"Pokémon Go" hat weltweit einen Riesenhype ausgelöst. Zu Recht, finde ich. Denn hinter der grafisch billigen Aufmachung steckt eine simple, aber geniale Spielidee. Doch "Pokémon Go" überschreitet auch Grenzen. Ein Selbstversuch.

Andreas Maciejewski
Eine Reportage
von Andreas Maciejewski, Redakteur Unterhaltung

Kult-App ist nach Android nun auch für deutsche iOS-Nutzer erhältlich.

Eine Straße in München. Autos fahren um die Kurve, Radfahrer strampeln den Radweg entlang. Dazwischen steht ein Kerl auf dem Grünstreifen. Weder will er die Straße überqueren, noch scheint er sich verlaufen zu haben. Er starrt einfach nur auf sein Handy und wischt wie wild mit den Fingern über den Bildschirm.

Dieser Kerl bin ich. Und ich kämpfe gerade. Auf meinem Smartphone mit einem Hornliu.

In der nächsten Zeit könnten Ihnen viele solcher seltsamen Gestalten begegnen. Menschen, die an merkwürdigen Orten wie hypnotisiert auf ihr Handy starren. Hierbei handelt es sich um eine neue Gattung Smartphone-Zombies, um Spieler von "Pokémon Go", einem sogenannten Augmented-Reality-Spiel.

Das Spielprinzip ist simpel, die Grafik spartanisch. Das Game sieht aus wie eine bunte Ausgabe von "Google Maps". Per GPS erkennt es, wo man sich befindet. Der eigene Standpunkt wird als Avatar angezeigt.

Kämpfe gegen Rattfratz, Taubsi und Co.

Bei "Pokémon Go" geht man mit dem Smartphone durch die echte Welt, sucht Skulpturen und Sehenswürdigkeiten auf, an denen virtuelle Belohnungen versteckt sind. Befindet sich der Spieler nahe genug an einem sogenannten Pokéstop, klickt man auf das Symbol auf dem Handy und erhält virtuelle Items wie Pokébälle oder Eier.

Mit den Pokébällen zum Beispiel fängt man Pokémon-Figuren, die überraschend auftauchen. Per Vibrationsalarm wird der Spieler darauf aufmerksam gemacht. Über die Handykamera werden die Pokémon in die reale Umgebung hineingefilmt. Sie tragen putzige Namen wie Rattfratz oder Taubsi. Sie klingen größtenteils wie Kosenamen, die sich fürchterlich verliebte Paare geben.

Mit Pokémon hatte ich bisher nichts am Hut. Der Hype um das neue Spiel, das hierzulande seit Mittwoch erhältlich ist, macht mich aber neugierig. Also probiere ich es aus.

Was will ich mit Sternenstaub und Rattfratz-Bonbons?

Fans in Europa warten ungeduldig auf die App. Die wichtigsten Fragen.

Auf einem Bürgersteig geht's los. Auf dem Smartphone sehe ich die grauen Steine am Boden, weiter hinten eine Mauer und zwei Baustellenabgrenzungen. Die reale Welt durch die Handykamera betrachtet. Dann die Fiktion: Eine rattenähnliche Pokémon-Figur fixiert mich auf dem Bildschirm. Der Kampf beginnt.

Mit dem Zeigefinger wische ich über den Bildschirm, um ihn mit Pokébällen zu bewerfen. Ein paar Versuche, dann treffe ich ihn und nehme ihn somit gefangen. Zur Belohnung bekomme ich 400 Einheiten Sternenstaub und sechs Rattfratz-Bonbons. Was die bringen? Keine Ahnung!

Viele Dinge sind bei "Pokémon Go" anfangs unerklärlich. So auch die Pokéstops. Das sind meist Orte, an denen sich Skulpturen oder Sehenswürdigkeiten befinden. Oder befinden sollten. Denn viele entdecke ich nicht, obwohl sie angezeigt werden. Oder sie sind einfach nicht mehr da.

Vor unserem Bürogebäude sollten laut "Pokémon Go" drei Kunstwerke stehen. Doch die wurden schon vor längerer Zeit abgebaut.

Lauf jetzt bloß nicht über die Straße!

Trotz einiger Makel: Das Spielprinzip zündet. Schon nach wenigen Minuten packt mich die Sammelwut. Eineinhalb Stunden laufe ich kreuz und quer durch die Gegend, klappere einen Pokéstop in einem Park ab, bekämpfe ein Pokémon in einer Wohnsiedlung und besuche eine Arena bei einer U-Bahn-Station. Insgesamt laufe ich laut Schrittzähler 4,6 Kilometer und verbrauche 260 Kilokalorien. Ein Handy-Game als kleines Work-out? Auch nicht schlecht.

Ich muss mich aber am Riemen reißen, nicht unaufmerksam über die Straße zu rennen. Nur weil dort drüben ein Raupy darauf wartet, gefangen genommen zu werden. Ich verliere mich schnell in dieser Mischwelt aus Realität und Spiel. Unfälle mit unvorsichtigen Spielern, die voll und ganz in die Pokémon-Welt eintauchen, wird es geben. Hundertprozentig. (Update am 14. Juli, 10:45 Uhr: Leider hatte ich recht, die ersten Unfälle sind bereits passiert. Hier geht's zur Meldung)

Ein Smartphone-Zombie, der auf dem Friedhof spielt

Besonders bizarr wird es, wenn "Pokémon Go" auf eine Wirklichkeit trifft, in der die Fiktion nichts verloren hat. Das Spiel zeigt mir zwei bisher nicht besuchte Pokéstops an. Ich gehe in diese Richtung und stelle fest: Ich stehe vor einer Aussegnungshalle. Einem offiziellen Pokéstop. Das Spiel hat mich tatsächlich auf einen Friedhof geführt.

Ich stelle mir vor, wie zwischen Grabsteinen ein Pokémon auftaucht und ich mit dem Handy davor stehe und versuche, es zu fangen. Ein Smartphone-Zombie, der auf einem Friedhof spielt. Makaber.

Doch es geht weiter. Ein Pokéstop befindet sich mitten im Friedhof. Was hat der dort verloren? Ich ringe mit mir, ob ich wirklich mit dem Smartphone in der Hand hineingehe.

Ich tue es. Weil ich wissen will, ob das Spiel hier eine Grenze zieht, ob Niantic aus Pietätsgründen an Orten wie einem Friedhof auf Kämpfe verzichtet.

Ich schalte die Musik aus und betrete die Ruhestätte. Den Kiesweg entlang, an Grabsteinen vorbei hin zum Pokéstop, eine Steinskulptur namens "Tröstender Engel". Zu ihren Füßen kniet ein trauernder Mensch aus Stein. Zwei kleinere Engel blicken auf den größeren hinauf. Sie halten Harfen in den Händen. Weil ich den Wegpunkt aufgesucht habe, erhalte ich drei Pokébälle als Belohnung. Es erscheint mir falsch.

"Pokémon Go" überschreitet eine Grenze

Schnell mache ich mich auf den Rückweg. Dann vibriert das Handy. Zweimal innerhalb kurzer Zeit. Jedes Mal erschrecke ich, bleibe stehen und starre auf den Bildschirm. Sind hier tatsächliche Pokémon-Figuren? Doch es sind nur zwei WhatsApp-Nachrichten. Gott sei Dank.

Immerhin begegnet mir kein einziges Pokémon im Friedhof auf dem Smartphone. Warum es hier überhaupt einen Pokéstop gibt, ist mir unerklärlich. Auf Twitter kursieren auch schon Bilder aus dem ehemaligen KZ Auschwitz, wo man die Figuren fangen kann.

Ein Pfarrer in Kutte kommt mir auf dem Kiesweg entgegen. Neben ihm gehen zwei Frauen, sie tragen Gitarren. Dahinter folgt eine Menschenmenge. Die meisten tragen schwarze Anzüge und Kleider. Eine Trauergesellschaft.

Nur noch raus, denke ich mir. Ich stecke mein Handy weg und gehe zügig Richtung Ausgang. Auf meinem Weg nach draußen laufe ich an einem offenen Grab vorbei. Frische Erde liegt daneben. Die Realität hat mich eingeholt.