Über Sadomasochismus wird dank "Fifty Shades of Grey" offener gesprochen. Aber wird in unseren Betten deswegen nun mehr gefesselt und geschlagen? Wir haben mit zwei Sexualtherapeuten gesprochen. Was halten sie vom Wirbel um den Kinohit?

Seit einer knappen Woche läuft die Bestseller-Verfilmung "Fifty Shades of Grey" in den Kinos. In den ersten vier Tagen spielte der Film in den USA 90 Millionen US-Dollar ein. Man kann durchaus von einem Hype sprechen, auch wenn das Liebesspiel aus Dominanz und Unterwerfung hier ziemlich kitschig und harmlos daherkommt. Die Schweizer Sexualtherapeutin Dr. Eliane Sarasin Ricklin und der Vorsitzende der Gesellschaft für Sexualforschung, Dr. Kurt Seikowski, beobachten den Trend aufmerksam. In einem Gespräch über geheime Vorlieben und Tabus ergründen sie die Anziehungskraft von "Fifty Shades of Grey".

Haben Sie die Bücher der Roman-Trilogie "Fifty Shades of Grey" gelesen?

Dr. Eliane Sarasin Ricklin: Ja, ich habe alle drei Bände gelesen. Ich fand, dass die romantische Geschichte im Vordergrund steht: Gutaussehender reicher Mann und junge unschuldige Studentin. Die Darstellung des SM war eher eine Soft-Variante. Es gibt ja viele, die sagen, es sei literarisch nicht anspruchsvoll. Aber ich finde, es hat einen gewissen Unterhaltungswert. Was mir besonders gefallen hat, ist, dass das Machtungleichgewicht in einer erotischen Beziehung angesprochen wird. Dadurch hat es gewisse Tabus gelöst.

Dr. Kurt Seikowski: Die drei Bücher kenne ich. Die letzten zwei habe ich nur überflogen. Für jemanden, der sich nicht so dafür interessiert, sind sie eher langweilig. Das sind Frauenbücher. Moderne Märchen. Es gibt dort einen starken Mann, an den man sich anlehnen kann, der Geld hat.

Wie wirkt sich die Aufmerksamkeit für das Thema auf unser Sexualleben aus?

Seikowski: Die Bücher bedienen den Urinstinkt: Die Frau will genommen werden. Das ist ein Muster, das man den Frauen heutzutage auszureden versucht. Es funktioniert aber nach wie vor, wie auch im Tierreich. Die Gleichberechtigung in der Liebe und beim Sex wollen viele Frauen gar nicht.

Ricklin: In Erotikshops werden jetzt noch mehr Plüschhandschellen und Augenbinden verkauft. Es geht dabei eher um den erotischen Kick durch weibliche Hingabe und männliche Machtdemonstration. Heutzutage sind wir in Beziehungen möglichst ebenbürtig, alles wird fair ausgehandelt. Auf der Beziehungsebene ist das sicher gut, aber in der Sexualität muss es manchmal sogar eine Asymmetrie geben.

Sie sehen den Hype also nicht kritisch?

Ricklin: Nein. Man hat untersucht, wer das Buch liest. Die meisten Leser sind weiblich. Die Männer begeistern sich gar nicht so sehr dafür und denken sich nicht: 'Endlich kann ich das mit meiner Frau auch ausprobieren!' Die Frauen sind eher diejenigen, die Fesselspiele vorschlagen.

Seikowski: Man muss Regeln aufstellen. Die Hauptregel lautet: Wenn einer Angst kriegt, darf man abbrechen. Es gibt auch psychologische Gefahren: Zum Beispiel, wenn man schon einmal negative Erfahrungen beim Sex gemacht hat und die dominante Rolle einnimmt. Da können Hassgefühle hochkommen. Es gibt solche Fälle, wenn auch relativ selten.

Wollen Frauen im Bett dominiert werden?

Seikowski: Die Sexualität der Frauen ist viel komplexer, der ganze Körper macht mit. Männer sind fixiert auf das Becken und den Penis. Nach dem Orgasmus ist die Erregung bei ihnen schnell weg. Für Frauen hat Zärtlichkeit eine größere Bedeutung, sie wünschen sich mehr Vorspiel. Männer sind aber lernfähig und können sich darauf einstellen.

Es geht eben um das Beziehungsmuster: Wenn das funktioniert, ist auch der Sex besser. Die Vorstellung von einem Mann, an den man sich anlehnen kann, fördert viel mehr sexuelles Verlangen als ein Mann, der schwach wirkt oder nur attraktiv ist. Das muss gar nicht in Form von Sadomaso sein.

Dominiert zu werden kommt Frauen entgegen. Aus ihrer Sicht heißt das: 'Ein Mann gibt mir das Gefühl, die Schwächere zu sein.' Das kann als schön empfunden werden.

Ricklin: Eine häufige sexuelle Fantasie von Frauen dreht sich um Vergewaltigung. Dabei geht es natürlich nicht um die Realität! Aber in ihrer Vorstellung sind sie die Regisseurinnen und bestimmen das Geschehen. Es wurde lange nicht untersucht, weil das nicht als politisch korrekt galt. In der Sexualwissenschaft war man für solche Theorien zu emanzipiert. Es gibt auch die Idee, dass Frauen einen ausgeprägten Narzissmus haben. Diese Vergewaltigungsfantasie bedeutet demnach auch: 'Ich bin so attraktiv, dass der Mann gar nicht anders kann, als mich zu nehmen.'

Ist Sadomaso noch ein Tabuthema?

Seikowski: Darüber wurde in der Vergangenheit schon viel berichtet. Wenn auch meistens sehr negativ, im Zusammenhang mit Todesfällen. Im umgekehrten Fall, also dass es die sexuelle Lust erweitert, wird es immer noch tabuisiert und klingt nach Perversion.

Ricklin: Ich finde es gut, dass man jetzt darüber spricht. Man kann heute eher seine Wünsche aussprechen, ohne das Gefühl zu haben, man sei pervers.

Wie wirkt denn der Hype auf Männer?

Seikowski: Ich habe mich mit vielen unterhalten: Die meisten Männer lesen oder schauen es gar nicht. Auch Frauen, die sexuell zufrieden sind, lesen die Bücher gar nicht erst. Es eignet sich vor allem für diejenigen, die etwas vermissen.

Viele Männer fühlen sich davon eingeschüchtert: Der Typ ist Milliardär und kann ihr alles kaufen. Männer beklagen sich in meiner Sprechstunde: 'Ich muss immer der Aktive, Starke sein.'

Haben Sie Tipps für SM-Beginner?

Ricklin: Safewords sind auf jeden Fall wichtig. Es braucht viel Vertrauen und Absprachen. Es funktioniert nur mit klaren Spielregeln. Was im Buch passiert, hinterlässt weder Narben noch gesundheitliche Schäden. Wenn man sich daran orientiert, kann nicht viel passieren. Die Gefahren bei Plüsch und Satin sind nicht so groß.

Seikowski: Es ist nur wichtig, dass keiner überredet wird. Bevor man die Handschellen mit nach Hause bringt, sollte man darüber sprechen.

Werden Sie sich den Film ansehen?

Ricklin: Ich glaube nicht. Die Geschichte kenne ich ja schon. Wenn die Handlung für den Film gekürzt wird, wird sie ja nur noch flacher. Sollte ich wirklich Sexszenen sehen wollen, würde ich mir einen Porno anschauen.

Die Bücher fand ich lustig. Aber beim dritten Band habe ich angefangen, die Sexszenen zu überspringen. Am Schluss ist es immer das Gleiche. Mit der Zeit wollte ich nur noch wissen, ob sie heiraten. Der Sex war nicht mehr so spannend.

Seikowski: Die Menschen sehen sich "Fifty Shades of Grey" nicht wegen der Sexszenen an, sondern wegen der Spannung. Und weil es nicht so routiniert ist wie in Pornofilmen.

Dr. med. Eliane Sarasin Ricklin ist Sexualtherapeutin und Gynäkologin in Zürich.
Dr. Kurt Seikowski ist Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualforschung und Dozent an der Universität Leipzig.