Erst mit 27 Jahren nimmt Iris Geuder ihre ersten Reitstunden. Heute hat sie acht Pferde, die bei ihr vor allem eins können: Das Leben ganz natürlich genießen. Und dazu gehört auch der Tod. Viele Pferde teilen den Menschen mit, wenn "ihre Zeit gekommen ist", sagt sie. pferde.de sprach mit ihr über Abschied, Trauer – und was wir von Pferden über den Tod lernen können

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Tiere? "Habe ich schon als Kinder geliebt", sagt Iris Geuder. "Ich wollte unbedingt ein Tier haben, am liebsten ein Pferd. Aber als siebtes Kind in der Familie hatte ich keine Chance." Und so verschwand der Wunsch tief in ihr. Stattdessen machte sie Abitur, studierte Physik und arbeitete als Managerin bei einer großen deutschen Firma. Erfolg und Karriere hatte sie damit erreicht. Aber Glück? "Um ehrlich zu sein: Ich hatte damals Geld – und Langeweile. Deshalb suchte ich etwas, ein Hobby. Und erinnerte mich an die Pferde meiner Kindheit."

Und so kam sie mit 27 Jahren zu einem Islandhof in der Nähe von München. "Nach drei Reitstunden wusste ich: Das ist nicht meine Welt. Diesen Umgang mit Pferden wollte ich nicht. Gleichzeitig hatte ich mich in die tollen Isländer verliebt. Ich stand vor der Entscheidung, aufzuhören – oder mir ein eigenes Pferd zu kaufen." Sie entscheidet sich fürs Pferd. "Ich hatte auch schon eine Stute gefunden, die ich wollte. Aber eine andere Frau hatte sich vor mir für sie entschieden." Geuder lacht. "Die Stute warf sie beim Probereiten beinahe ab. Und so kam Snaelda zu mir – und damit die Veränderung meines Lebens."

Das Reiten hat sie von ihrer Stute gelernt

Denn Snaelda wird nach kurzer Zeit immer schwieriger. "Schnell war klar: Das Gebiss, der Sattel – das alles tat ihr weh. Also habe ich alles gewechselt, das Gebiss kam raus, statt Sattel nahm ich ein Pad, die Eisen kamen runter. Und Snaelda war zufrieden." Doch im Stall hatte nicht jeder Verständnis für sie. "Wir waren plötzlich die Aussätzigen im Stall. Dadurch stand ich wieder vor eine Entscheidung: Snaelda verkaufen – oder weggehen", erinnert sich Gelder.

Das Reiten hat sie von ihrer Stute gelernt.
Das Reiten hat sie von ihrer Stute gelernt.

Ihr Glück: Sie hat Freunde, die genauso mit ihren Pferden leben wollen, wie sie. "Wir haben dann einen eigenen Stall aufgebaut. Das war eine tolle Zeit. Da habe ich dann auch Reiten gelernt – von Snaelda. Und sie hat mir noch viel mehr beigebracht." Was denn? "Dass wir viel mehr auf unsere Pferde achten sollten. Sie zeigen und sagen uns so viel", sagt die Diplom-Physikerin.

Mit einem Asthma-Anfall fing es an…

Dabei ist es nicht immer leicht zu verstehen. Bei Snaelda begann es mit einem Asthma-Anfall. "Ich holte den Tierarzt. Wir versuchten es mit Kortison und Inhalieren. Alles half, aber nur kurzfristig. Dann kam der nächste Anfall, zeitgleich mit einer Entscheidung, die ich zu treffen hatte. Solange, wie ich grübelte, war es da. Als ich die Entscheidung getroffen hatte, stand sie komplett gesund, ohne das kleinste Atemgeräusch auf dem Paddock und schaute mich an, als wollte sie sagen: ‚Na, kapiert?‘" Geuder lacht. "Ich hatte damals aber überhaupt nichts kapiert."

Aber sie wurde aufmerksamer. "Von da an, kamen ihre Anfälle immer wieder. Manchmal dauerte es länger, manchmal kürzer – bis ich verstand, dass es wieder Zeit für eine Veränderung oder Entscheidung war. Es war ihre Art zu sagen ‚Hey, guck mal genauer hin.‘"

Der Umgang mit dem Tod

Zu dieser Zeit hatte Geuder ihr Leben auch schon ganz auf die Pferde umgestellt: "Nach 13 Jahren im Management stieg ich aus, als meine beiden Kinder kamen und habe eine Ausbildung als Hufpflegerin gemacht." Sie träumt von einem Ort, an dem Pferde ganz natürlich leben können. Und findet ihn, in der Nähe von Wolfratshausen. "Hier haben die Pferde den Platz, den sie benötigen. Und alles, was sie brauchen: Gras, Bäche, Weiher, Wald und natürlich Unterstände."

Durch Nähe zu Pferden erlebte sie auch den Tod.
Durch Nähe zu Pferden erlebte sie auch den Tod.

Durch ihre Nähe zu den Pferden erlebte Geuder auch immer wieder den Tod. "Ich hatte nie vor, mich mit diesem Thema zu beschäftigen", sagt sie. "Wie die meisten Menschen hätte ich vor 20 Jahren auf die Frage ‚Wie Pferde sterben‘ geantwortet: ‚Pferde werden eingeschläfert, alles andere ist Tierquälerei.‘ Doch meine Pferde haben mich etwas anderes gelehrt."

Es kam völlig unerwartet

Und wieder war es Snaelda, die auch bei diesem Thema ihre Lehrmeisterin wurde. "Sie war das erste Pferd, das angekündigt hat, dass sie gehen würde. Für mich kam es völlig unvermittelt. Zwar war sie fast 30 Jahre alt, aber sie war fit, tobte mit den Pferden noch herum. Doch dann hat sie sich an einem Tag auf die Wiese gelegt. Als ich zu ihr kam, spürte ich sofort, dass sie heute gehen will. Dass wir uns alle noch verabschieden können, aber dann möchte sie alleine sein." Iris Geuder stockt kurz. "Ich habe dann meinen Kindern gesagt, dass sie sich von Snaelda verabschieden sollten. Sie sind hingegangen, haben ihr einen Sonnenschirm gebracht und Äpfel. Und waren überzeugt, dass ich mich irre und es Snaelda gut gehe." Auch eine Nachbarin ging noch einmal zu Snaelda. "Auch sie meinte, dass ich mich täusche. Eine Stunde später war Snaelda gestorben, ganz friedlich, ohne Schmerzen."

Was für Geuder besonders deutlich war: Snaelda starb alleine. "Bis dahin war ich überzeugt, dass ich beim Pferd bleiben muss, damit es beim letzten Atemzug genau das nicht ist – allein. Doch das ist unser Denken, unser Umgang mit dem Tod. Pferde sind anders. Sie brauchen keinen, der ihnen den Huf hält. Sie gehen weg, wenn ihre Zeit gekommen ist."

„Es tut weh, wenn Pferde sterben.“
„Es tut weh, wenn Pferde sterben.“

Es tut weh, wenn Pferde sterben

Seitdem hat Geuder immer wieder erlebt, dass Pferde spüren, wann ihre Zeit gekommen ist. "Und sie zeigen es uns Menschen auch. Nur wollen wir die ersten Zeichen nicht immer erkennen. Stattdessen tun wir alles, damit das Pferd so lange wie möglich weiterlebt – egal, um welchen Preis." Dabei gebe es durchaus offensichtliche Anzeichen, zum Beispiel bei alten Pferden: "Sie werden immer dünner, zerbrechlicher. Und dann sind sie plötzlich wieder wie zierliche Jungpferde." Genauso zeigte sich eine andere Stute auf ihrem Hof. "Ihre Besitzerin war überzeugt, dass ich mich nicht genug um sie kümmere und sie bei mir eingehe. Deshalb hat sie ihr Pferd in einen anderen Stall gebracht. Dort wurde sie fast sofort wieder rund, dank all des Zusatzfutters, was es auf dem Markt gibt."

In dieser Zeit zweifelt Geuder an sich. "Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich was falsch gemacht habe. Die Stute hatte ausreichend Futter, Wasser. Es ging ihr gut. Hatte ich die Situation falsch eingeschätzt? Bis ich hörte, dass die Stute innerhalb von einem halben Jahr gestorben war. Sie hatte erst eine Schlundverstopfung, danach eine sehr schmerzhafte Kolik und musste eingeschläfert werden." Geuder überlegt: "Sechs Monate und am Ende das Leiden. War es das wert?" Seitdem nimmt sie keine fremden Pferde mehr zu sich. "Es tut weh, wenn Pferde sterben. Aber es tut noch mehr weh, wenn sie leiden müssen, weil wir sie nicht gehen lassen wollen."

Tod: Manchmal haben Pferde noch eine Aufgabe

Was sie auch ärgert: Dass die alten Pferde bei ihr etwas schlanker werden, akzeptiere nicht jeder. "Es gab immer wieder mal Beschwerden und dann kam jemand vom Amt und hat sich die Pferde angesehen. Es war immer alles okay. Deshalb habe ich ein Schild gemacht: ‚Hier dürfen auch dünne Pferde leben!‘ Seitdem ist Ruhe."

Für Geuder ist wichtig, dass ihre Pferde selbstbestimmt leben – und sterben. "Wenn sie es mir mitteilen, dann tut es weh. Dann weine ich auch. Aber wenn sie dann gestorben sind, bin ich ganz friedlich. Weil ich weiß, dass sie ohne Schmerzen gehen konnten." Doch manchmal dauert es, bis ein Pferd gehen kann. "Ich hatte eine Holsteiner Schimmelstute, sie war die Leitstute der kleinen Herde. Ich spürte, dass ihre Zeit gekommen war, und dass sie es auch wusste. Aber sie wollte nicht gehen. Bis eine neue Stute kam. Zuerst wurde sie nicht von der Herde akzeptiert. Aber nach zwei, drei Wochen hat die Schimmelstute sie an ihre Seite gelassen. Sie haben zusammen gefressen – und sie hat ihr Amt an die neue Stute übergeben. Drei Tage später ist sie friedlich eingeschlafen", erinnert sie sich.

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Viele spüren, wenn ihre Pferde gehen werden

Über ihre Erlebnisse hat Geuder ein Buch geschrieben: "Wie Pferde sterben". "Ich möchte, dass wir Menschen mehr auf unsere Pferde achten. Viele spüren es, wenn Pferde gehen werden – aber sie können es nicht wirklich verstehen." Auch wir können von Pferden etwas über den Tod lernen. "Sie nehmen ihn ganz selbstverständlich an. Er gehört zum Leben dazu. Wir dagegen wollen immer länger leben. Auch, wenn es dann nicht mehr das Leben ist, das wir eigentlich führen wollen", sagt die Pferde-Autorin.

Obwohl der Tod dazu gehört: Geuder genießt jeden Tag mit ihren Pferden. "Sie zeigen mir jeden Tag ihre Welt. Und ich lerne immer wieder etwas Neues von Ihnen. Besser geht es doch nicht."  © Pferde.de