Vieles deutet darauf hin, dass Männer und Frauen bei körperlichen Leiden unterschiedlich behandelt werden sollten. Wirklich in der Praxis und in den Arztpraxen angekommen ist dieses Wissen aber bislang nicht. Was sich ändern muss.

Natürlich gibt es Mediziner, die sich auf Frauen- bzw. Männerleiden spezialisiert haben. Gynäkologen und Andrologen zum Beispiel. Bei Krankheiten, die beide Geschlechter gleichermaßen betreffen können, ist es jedoch noch immer gängige Praxis, dass Frauen und Männer die gleichen Medikamente erhalten. Höchstens die Dosierung wird, abhängig vom Körpergewicht, leicht angepasst.

Frauenherzen schlagen anders

Dass dies fatal sein kann und im Ernstfall sogar Leben kostet, dafür gibt es immer mehr Indizien. So stellte Harlan Krumholz von der Yale Universität 2002 fest, dass das Herzmedikament Digoxin bei Männern und Frauen höchst unterschiedlich wirkt.

Während bei Männern, die unter chronischer Herzinsuffizienz leiden, gute Therapieerfolge erzielt werden konnten, führte die Einnahme bei betroffenen Frauen zu einer höheren Sterblichkeit.

Unterschiede seit den 80ern bekannt

Neu war die Erkenntnis, dass sich Frauen und Männer biologisch teilweise erheblich unterscheiden und deshalb zuweilen eine andere medizinische Behandlung benötigen, nicht.

So machte die amerikanische Kardiologin Marianne Legato bereits in den 1980er Jahren auf Unterschiede von Herzerkrankungen bei Frauen und Männern aufmerksam und gilt damit als eine Pionierin der sogenannten Gendermedizin.

Geschlechterforschung an der Charité

"Schlagen Frauenherzen anders?", fragten Vera Regitz-Zagrosek und Christine Espinola-Klein vom Deutschen Herzzentrum Berlin in ihrer Studie aus dem Jahr 2006. Auch sie gelangten zu der Erkenntnis, dass sich die Manifestation der koronaren Herzerkrankung zwischen Frauen und Männern sehr deutlich unterscheidet. Regitz-Zagrosek war es auch, die die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin begründete.

In der Zusammenfassung der Studie fordern die Verfasserinnen: "Wichtig ist es, Geschlecht als eine Kategorie in der biomedizinischen Forschung wahrzunehmen, die von der Grundlagenforschung, in klinischen Studien und in der Gesundheitserziehung berücksichtigt werden muss"

Frauenquote in klinischen Studien niedrig

Denn gerade in klinischen Studien sei die Zahl der Frauen noch immer niedrig. Warum aber ist das so? "Weil es einerseits bequem ist, Männer zu beforschen, die keine ständigen Hormonschwankungen haben, und weil andererseits kein Risiko eingegangen werden soll, dass bei einer immer möglichen Schwangerschaft einer Frau der Fötus geschädigt wird", argumentiert Bärbel Miemietz, Gleichstellungsbeauftragte der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Gendermedizin und die vielen "kleinen" Unterschiede

Bei der Gendermedizin geht es keinesfalls ausschließlich um Herzerkrankungen, sondern, neben den sozialen und psychologischen Unterschieden, auch um die Symptome und Ausprägungen von Krankheiten bei Frauen und Männern, die in unterschiedlichen genetischen und biologischen Voraussetzungen begründet sind.

Konkret wird etwa erforscht, wie sich beispielsweise Diabetes, Autoimmunerkrankungen, Depressionen, Suchtverhalten, Krebserkrankungen und Allergien bei Frauen und Männern unterscheiden.

Frauen haben stärkeres Immunsystem

Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es viele. So ist beispielsweise erforscht, dass Frauen ein stärkeres Immunsystem und eine dünnere Haut haben als Männer.

Auch dass die Nieren bei Männern und Frauen anders sind, ist wissenschaftlich belegt. Es ist erwiesen, dass weibliche Spendernieren bei Männern nicht so gut arbeiten und dass Frauen ein höheres Risiko haben, eine männliche Spenderniere abzustoßen.

Wissenschaftler aus Basel und Heidelberg forderten darum 2008, dass in Zukunft das Geschlecht bei der Zuteilung von Spenderorganen mehr berücksichtigt werden soll.

Aspirin wirkt bei Männern besser

Kanadische Forscher fanden heraus, dass Aspirin bei Männern viel besser wirkt als bei Frauen; auch dass blutdrucksenkende Medikamente bei Frauen und Männern anders wirken, ist nachgewiesen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die vielen Unterschiede sind eigentlich logisch. "Die Körperzusammensetzung, insbesondere Fett, Wasser und Muskelmasse, unterscheidet sich. Das beeinflusst die Aufnahme und den Abbau von Medikamenten. Außerdem spielen Hormone eine große Rolle", so Bärbel Miemietz.

Was muss sich ändern?

Zu unterstellen, dass die Gendermedizin in der medizinischen Praxis keinerlei Berücksichtigung fände, wäre zu allgemein. Wirklich breit verankert und in den Arztpraxen der Republik angekommen ist das Wissen aber noch immer nicht. Was also muss sich ändern?

"Die nächste Approbationsordnung muss geschlechtersensible Inhalte in der Lehre und geschlechtersensible Lehre selbst für obligatorisch erklären", so Bärbel Miemietz.

Forschung soll geschlechterspezifischer werden

Sie fordert eine feste Verankerung des Themas auf vielen Ebenen. Dazu gehöre unter anderem, dass Drittmittelgeber bei der Mittelvergabe für medizinische Forschung ein geschlechtersensibles Forschungsdesign einfordern und prüfen müssten.

Zudem sollten Publikationsorgane die Annahme von Publikationen ablehnen, wenn keine Aussagen über vorhandene oder fehlende Geschlechterrelevanz der Forschung enthalten seien.

Bis diese geschlechtsspezifischen Unterschiede im medizinischen Alltag voll angekommen sind, scheint es noch ein weiter Weg. Bleibt zu hoffen, dass sich das Wissen um Gendermedizin mit der Zeit immer mehr durchsetzen wird.