als auch als Zwischenmahlzeit auf den Tisch oder dient als nahrhafter Reiseproviant. Je nach Anlass wird es mit Dörrfleisch, Honig oder Quark verfeinert.

Buttertee: Die tägliche Energiequelle

Salziger Buttertee gilt als Nationalgetränk der Tibeter. "Man trinkt davon bis zu vier Liter am Tag", erklärt Lhamo. "Obwohl Buttertee sehr fettreich ist, sind die Menschen in Tibet nicht dick. Es ist gesund." Tatsächlich decken Tibeter mit dem aus Tee, Yakbutter und Salz bestehenden Getränk nicht nur ihren Flüssigkeitsbedarf, sondern wappnen sich mit den Inhaltsstoffen gegen das raue Klima.

Für den europäischen Gaumen ist Buttertee, der geschmacklich wohl eher an eine dünne Suppe als an Tee erinnert, etwas gewöhnungsbedürftig. Schon Heinrich Harrer beschrieb seine erste Begegnung mit dem Getränk in seinem Buch "Sieben Jahre in Tibet" als "äußerst widerlich". Trotz seines eher schlechten Rufs wird Buttertee im Restaurant "Tibet Kitchen" sehr häufig bestellt, erzählt uns Frau Lhamo, die seit elf Jahren in Deutschland lebt. Doch am Geschmack scheiden sich die Geister: "Manche Gäste sind auf Anhieb begeistert, andere rühren Buttertee nach dem ersten Schluck nicht wieder an."