Dr. Yael Adler ist Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Bestsellerautorin – und spricht locker über alles, was vielen anderen peinlich ist. Wir haben mit ihr über Körpergeräusche, Erektionsstörungen und Toilettenerlebnisse gesprochen.

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Frau Adler, eigentlich sollte man meinen, wir gehen im Jahr 2019 relativ entspannt und offen mit Themen rund um den Körper um. Trotzdem gibt es Dinge, die uns in der Öffentlichkeit peinlich sind oder über die es uns schwerfällt zu sprechen. Woher kommt das?

Dr. Yael Adler: Vieles ist uns kulturell anerzogen. Aber es gibt auch Schamthemen, die tief in uns verwurzelt sind.

Das hat einen archaischen Hintergrund: Wenn man sichtbare Leiden an sich trägt, dann sieht das Gegenüber, dass da was nicht stimmt – und geht erst einmal auf Abstand. Schließlich möchte er sich nicht anstecken.

Hierbei handelt es sich um uralte Reflexe, die neben Kultur und Religion dafür verantwortlich sind, wie wir mit manchen Themen umgehen. Keiner möchte Außenseiter sein.

Was ist uns denn ganz besonders peinlich?

Ich beobachte, dass jeder Mensch ganz spezielle Tabuthemen hat. Das bedeutet: Was dem einen furchtbar peinlich ist, kann dem anderen total egal sein.

Trotzdem: Wir halten uns insgesamt für sehr aufgeklärt, doch in der Praxis merke ich oft, dass das gar nicht stimmt.

Ein Beispiel: Ich erzählte einer Freundin, dass ich gerade ein Buch über Körpertabus schreibe. Sie reagierte ziemlich unbeeindruckt und meinte: "Wir sind doch alle aufgeklärt worden und reden da auch ganz offen mit unseren Kindern." Dann war ich erst mal etwas enttäuscht.

Dann erzählte ich ihr, dass ich in meiner FAZ-Kolumne gerade über Menstruation geschrieben hätte. Und auch, ob man während der Menstruation Sex haben kann.

Daraufhin reagierte sie total entsetzt: "Ihhh, wie eklig, das ist ja pervers! Ich will mit niemandem zu tun haben, der sowas macht." Da mussten wir beide lachen – weil wir direkt bei ihr ein Tabu gefunden hatten, das sie so weit weggeschoben hatte, dass sie davon gar nichts ahnte.

Dr. Yael Adler.

Sicherlich haben Männer und Frauen teils unterschiedliche Körpertabus. Welche würden Sie da ausmachen?

Bei Frauen kann man sagen, dass alles, was Schönheit, Jugendlichkeit und Vergänglichkeit anbelangt, besonders schlimm ist. Haarausfall beispielsweise ist für Frauen eine extrem belastende Situation und wird tabuisiert, weil volles Haar ein weibliches Schönheitsideal ist. Und jeder sieht sofort, dass da etwas nicht stimmt.

Außerdem haben Frauen auch ein großes Problem mit Pupsen und aufs Klo gehen. Mädchen wird stets beigebracht, sie sollen immer duftig und sauber sein.

Ich kenne das aus meiner persönlichen Erfahrung: Als junge Frau war ich mit einem Mann gemeinsam in einem Hotelzimmer, bis mir auffiel: Oh Gott, ich kann hier gar nicht aufs Klo gehen, sowas mache ich doch nicht!

Ich habe tagelang eingehalten und hatte dann Verstopfung – und war letztendlich total neidisch auf den Mann, der da regelmäßig nach dem Frühstück seinen Klogang absolviert hat. Und das mit all seinen Geräuschen und Düften.

Erst später habe ich herausgefunden, dass es vielen Frauen genauso geht und dass die allerlei Tricks auf Lager haben. Zum Beispiel ein Feuerzeug anzünden, damit es nach Höllenfeuer riecht und nicht nach dem, was man da hinterlassen hat. Oder den Fernseher anschalten. Oder auf die Toilette beim Frühstückslokal gehen, mit der Ausrede, man tippe noch eine Mail oder müsse noch telefonieren.

Und was ist Männern besonders peinlich?

Männer haben auch Spezialtabus. Dazu zählt insbesondere die Erektionsstörung.

Wenn der Penis nicht steht, kann das psychische Gründe haben. Wenn man die Steuer, den bösen Chef oder nervige Nachbarn im Nacken hat, dann wird der Stressnerv aktiviert. Der verhindert, dass man eine Erektion bekommt. Das kann auch vor Aufregung passieren, wenn sich da eine neue Flamme drapiert.

Ab einem Alter von etwa 40 Jahren kann es auch sein, dass Blutgefäße verengt sind und es sich um eine Durchblutungsstörung handelt. Die Erektion ist die Wünschelrute des Herzens – Probleme könnten daher Vorboten für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall sein oder für eine Nervenerkrankung.

Wie sieht das bei Ihnen in der Sprechstunde aus? Können die Menschen dort leichter über ihre Tabus sprechen?

Oft muss ich erst alles erfragen. Das sind Fragen, die sonst oft nur im Internet anonym diskutiert werden mit Dr. Google.

Dr. Google bietet aber auch oft Laienantworten, die einseitig oder falsch sind. Es ist wichtig, mit einem Mediziner direkt zu sprechen. Ich kann dem Patienten erst helfen, wenn ich weiß, was los ist.

Zum Beispiel bei Frauen in der Menopause: Dass sie Schwitzattacken bekommen und nicht mehr gut schlafen können, darüber sprechen Frauen heute ganz offen.

Aber sie reden nicht darüber, dass sie Schmerzen beim Sex haben, dass sie vielleicht keine Libido mehr haben, dass sich das untenrum anfühlt wie Sandpapier und die Ehe darunter leidet.

Viele Frauen muss man da aktiv befragen. Dann gestehen sie erst: Ja, genauso ist das bei mir und das ist ganz furchtbar und quälend.

Erst dann kann man als Arzt konkrete Hilfe wie Gleitmittel, östrogenhaltige Zubereitungen oder Vaginallaser-Behandlungen anbieten. Und dann ist wieder alles gut.

Macht es Ihnen Spaß, sich mit unangenehmen Körpertabus auseinanderzusetzen?

Für mich sind das alles keine Tabus mehr, weil ich mich täglich damit auseinandersetze. Es macht mir Spaß zu helfen und zu heilen.

Außerdem reagiert man als Arzt grundsätzlich verständnisvoll – auch wenn dann mal ein Tabuthema dabei ist. Weil man viele dieser Themen schon kennt. Einige von anderen Patienten, manche vielleicht aber auch von sich selbst.

Aber trotzdem ekelt man sich doch auch als Arzt vor manchen Dingen?

Nein. Wir Ärzte haben unser Fach gewählt, weil wir das faszinierend und spannend finden – selbst die Enddarmmediziner!

Ich habe auch Proktologie gelernt und fand das immer sehr interessant, wenn man mit ein paar Handgriffen ein Hämorrhoidalleiden behandelt und es dem Menschen danach wieder gut geht. Das findet man toll.

Und wenn da mal was riecht, findet man das nicht schlimm, weil das in einem klinischen Kontext ist und man Handschuhe anhat. Und man kann einen Mundschutz benutzen.

Manche Erlebnisse sind aber schockierend: In meiner Krankenhauszeit hatte ich einen Patienten, der hatte ein offenes Bein, und darauf waren Maden. Das ist schrecklich, so etwas zu sehen. Schlimme Schicksale bringen uns dann schon auch aus der Balance. Aber das hat nichts mit Ekel zu tun.

Wie sollte man selbst am besten damit umgehen, wenn einem etwas Peinliches wie Pupsen in der Öffentlichkeit passiert?

Also erst mal: Ich finde nicht, dass man jedes Tabu wegräumen muss. Ich würde jetzt nicht vor Ihnen in der Nase popeln, ich gehe auch nicht mit Ihnen zusammen aufs Klo.

Aber zum Beispiel beim Pupsen: Das wäre mir in der Öffentlichkeit auch peinlich. Trotzdem ist das ja etwas, das jeden Menschen betrifft. Das gehört dazu – 15 bis 20 Mal am Tag sind voll ok.

Passiert das unglücklicherweise in der Öffentlichkeit, reagiert man vielleicht einfach mal mit Lachen. Den Wind aus den Segeln nehmen, im wahrsten Sinne, ist in dem Moment dann ganz hilfreich.

Die Natur hat uns auch das Erröten, die Schamesröte, geschenkt. Das ist etwas, das den anderen Stammesmitgliedern zeigen sollte: Ach, guck mal, der Arme, der schämt sich.

Das ruft dann Empathie und Mitleid bei den anderen hervor. Die Natur hat das schon so vorgesehen, dass man auf Verständnis hoffen kann.

Grundsätzlich finde ich: Etwas kurz ansprechen, auch beim Arzt, ist besser als chronisches Leiden. Und wenn man dann doch mal im privaten Umfeld mit der Sprache rausrückt, findet man oft Leute, die dann sagen: Ja, bei mir ist das auch so. Oder noch schlimmer. Und schon ist man nicht mehr alleine.

Mit Ihrem Buch wollen Sie Ihre Patienten dazu motivieren, insbesondere auch in Ihrer Praxis offener über Körpertabus zu sprechen. Meinen Sie, wir werden in Zukunft im Umgang mit unserem eigenen Körper grundsätzlich etwas entspannter?

Das glaube ich nicht. Überall sehen wir veränderte Körpervorbilder: mit Photoshop bearbeitete Fotos auf Instagram und in den Medien, rosa gebleichte und haarlose Genitalien in Pornos, Perfomances als wären es Akrobaten, alles ist gemacht und gestrafft. Das setzt "normale" Menschen heftig unter Druck.

Ich habe noch nie so viele Komplexe bei jungen Leuten erlebt – wo junge Mädchen sich nicht mehr an den Strand trauen, weil sie Dehnungsstreifen an den Waden haben und das als Krankheit sehen und alles weglasern lassen möchten.

Egal ob Ohren, Lippen, Brüste oder Hintern: Nichts ist in Ordnung. An allem wird gezweifelt und man schämt sich irgendwie für alles. Das finde ich sehr schade. Wir sind doch keine Puppen.

Dabei gibt es Menschen, die haben Krankheiten und Leiden und wären froh, wenn sie nur diese Makel hätten. Eine gewisse Dankbarkeit für dieses Geschenk Leben und einen gesunden, funktionierenden Körper, das würde ich gerne Menschen zeigen.

Dr. Yael Adler ist Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und Autorin. Sie hat für die klinische Forschung gearbeitet und leitet eine eigene Praxis in Berlin. Vor Kurzem erschien ihr zweites Buch "Darüber spricht man nicht" beim Droemer Knaur Verlag.

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