Fear Speech – wenn Worte Angst verbreiten

In Zeiten von KI generierten Inhalten ist es oft nicht leicht, den Wahrheitsgehalt eines Online-Beitrags zu bewerten. Erschwerend kommt hinzu, dass zwischen harmlosen Beiträgen auch radikale Inhalte warten können. Dazu zählt auch Fear Speech: Sie ist zwar unscheinbar, aber in jedem Fall gefährlich und wissenschaftlich noch lange nicht ausreichend erforscht. In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die Gefahren von Fear Speech und woran Sie zukünftig Fear Speech Inhalte erkennen.
  Von Alicia – Lesedauer: 6 Min.

 

Was ist Fear Speech?

Die Bezeichnung Fear Speech (zu Deutsch: "Angstsprache" oder "Angstmache") beschreibt eine Form von Inhalten, die Angst vor einer angeblichen Bedrohung schüren. Im Fokus stehen gesellschaftlich und politisch relevante Themen wie beispielsweise der Klimawandel und die damit verbundenen globalen Folgen. Nicht selten werden auch gesellschaftliche Minderheiten zur Zielscheibe. Fear Speech wird vor allem in den sozialen Medien verwendet. Dort wird sie oft als einfache "Sorge" oder "Warnung" dargestellt.

Bitte nicht verwechseln: Fear Speech und Hate Speech

Es ist wichtig den Unterschied zwischen Fear Speech und Hate Speech zu kennen. Hate Speech richtet sich durch hasserfüllte Sprache aktiv gegen bestimmte Teile der Gesellschaft und grenzt sich bewusst ab. Konträr dazu stellt Fear Speech Ängste und Sorgen in den Vordergrund. Offen gewählte Formulierungen sorgen dafür, dass Fear Speech Posts zahlreich geliked, geteilt, und vor allem kommentiert werden. Fear Speech kann somit jeden erreichen, oftmals auch ohne als solche erkannt zu werden.
 

Unsere Empfehlung: Lesen Sie im Anschluss unseren Blog-Artikel zum Thema Hass & Hetze im Internet!

Die Gefahren von Fear Speech

Gerade in den sozialen Medien verbreitet Fear Speech sich meist überdurchschnittlich schnell. Grund dafür ist ein Phänomen, das im Englischen als "emotional contagion" bezeichnet wird. Grob übersetzt bedeutet das "Emotionale Ansteckung".

Was dahinter steckt: Menschen lassen sich gerne von Emotionen beeinflussen und anstecken. Das passiert vor allem, wenn die Angst im Mittelpunkt steht. Wer gesellschaftliche Ängste bewusst anspricht, kann so komplexe Meinungsbildungsprozesse beeinflussen und die öffentliche Aufmerksamkeit lenken.

Das funktioniert besonders in den sozialen Medien, denn dort werden Beiträge, die viele Interaktionen erhalten zusätzlich hervorgehoben.
 

Eine junge Frau, die besorgt auf ihr Smartphone schaut
Fear Speech: Durch die sozialen Medien auch auf Ihrem Smartphone?

Die Motive hinter Fear Speech

Fear Speech erfreut sich besonders bei politischen Interessensgruppen einer großen Beliebtheit. Das ist kein Zufall.

Durch Fear Speech gelingt es einzelnen Akteuren zu polarisieren. Angst ist ein starkes Gefühl. Wenn sie instrumentalisiert wird, kann Angst auch zur Waffe werden. Wer Angst schürt, positioniert sich meist gleichzeitig als vermeintliche Lösung oder als „Stimme der Vernunft“.

So werden in einigen Fällen extremistische oder radikale Narrative in Form von Fear Speech verbreitet – unter dem Vorwand einer angeblichen Sorge oder Angst. Langfristig werden so politische Feindbilder geschürt und ein faktenbasierter Austausch aktiv erschwert oder verhindert.

Fear Speech: Die wichtigsten Merkmale in der Übersicht

Wir haben eine Liste zusammengestellt, in der die häufigsten Merkmale und Strategien von Fear Speech beschrieben werden:

  1. Bedrohungsszenarien: Im Rahmen von Fear Speech werden Situationen oftmals als besonders gefährlich oder unmittelbar bevorstehend beschrieben.
  2. Emotionalisierung: Fear Speech setzt auf Emotionen – So wird das Interesse vieler User geweckt und gleichzeitig von einer unzureichenden Faktenlage abgelenkt.
  3. "Wir gegen sie": Typisch für Fear Speech? Klare Feindbilder. Einzelne Personen oder Gruppen werden als Gefahr dargestellt und indirekt für komplexe Probleme verantwortlich gemacht.
  4. Dringlichkeit: Im Rahmen von Fear Speech wird dazu aufgerufen, die Inhalte umfangreich zu teilen und weiterzureichen. Zusätzlich werden "die Medien" – gemeint ist beispielsweise der öffentlich-rechtliche Rundfunk – diffamiert, da sie angeblich Dinge verschweigen oder falsch darstellen.
  5. Vereinfachungen: Komplexe Themen werden vereinfacht dargestellt, um radikale oder extremistische Positionen zu stärken. Das geschieht vor allem, wenn gesellschaftliche oder politische Themen involviert sind.
  6. Irreführende Informationen: Einige Fear Speech Beiträge geben an, die Faktenlage zu berücksichtigen. Oftmals wird diese aber aus dem Kontext gerissen, einseitig dargestellt, oder verallgemeinert.
  7. Dramatisierende Sprache: Besonders charakteristisch sind emotional aufgeladene Formulierungen, die auf Nutzer alarmierend wirken sollen.

Wie reagieren die Konzerne hinter den sozialen Medien?

Plattformen wie Facebook, Instagram oder YouTube nutzen Inhaltsfilter um gefährliche Inhalte, wie beispielsweise Hate Speech zu erkennen. Je nach Art des Inhalts werden diese dann eingeschränkt oder entfernt. Im Fachjargon wird das dann als "Content-Moderation" bezeichnet. Fear Speech Posts werden dabei allerdings nur selten berücksichtigt.

Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Hate Speech klar definierbar und rechtlich greifbar ist. Je nach Gesetzeslage sind Hate-Speech Posts auch strafrechtlich relevant. Somit ist eine aktive Content-Moderation seitens der Plattformbetreiber auch juristisch begründet.

Bei Fear-Speech sieht die Lage anders aus. Hier werden zwar Inhalte geteilt, die negative Emotionen auslösen, jedoch wird dabei in der Regel keine Hassrede verwendet. Es entstehen also zunächst keine direkten Schäden. Zudem lässt sich Fear Speech juristisch bisher nur schwer greifen, da sie sich meist in einer rechtlichen Grauzone bewegen.

Ohne Kontext sind Inhaltsfilter, Plattformen, oder Behörden nicht oder nur schwer in der Lage etwaige Andeutungen, Aussagen und politische Absichten richtig einzuordnen. Auch fortgeschrittene KI-Modelle stoßen hier an ihre technischen Grenzen.

Wichtig: Um einen Beitrag zu löschen, muss in jedem Fall ein Verstoß gegen die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Plattform und / oder gegen lokale Gesetze vorliegen. Liegt ein solcher Verstoß nicht vor, kann die Löschung von Inhalten als Einschränkung der Meinungsfreiheit gelten.

Um Fear Speech dennoch entgegenzuwirken, setzen Social Media Konzerne zunehmend auf weniger invasive Maßnahmen, beispielsweise die kontextuelle Einordnung. Unter einzelnen Beiträgen werden so zusätzliche Informationen angezeigt. Dazu zählen Verlinkungen zu offiziellen Quellen und Faktenchecks durch Dritte. Diese Maßnahmen bergen jedoch eigene Risiken, beispielsweise wenn Faktenchecks ohne genauere Verifizierung durch Nutzer hinzugefügt werden können.

Aus technischer Sicht wird seit einiger Zeit vermehrt auf eine Abkehr von interaktionsbasierten Algorithmen gesetzt. Besonders im politischen Diskurs ist es zielführender, informative Inhalte stärker zu priorisieren. Langfristig kann so die Wirkungskraft von Fear Speech verringert werden, und eine gesunde Diskussionskultur bestärkt werden.

Was kann ich als Einzelperson gegen Fear Speech tun?

Grundsätzlich empfiehlt es sich, Inhalte in den sozialen Medien in Maßen und mit Bedacht zu konsumieren. Gerade bei komplexen politischen und gesellschaftlichen Themen, ist es ratsam stets eigenständig zu recherchieren. Bilden Sie sich Ihre Meinung auch unabhängig von Online-Diskursen – stellen Sie Rückfragen und suchen Sie eigenständig nach seriösen Quellen.

Um sich selbst und andere vor den negativen Effekten von Fear Speech zu schützen, empfehlen wir in vielen Fällen dennoch eine Beteiligung am online Diskurs. Es braucht nicht viel, um einen positiven Effekt zu haben. Beginnen Sie damit, Links zu seriösen Quellen zu teilen, in denen radikale Aussagen widerlegt und korrekt eingeordnet werden. Sind Ihnen positive Gegenbeispiele bekannt, lohnt es sich auch auf diese einzugehen.

Achten Sie auf sich und andere.

Die moderne Demokratie ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt und vielfältig. Es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern eine Vielzahl an Lebensrealitäten. Es ist wichtig jeder einzelnen dieser Realitäten mit Offenheit und Respekt zu begegnen. Gleichzeitig ist es unsere gesellschaftliche Pflicht, die demokratischen Grundwerte zu schützen – ganz egal aus welcher Richtung sie angegriffen werden. Meinungsverschiedenheiten sind menschlich und Teil des alltäglichen Lebens. Hass und Hetze haben dennoch keinen Platz in der Demokratie – auch nicht online. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Sollten Sie im Kontext von Online-Diskursen starke Emotionen empfinden, ist es dennoch sinnvoll, Abstand zu nehmen. Suchen Sie das Gespräch mit Menschen aus dem privaten Umfeld.
Soziale Medien können einen großen Einfluss auf unser Privatleben und unsere Psyche haben. Sich in diesem Fall Hilfe zu holen, ist keinesfalls ein Zeichen von Schwäche. Stellen Sie bei sich selbst über einen längeren Zeitraum stark emotionales Verhalten in Verbindung mit Beiträgen aus dem Internet / sozialen Netzwerken fest, lohnt sich vielleicht auch ein Gespräch mit fachlich geschultem Personal. Der Patientenservice der kassenärztlichen Bundesvereinigung bietet mit der 116117 einen Dienst an, der Sie bei der Suche nach Anlaufstellen unterstützt.

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