Immer mehr Deutsche kämpfen mit depressiven Störungen. Doch viele suchen sich keine Hilfe und unterschätzen die Gefahren der Krankheit – trotz möglicher schwerwiegender Folgeschäden. Prof. Dr. Martin E. Keck, Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, erklärt, wie man die Symptome erkennt und Betroffenen geholfen werden kann.

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Gedrückte Stimmung, keine Motivation und eigentlich will man sich nur im Bett verkriechen – wir alle kennen diese Tage. Schließlich hat jeder im Leben einmal traurige Phasen.

Doch was, wenn es schlimmer wird? Wenn daraus Wochen werden - oder gar Monate?

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und trotzdem am meisten unterschätzen Erkrankungen. Laut der Weltgesundheitsorganisationen werden Depressionen bis 2020 die zweithäufigste Erkrankung weltweit sein.

Doch trotzdem schrecken viele Menschen im Alltag davor zurück, sich psychotherapeutische Hilfe zu holen – selbst wenn sie merken, dass sie sich über lange Zeit nicht gut fühlen.

Prof. Dr. Martin E. Keck, Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, woran man die Volkskrankheit Depressionen erkennt, wie sie entsteht – und warum so viele Menschen darunter leiden.

Herr Professor Dr. Keck, worin unterscheidet sich eine Depression von einem herkömmlichen Stimmungstief?

Prof. Dr. Martin E. Keck: Zunächst einmal ist die Dauer entscheidend. Bei der Depression haben wir nach Kriterien der Weltgesundheitsorganisation eine Zeitdauer von mindestens zwei Wochen. Das bedeutet, eine depressive Verstimmung muss mindestens zwei Wochen andauern, bevor man überhaupt davon sprechen kann.

Ein Stimmungstief kann meist von Außenstehenden, wie Familie oder Freunden, nachempfunden werden. Oft steht ein Ereignis wie beispielsweise ein Todesfall, ein Beziehungsende, Jobprobleme oder andere Herausforderungen damit im Zusammenhang.

Menschen in einem Stimmungstief erleben aber normalerweise trotzdem noch positive Momente. Sie können sich auch zwischendurch über etwas freuen und auch mal lachen, selbst wenn die Trauer dann zurückkommt. Bei einer Depression ist dies meist nicht der Fall.

Das bedeutet, wenn man an einer Depression leidet, hat man keinerlei Momente mehr, in denen man Freude empfindet?

Nein, in aller Regel gar nicht mehr. Die Depression ist der totale Verlust der Freudfähigkeit. Statt traurig zu sein ist es für viele meist mehr ein Gefühl der totalen inneren Leere. Sie beschreiben ihren Zustand als "wie ausradiert zu sein“ und haben überhaupt keine Empfindungen mehr. Selbst Tätigkeiten, die früher Freude bereitet haben, lösen dann keine positiven Gefühle mehr aus.

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Welche deutlichen Anzeichen für eine Depression gibt es noch?

Ein weiteres typisches Merkmal sind Einschlaf- oder Durchschlafstörungen. Betroffene wachen oft früh auf – und fangen sofort an zu grübeln. Sie neigen grundsätzlich stark zum Grübeln, also einem ständigen Nachdenken und Gedankenkreisen, bei dem es immer um die gleichen Sorgen geht.

Grundsätzlich leiden depressive Menschen unter allgemeiner Energielosigkeit, vermindertem Antrieb und einem starken Erschöpfungsgefühl. Doch auch, wenn sie nach außen hin keine Energie mehr haben: Innerlich sind sie oft sehr unruhig und nervös. Gerade diese Kombination kann für Betroffene sehr quälend sein.

Typisch ist auch das Gefühl der Wertlosigkeit. Gleichzeitig werden sie von einer starken Unsicherheit gequält. Da werden selbst ganz einfache Entscheidungen zu einer großen Herausforderung: Soll ich die Post aus dem Briefkasten holen? Lese ich die Zeitung? Viele Alltagsdinge, die wir automatisch machen und fast banal sind, stellen Depressive vor eine große Herausforderung. Hinzu kommen eine ausgeprägte Hoffnungslosigkeit und eine negative Zukunftsperspektive, welche in Suizidgedanken münden können. Nach aktuellen Zahlen begehen 15 Prozent an einer Depression Erkrankten Suizid.

Gibt es auch körperliche Symptome?

Ja, die gibt es sehr häufig. Diffuse Muskelschmerzen, Gewichtsverlust, Kopfschmerzen, übermäßiges Schwitzen, Konzentrationsstörungen, reduziertes Kurzzeitgedächtnis, verminderte Aufmerksamkeit, Herzrasen – all diesen Symptomen liegt die Dysregulation, also die Störung des Stresshormonsystems zugrunde. Das bedeutet, bei einer Depression verliert das Gehirn die Kontrolle über dieses System, das dann ständig auf Hochtouren läuft. Dadurch können wiederum andere Krankheiten entstehen.

Deshalb wird die Depression auch als "systemische Krankheit“ bezeichnet, die letztendlich viele Organsysteme des Körpers betreffen kann. Denn: Es ist nachgewiesen, dass man als Depressiver ein doppelt so hohes Risiko hat, zusätzlich an anderen schwerwiegenden Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Demenz zu erkranken.

Welche Faktoren spielen für die Auslösung einer Depression eine Rolle?

Eine Depression kann ganz viele Ursachen haben. Akute Belastungen wie der Verlust oder Tod einer wichtigen Bezugsperson und chronische Überlastungssituationen können ein Auslöser sein. Auch soziale Faktoren, die eine Anpassung an neue Umstände erfordern, wie etwa Heirat, Arbeitslosigkeit oder Pensionierung, treten oft vor dem Beginn einer Depression auf. Jedoch sind nicht bei allen Patienten derartige Auslösefaktoren im Spiel. Viele Depressionen treffen den Erkrankten wie aus heiterem Himmel.

Zusätzlich muss untersucht werden, ob eine mögliche körperliche Erkrankung vorliegt. Eine Schildrüsenunterfunktion, Störungen der Nebenniere oder andere Hormonstörungen können Depressionen auslösen. Aber auch Krankheiten wie Multiple Sklerose, Borreliose oder gar ein Hirntumor können dafür verantwortlich sein. Durch einen Nährstoffmangel, insbesondere durch Vitamin B12 oder Folsäure, können ebenfalls Symptome einer Depression hervorgerufen werden. Insbesondere bei Frauen kann auch ein Eisenmangel zu einer ausgeprägten Erschöpfung führen.

Können auch Gene einen Einfluss haben?

Eine genetische Vorbelastung, also eine persönliche Anfälligkeit, mit einer Depression auf Umweltereignisse zu reagieren, ist ein wichtiger Grund für die Entstehung einer Depression. Schreckliche Dinge passieren leider sehr vielen Menschen, aber nicht alle werden danach krank. Aufgrund dieser Tatsache wurde hier sehr viel geforscht – und letztendlich herausgefunden, dass es zur Erkrankung eine genetische Risikokonstellation braucht.

Bei den Betroffenen gibt es winzige Änderungen in Erbgut, die durch bestimmte negative Erlebnisse aktiviert oder stumm geschaltet werden und dadurch das Stresshormonsystem beeinflussen. Nach heutigem Stand der Forschung wissen wir: Diese genetische Risikokonstellation alleine macht nichts. Doch in Kombination mit einem Umweltereignis entgleist das Stresshormonsystem vollkommen und es kann zu einer Depression kommen.

Warum nehmen die Zahlen der Neuerkrankungen so extrem stark zu?

Das hat sicherlich mehrere Gründe. Einer davon ist, dass Depressionen heutzutage wesentlich offener thematisiert werden. Dadurch werden sie häufiger erkannt und diagnostiziert. Vor einigen Jahren war die Krankheit dagegen noch sehr tabuisiert. Doch da sich beispielsweise Prominente und Fußballer öffentlich dazu bekannt haben, wird es auch in der Allgemeinheit nicht mehr so verschwiegen.

Insbesondere Männern kann diese Entwicklung sehr helfen, denn die meisten bewegen sich erst sehr spät in eine Therapie. Viele denken zu lange: "Das muss ich selber schaffen“ – so sind sie sozialisiert. Für sie ist das Thema Depression wesentlich schambesetzter und wird seltener als richtige Krankheit gesehen. Schließlich ist es nicht wie ein gebrochenes Bein beim Skifahren. Doch durch viel Aufklärung ändert sich auch das.

Ein weiterer sehr großer Faktor für die steigenden Neuerkrankungen sind die heutigen Umweltbedingungen, die unser Stresshormonsystem konstant fordern: Digitalisierung, ständige Verfügbarkeit, die Möglichkeit, vermeintlich viele Dinge gleichzeitig erledigen zu können, immer hoher Zeitdruck – all diese Dinge tragen dazu bei, dass vermehrt Stress auftritt – und beeinflussen so langfristig das Stresshormonsystem.

Wie kann man Depressionen grundsätzlich vorbeugen?

Ausreichend Schlaf ist extrem wichtig. Wie viel man braucht, ist sehr individuell. Im Durchschnitt sind es sieben bis acht Stunden. Wenn man zu Depressionen neigt und ein erhöhtes Risiko mitbringt, sollte man ganz besonders darauf achten, jeden Tag zur selben Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen. Unser Gehirn braucht diese Regelmäßigkeit.

Bewegung beugt vielen Erkrankungen vor – insbesondere auch Depressionen. Ausdaueraktivitäten wie die berühmten 10.000 Schritte pro Tag, Fahrradfahren oder Jogging sind ideal.

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Auch in Sachen Ernährung kann man vorbeugen: Reduzieren Sie Fleisch sowie hochkalorische und industriell hergestellte Produkte. Stattdessen sollte viel Fisch gegessen werden. Insbesondere Meeresfisch ist aufgrund der enthaltenen Omega-3-Fettsäuren besonders empfehlenswert. Grundsätzlich sind regemäßige Mahlzeiten und möglichst wenig Alkohol und Koffein angeraten.

Wichtig ist auch eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung: Nehmen Sie sich Zeit zum Nichtstun und für Ihre Freizeit. Entspannungstechniken sind eine gute Hilfe, zum Beispiel progressive Muskelentspannung, Achtsamkeit, autogenes Training oder Yoga. Aber: Man muss das gerne machen und sich nicht unter Zwang setzen – sonst entsteht letztendlich nur noch mehr Stress.

Wann sollte man sich als Betroffener Hilfe suchen?

Prinzipiell so früh wie möglich! Gerade wenn das Gefühl da ist, dass man sich langfristig nicht mehr erholen und den Alltag nicht mehr bewältigen kann – dann wird es Zeit! Aber auch, wenn Tätigkeiten, die einem früher Freude bereitet haben, keinen Spaß mehr machen, oder man sich sehr zurückzieht, sollte das als Warnsignal gesehen werden.

Wenn man unsicher ist, kann man mit Familie und Freunden darüber sprechen. Sie sehen Veränderungen meist viel früher und erkennen schnell, wenn die allgemeine Freudfähigkeit nachlässt.

Gleichzeitig sollten auch Angehörige von sich aus auf Frühwarnzeichen wie Rückzug, Persönlichkeitsveränderungen, Gewichtsverlust oder ähnliches aufmerksam machen und diese behutsam ansprechen. Aber: Der Angehörige kann nicht gleichzeitig Therapeut sein. Allerdings kann er helfen, dass jemand die Hilfe, die er braucht, bekommt und diese dann auch annimmt.

Erster fachlicher Ansprechpartner sollte der Hausarzt sein. Alternativ kann man sich direkt an einen Facharzt oder die Ambulanz einer psychiatrischen Klinik wenden. Durch die fachärztliche Beratung kann schnell eingeschätzt werden, ob es sich um eine Depression handelt und wenn ja, welche Behandlung je nach individueller Situation am geeignetsten ist.

Wichtig ist allerdings, dass den Menschen klar wird, dass die Depression eine Erkrankung ist wie viele andere auch: Eine Erkrankung, die, wenn man sie behandelt, auch gut behandelbar ist. Es ist kein persönliches Versagen und keine Schwäche. Sie darf kein Stigma mehr sein.

Betroffene können sich sowohl zur Erstberatung als auch bei Suizid-Gedanken jederzeit an die Telefon-Seelsorge unter 08 00/ 11 10 - 111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz) wenden. Gespräche sind auch per Chat und E-Mail möglich: www.telefon-seelsorge.de. Lokale Krisendienste finden Sie unter www.deutsche-depressionshilfe.de, (Anm. d. Red.)

Zur Person: Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck ist Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie, Nervenheilkunde (FMH Neurologie) und Allgemeinmedizin sowie Neurowissenschaftler. Er ist Klinikdirektor und Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie sowie Vorstandsvorsitzender des Münchner Bündnisses gegen Depression.
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