Nimmt der Hass im Internet immer mehr zu? Wir haben mit dem Sozialpsychologen Herrn Prof. Dr. Andreas Zick über Hatespeech im Netz gesprochen. Er leitet an der Universtität in Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.

Herr Zick, wie definieren Sie Hatespeech?

Prof. Dr. Andreas Zick: Es gibt verschiedene Definitionen. Kriminologisch definiert ist der Begriff im Strafgesetzbuch durch den Paragrafen 130. Die politische Definition hat der Europarat vorgestellt. Demnach versteht man unter Hatespeech alle Ausdrucksformen von Hassverbreitung, beispielsweise Rassismus.

In unseren Forschungen über die Hintergründe und Wirkungen von Hatespeech interessieren wir uns für jede Form von hasserfüllter sprachlicher Botschaft.

Hatespeech ist zwar ein Fachbegriff für die Onlinekommunikation, aber kommt auch außerhalb des Internets vor. Er bezeichnet einen Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppen, der die Herabsetzung, Verunglimpfung und die Ungleichwertigkeit von Gruppen behauptet und erzeugen möchte.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Debatten im Netz schnell hasserfüllt geführt werden? Welche Rolle spielt die Anonymität?

Mittlerweile gibt es ja eine gewisse Historie des Hatespeech. Vor 15 Jahren war Hatespeech eher ein direkter Ausdruck von Hass, die eine Person gegen eine andere gerichtet hatte.

Da spielte die Anonymität eine entscheidende Rolle. Sie bot die Möglichkeit, unter Nicknames Hass loszulassen, ohne erkannt zu werden. Der entscheidende Faktor dabei war die Nichterkennung.

Das hat sich mittlerweile verändert. Wir haben in den letzten zwei Jahren gesehen, dass Menschen, die sich früher anonym geäußert haben, jetzt ihren Klarnamen verwenden und es Hatespeech-Gemeinschaften gibt.

Was ist die Motivation dieser Menschen?

Zunächst der Hass und die Feindschaft, die Einzelne oder Gruppen haben. Dann spielt auch heute die Anonymität eine Rolle. Das reicht aber nicht.

Der entscheidende Faktor ist beispielsweise die Frage: Fühle ich mich legitimiert, so etwas zu tun. Diese Rechtfertigung erfolgt dann, wenn ich mich in eine Gruppe eingebettet fühle.

Das heißt, wenn ich der Meinung bin, ich bin von dieser Gruppe geschützt, dann ist das ein entscheidender Faktor.

Es sind zwar einzelne Menschen, die Hatespeech betreiben. Am Ende tun sie das aber immer, weil sie denken, sie reden für eine gewisse Gruppe. Insofern ist die Identifikation mit einer Gruppe der eigentlich wichtige Faktor.

Was kann man über das Persönlichkeitsprofil dieser Menschen sagen?

Es gibt da sehr unterschiedliche Gruppen. Mittlerweile kann man nicht mehr sagen, dass es sich um einen bestimmten Typen von Menschen handelt.

Es gibt zwar die sogenannten "Lone Wolves", also einsame Wölfe, Menschen mit schweren psychischen Problemen, die sozial isoliert und vereinsamt sind. Die sitzen stundenlang vor dem PC und lassen Hatespeech los. Das ist allerdings nur ein geringer Anteil.

Und die anderen?

Wir können Hatespeech nicht auf eine Persönlichkeitsstruktur zurückführen. Wenn Hatespeech im Netz auftaucht, dann reagiert in der Regel darauf eine Netzcommunity. Eine Hassbotschaft wird so eingebettet in die Community.

Das hat Hatespeech enorm verstärkt. Es gibt dann immer Menschen, die unterstützend eingreifen, die es verstärken und sich anschließen. Mittlerweile sind das ganze Kampagnen. Manche Sender von Hassbotschaften haben inzwischen 20-30 unterschiedliche Profile, mit denen sie Hassbotschaften verschicken.

Wir haben heute sehr unterschiedliche Internetmilieus. Manche Personen machen es einmalig, bei einem geringen Anteil ist es fast pathologisch. Wir haben heute mehr kalkulierte Taten von Gruppen. Sie schafften Hatespeech-Kampagnen. Bekannt wird das, wenn prominente Menschen aus den Bereichen Medien oder Politik getroffen werden.

Die Frage, die man sich dabei immer stellen muss, ist: Welchen Zweck soll der Hass erfüllen? Soll er nur dazu führen, dass sich der Hass entlädt? Oder wird mit dieser Botschaft auch eine bestimmte Ideologie transportiert?

Wie sollten Betroffene mit Hassbotschaften umgehen?

Wichtig ist es, sich zu fragen: Wenn ich eine Hassbotschaft bekomme, wie fühlt sich das an? Wenn man sich getroffen fühlt, sollte man sich fragen, wo man soziale Unterstützung herbekommt.

Wie viele Menschen leiden unter Hassbotschaften?

Wir wissen nicht konkret, wie viele Menschen unter Hassbotschaften leiden. Wir wissen aber, dass wenn die Hassbotschaft einmal im Raum steht, sie sich später und langfristiger psychisch auswirken kann.

Solche Botschaften können krank machen, ohne dass wir das sofort merken. Darüber wissen wir noch wenig, aber sie richten mehr Schaden an, als wir uns das vorstellen können oder einreden.

Ihre Studie zum Thema Hatespeech im Journalismus trägt den Titel "Publizieren wird zur Mutprobe". Brauchen Journalisten heute ein extra dickes Fell?

Wir haben eine Studie mit 800 Journalisten durchgeführt. Die berichten, dass sie Hassbotschaften bekommen haben und auch, dass es zugenommen hat. Ein Drittel der Betroffenen trägt das mit nach Hause. Das ist nicht unbedenklich, denn damit werden auch Angehörige getroffen und die privaten Beziehungen können leiden.

Was hilft beim Umgang mit Hassbotschaften?

Es ist wichtig, dass man das einzuordnen weiß. Wenn es sich um eine einmalige Hassbotschaft handelt, kann man versuchen, ironisch darauf zu antworten und das lächerlich zu machen. Das trifft die Sender solcher Botschaften oft sehr.

Es gibt viele Redaktionen, die Diskussionen in Online-Foren inzwischen moderieren und dabei auch Hassbotschaften rausfiltern. Manchmal hilft es auch, es zu ignorieren.

Wichtig ist es, bei einer Hassbotschaft im Blick zu haben, ob sie einmalig ist oder öfter kommt. Was droht die Hassbotschaft an? Ist sie allgemein gehalten oder wird mir dort konkret etwas angedroht?

Wenn ja, dann sollte man sich dringend professionelle Hilfe holen und diese Botschaften zum Teil auch anzeigen. Da ist man gefordert, etwas zu tun und es ernst zu nehmen.

An wen kann man sich außer der Polizei wenden?

Es gibt mittlerweile viele NGOs im Netz, etwa "No Hate Speech". Da bekommt man gute Anweisungen. Die Seite hass-im-netz.info bietet auch Tipps. Man kann sich auch lokal bei Beratungsstellen vor Ort Hilfe suchen.

Wir bräuchten aber viel mehr Beratungsnetzwerke zum Umgang mit Hatespeech. In den größeren Städten gibt es das schon, im ländlichen Raum nicht. Aber es tut sich etwas, auch im Bereich der Schulen. Dass man jungen Menschen im Rahmen von Medienkompetenz zunehmend auch beibringt, wie man mit dem Hass im Internet umgeht, ist ein wichtiger Schritt.

Wer ständig nörgelt und jammert, sorgt dafür, dass er in Zukunft noch mehr Schwierigkeiten erlebt: Die Art, wie wir auf eine Situation reagieren, verändert die Struktur unseres Gehirns.