Humor gilt als eine der attraktivsten menschlichen Eigenschaften. Manche Menschen machen ihn sogar zur Profession. So auch der hauptberufliche Clown Peter Spiel. 2003 gründete er mit seinen Kollegen Elisabeth Makepeace und Stefan Schiegl die Clownschule "Die Kunst des Stolperns" in Freising bei München. In einem sechsmonatigen Grundkurs bieten die drei Lehrer ihren Schülern einen Einstieg in die Clownerie. Uns hat Peter Spiel verraten, dass jeder Mensch ein Clown sein kann. Man muss nur wissen, wie.

Herr Spiel, haben Sie heute schon Menschen zum Lachen gebracht? Wenn ja, wie?

Heute habe ich zumindest schon Menschen zum Erstaunen gebracht, weil ich im Einkaufszentrum etwas am völlig falschen Ort gesucht habe. Durch meine absurde Frage habe ich die Verkäufer dort zum Schmunzeln gebracht.

Hat jeder Mensch eine lustige Seite oder gibt es Leute, die einfach humorlos sind?

Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch eine lustige Seite hat, wie auch jeder Mensch zum Beispiel eine wütende Seite hat. Humor und Lachen gehört zu uns dazu. Die Frage ist nur: Inwieweit lassen wir es zu?

Muss man dazu ein Naturtalent sein oder kann man die Kunst der Clownerie durch Techniken erlernen?

Es ist eine Mischung: Man muss Menschen unterhalten wollen und ihnen erlauben, über einen selbst zu lachen. Zweitens braucht es viel Fleiß, denn man muss sehr viel üben. Und natürlich hat es auch mit Talent zu tun. Manchen fällt die Clownerie in den Schoß und andere müssen hart arbeiten. Aber Talent allein nutzt gar nichts und bis zu einem gewissen Punkt kann jeder Mensch diese Fähigkeiten erlernen, wenn er will.

Dem Publikum zu erlauben, über die eigene Person zu lachen: Fällt das je nach Geschlecht unterschiedlich schwer?

Es ist interessant: Unter den berühmten Clowns gibt es mehr männliche. Bei den Anmeldungen in unserer Clownschule ist es aber genau umgekehrt. Viel mehr Frauen haben den Mut dazu, das einmal auszuprobieren. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Männer ab einem gewissen Alter und mit einem bestimmten Status Probleme damit haben, Menschen über sich lachen zu lassen. Frauen fällt das offenbar leichter.

Landen Clowns immer im Zirkus?

Der Zirkus ist für den Clown nicht mehr das typische Arbeitsfeld. Im Grundkurs bilden wir auch keine Profi-Clowns aus, sondern bieten einen Einstieg. Wenn man die Clownerie zum Beruf machen möchte, ist man danach nicht fertig, sondern hat einen Grundstein für die Karriere gelegt. Man kann die Clownerie aber auch als Hobby betreiben oder in den Beruf integrieren, zum Beispiel als Lehrer oder Personal Trainer.

Sie sind aber ein professioneller Clown?

Das stimmt. Ich lebe von der Clownerie, indem ich Clownlehrer bin und in einer Klinik als Clown auftrete. Darüber hinaus bin ich Schauspieler und Regisseur.

Dann können Sie ja sehr gut beurteilen, was das Schlimmste ist, das einem Clown vor Publikum passieren kann?

Ja: Die Nase verlieren. Das ist metaphorisch gemeint. Die Nase steht für die Clownfigur. Sie zu verlieren, ist wohl das Schlimmste, was auf der Bühne passieren kann.

Sie meinen, wenn der Clown seinen spezifischen Charakter verliert?

Ja, genau. Denn da gibt es einen Unterschied zum Schauspieler: Der spielt eine Rolle und kann sich hinter ihr verstecken. In der Clownerie ist ein größerer Teil der Persönlichkeit dabei. Für uns Clowns ist das authentische Spiel wichtig. Der Clown tut nicht nur so, als ob etwas geschieht, sondern es berührt ihn auch wirklich. Er macht sich verletzlich. Und das ist, was den Zuschauer bezaubert.

Merkt das Publikum denn sofort, wenn der Clown seinen Charakter verliert?

Ich halte das Publikum für sehr intelligent. Der Zuschauer erkennt zwar nicht, dass der Clown die Figur verloren hat. Aber er merkt einen Bruch, er wird aus dem Spiel herausgeholt.

Clowns ernten die Lacher häufig durch offensichtliche Scherze. Gibt es auch subtilen Humor in der Clownerie?

Absolut! Die Bandbreite ist groß. Man muss natürlich auch gut stolpern oder gegen die Tür laufen können. Aber der subtile Humor darf auf keinen Fall fehlen, denn wir wollen nicht Lacher um jeden Preis produzieren. Der Clown muss berühren. Er kann dazu auch eine melancholische Stimmung im Publikum erzeugen. Dieses sollte sowohl zuschauen und lachen als auch staunen, begeistert, berührt und gefesselt sein.

Es gibt Menschen, die Clowns eher gruselig finden. Warum eigentlich? Ist ein Grund Stephen Kings verfilmter Bestseller "Es", bei dem ein Clown Angst und Schrecken verbreitet?

Im Film "Es" trägt der Clown eine riesige Maske und ist stark geschminkt. Dadurch wirkt das Gesicht fast wie eine Fratze. Auch bei Zirkusclowns ist das oft so, weil sie intensiv geschminkt sind, sehr laut und groß sein müssen, um auch bei Zuschauern in den hinteren Reihen erkennbar zu sein. Solche Clowns sind wir nicht. Wir suchen bei jedem unserer Schüler das Spezielle, das sie oder ihn als Clown ausmacht. Wir stärken diesen Charakter, indem wir dezente Schminke verwenden: Wir betonen die Augenbrauen, schminken die Backen rot. Es soll ein lustiges, schönes Gesicht dabei herauskommen.

Haben Sie zum Abschluss einen einfachen Trick für diejenigen, die ihre humorvolle Seite ausbauen wollen?

Wenn Sie mal jemanden zum Lachen bringen, halten Sie einen Moment inne und fragen sich: Wie habe ich das eben gemacht? Daraus können Sie ableiten, wie Ihr individueller Humor funktioniert.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Spiel. Haben Sie noch Anmerkungen?

Ja, ich möchte meine Mama grüßen. (lacht)