Die Corona-Pandemie ist in vollem Gange, und jetzt kommt auf die Menschen zusätzlich eine bekannte Gefahr zu: Die Grippesaison startet. Es ist möglich, sich gleichzeitig mit Corona und der Influenza zu infizieren. Was die Ärzte raten.

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Die Landesärztekammer Thüringen hat mit Blick auf die bevorstehende Grippesaison und die andauernde Corona-Pandemie vor Doppelinfektionen gewarnt.

Eine gleichzeitige Infektion mit dem Corona- und einem Grippevirus könnte zu schweren Krankheitsverläufen führen, teilte die Landesärztekammer am Montag mit.

Gleiche Schutzmaßnahmen helfen gegen Grippe- und Corona-Erregeger

Die Erreger von COVID-19 und Grippe werden auf ähnlichem Weg übertragen - folglich helfen auch die gleichen Schutzmaßnahmen. Der Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Gérard Krause, geht davon aus, dass etwa Händewaschen, Abstand Halten und ein Mund-Nasen-Schutz auch gegen die Verbreitung der Grippe helfen. "Wir werden vielleicht - so paradox das klingt - im kommenden Winter weniger schwere Atemwegsinfektionen haben als die Jahre zuvor", sagt Krause. "Wenn wir denn das Verhalten so beibehalten."

Eine Unterscheidung von Grippe- und COVID-19-Symptomen kann schwierig sein. "Die Symptomatik kann insbesondere in der Frühphase der Infektion sehr ähnlich sein", sagt die Virologin Sandra Ciesek von der Universität Frankfurt. Ohne einen Test könnten die Symptome gerade in diesem Stadium nicht sicher unterschieden werden.

Theoretisch können Labore künftig Proben gleichzeitig auf Corona- und Influenzaviren untersuchen. Dafür geeignete Tests sollen nach Angaben von Herstellern in Kürze in Deutschland verfügbar sein.

COVID-19-Erkrankung verläuft in der Regel schwerer

Der Anteil schwerer Verläufe ist bei COVID-19-Patienten deutlich höher als bei Grippe-Patienten. Das geht aus einer aktuellen RKI-Studie hervor, die COVID-19-Patienten mit Grippe-Erkrankten verglich, die jeweils ins Krankenhaus mussten.

Im Schnitt blieben COVID-19-Patienten länger in stationärer Behandlung und öfter und länger auf der Intensivstation. 22 Prozent der COVID-19-Patienten, aber nur 14 Prozent der Grippe-Patienten mussten an Beatmungsgeräte angeschlossen werden.

Mit Blick auf eine mögliche Überlastung von Arztpraxen, wenn viele Grippe- und Coronafälle gleichzeitig auftreten könnten, forderte die Landesärztekammer dazu auf, sich gegen Grippe impfen zu lassen.

Im Oktober oder November gegen Grippe impfen lassen

Der Grippeschutz sei in diesem Jahr besonders wichtig.
Die Sächsische Landesärztekammer empfahl deshalb eine Impfung, die am besten im Oktober oder November erfolgen sollte.

Gerade in der derzeitigen Corona-Pandemiesituation sei die Influenzaimpfung wichtig, erklärte Dietmar Beier, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission.

Die Impfung schütze zwar nicht gegen COVID-19, könne aber verhindern, dass es zur gleichzeitigen oder aufeinander folgenden Infektion einer Person mit beiden Erregern komme.

Gerade wer etwa beruflich mit vielen Menschen Kontakt habe, sollte sich impfen lassen. So diene eine Impfung nicht nur dem eigenen Schutz sondern auch dem der Mitmenschen. "Auch wir Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches und pflegerisches Personal sollten mit gutem Beispiel vorangehen und uns impfen lassen. Damit dämmen wir auch die Möglichkeiten der Weiterverbreitung in Kliniken und Praxen ein", sagte die Präsidentin der Landesärztekammer Dr. Ellen Lundershausen.

Nach Ansicht Krauses würde eine nennenswerte Grippe-Aktivität das Gesundheitswesen herausfordern. Denn dann könnte es mehr Patienten mit Atemwegserkrankungen geben, die versorgt und getestet, teils in Krankenhäuser und auf Intensivstationen gebracht werden müssten.

Wie stark die Grippesaison ausfallen wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Es gibt Jahre mit starken und mit weniger starken Grippewellen. In der vorigen Saison gab es relativ wenige Kranke, zwei Jahre davor sehr viele.

Grippewelle beginnt meist im Januar

Influenzaviren, die die Grippe hervorrufen, zirkulieren nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) zwischen Anfang Oktober und Mitte Mai. Grippewellen - also eine erhöhte Influenza-Aktivität - beginnen meist im Januar und dauern drei bis vier Monate.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am RKI empfiehlt die Grippeimpfung nur für Risikogruppen. Das sind etwa Menschen über 60, Frauen ab der 14. Schwangerschaftswoche, Personen mit Vorerkrankungen und Menschen, die berufsbedingt ein erhöhtes Infektionsrisiko haben.

Eine Grippeimpfung hilft Krause zufolge nicht nur den geimpften Menschen aus den Risikogruppen, sondern entlastet indirekt auch bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie: Denn so müssten weniger Patienten mit Symptomen behandelt oder vorsorglich in Quarantäne geschickt werden, weniger Leute landeten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen.

Nicht genügend Impfstoff für alle vorhanden

Für die Saison 2020/21 würden rund 25 Millionen Dosen zur Verfügung stehen - allein für die Versorgung jener Menschen, denen die Stiko die Impfung empfiehlt, bräuchte es aber rund 40 Millionen Dosen.

Eine Ausweitung der Empfehlung auf die Gesamtbevölkerung könnte also zu einer Unterversorgung der Risikogruppen führen. "Weil dann alle möglichen Betriebe ihre eigentlich gesunden Mitarbeiter, die keine Risikofaktoren haben, impfen", sagt Krause. "Und dann bleibt am Ende vielleicht für die Altersheime nicht mehr genug, oder sie bekommen es später. Das wäre ja tragisch." (dpa/hau)

Bundesregierung rechnet Mitte 2021 mit Impfstoff: Nutzen muss Risiko deutlich übersteigen

Das Warten auf einen Impfstoff in der Corona-Pandemie hält an. Die Labors arbeiten auch in Deutschland mit Hochdruck. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek betont: "Sicherheit hat absolute Priorität. Der erwiesene Nutzen eines Impfstoffes muss deutlich höher sein als die möglichen Risiken."