Psychische Krisen können jeden treffen. Egal, ob sie schleichend kommen oder ganz plötzlich auftauchen - die eigene Welt gerät aus den Fugen, Betroffene wissen oft nicht mehr weiter. Was sie und ihre Angehörigen in dieser schwierigen Situation tun können.

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Das Leben hält manchmal viele Unsicherheiten parat. Ein Angehöriger stirbt, man verliert seinen Job, der Partner verliebt sich in jemand anderen - manche Ereignisse können einen Menschen völlig aus der Bahn werfen. In der Fachsprache wird dann von einer akuten psychischen Krise gesprochen.

Doch sie entsteht nicht nur durch tragische und unerwartete Vorkommnisse. Eine psychische Krise kann auch die Folge einer andauernden Belastung im Leben sein, die sich über die Zeit angestaut hat - und plötzlich einfach zu viel wird.

Auch wenn die Ursachen vielfältig sein können: Der Leidensdruck für Betroffene ist in dieser Situation hoch. Ginge es um eine Grippe oder eine körperliche Verletzung, wäre der Fall dann klar: Schnell ab zum Arzt! Doch wenn die Seele leidet, ist man oft ratlos. Nur was kann man tun?

Wenn der Alltag absolut überfordert

"Eine akute psychische Krise liegt in der Regel dann vor, wenn ein Mensch seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann", erklärt Dr. Martina Huck-Breiter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefärztin der Schlossparkklinik Dirmstein, im Gespräch mit unserer Redaktion. "Das zeigt sich etwa in einer niedergeschlagenen Stimmung oder akuter Angst, die die Alltagsbewältigung beeinträchtigen und über einen längeren Zeitraum anhalten kann."

Doch viele Menschen scheuen sich davor, bei psychischen Leiden Angehörige oder Freunde anzusprechen und Hilfe zu holen. Dabei wäre es jetzt besonders wichtig, nicht auf sich allein gestellt zu sein. "Betroffene sollten sich auf gar keinen Fall zurückziehen", rät die Expertin. "Sondern unbedingt mit nahestehenden Personen über ihr Befinden sprechen."

Diese wiederum sollten ihre Unterstützung signalisieren, dem Betroffenen Belastungen abnehmen und Gespräche anbieten. "Sie sollten ganz konkret kommunizieren, dass Sie sich als Angehöriger Sorgen machen", so Huck-Breiter. "Und gegebenenfalls auch dazu motivieren, sich professionelle Hilfe zu suchen."

Denn manchmal fehlt Nahestehenden der neutrale Blick – oder sie sind überfordert, zum Beispiel wenn die Betroffenen von wiederkehrender Panik oder irrationalen Schuldgefühlen heimgesucht werden. Fachkräfte sind speziell für derartige Situation ausgebildet und können hier im Gegensatz zu Angehörigen professionell unterstützen.

Hausarzt als erster Ansprechpartner

Gelingt es nicht, psychische Krisen aus eigener Kraft in kurzer Zeit zu überwinden, ist professionelle Hilfe dringend erforderlich. "Erster Ansprechpartner kann beispielsweise der Hausarzt sein", meint die Expertin. Dieser kennt den Hilfesuchenden im Idealfall schon etwas länger und kann erste weitere Hilfsmaßnahmen empfehlen.

Seit 2018 gibt es außerdem die Möglichkeit einer Akutsprechstunde beim Psychotherapeuten. Dadurch können Betroffene auch kurzfristig bei einem Therapeuten vorstellig werden und sich entsprechend beraten lassen. Davor mussten insbesondere Kassenpatienten oft monatelang auf ein Erstgespräch warten.

"Wir haben schon lange das Problem, dass ambulante Psychotherapie-Plätze mit einer langen Wartezeit verbunden sind", bestätigt Dr. Huck-Breiter. Durch die Akutsprechstunden könnten Patienten jedoch schnell eine Einschätzung ihres Problems bekommen. Gleichzeitig erhalten sie eine erste Empfehlung, ob eine weitere Unterstützung wie zum Beispiel eine ambulante Therapie sinnvoll ist.

Um einen Termin zu bekommen, kann man sich entweder direkt an einen Therapeuten wenden oder auch bei den Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen anfragen, die einem direkt Kontakte in der Umgebung mit freien Terminen vermitteln.

Bei Suizidgefahr sofort tätig werden

"Dann gibt es noch die Möglichkeit, sich an einen psychiatrischen Notdienst, also an eine Klinik für Psychiatrie, zu wenden", empfiehlt Dr. Huck-Breiter weiter. Bei akuten psychischen Problemen am Abend oder am Wochenende steht außerdem der ärztliche Bereitschaftsdienst zu Verfügung. Sollte eine akute Behandlung nicht ausreichen, kann dieser den Patienten direkt an entsprechende Stellen weitervermitteln. Auch die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar.

Starke Krisen können in Einzelfällen bis zu Selbstmordgedanken führen. "Im Rahmen einer solchen suizidalen Krise sollte man bei einer Eskalation der Lage nicht zögern", betont Dr. Huck-Breiter. "Und direkt den Rettungsdienst alarmieren."

Soforthilfe-Möglichkeiten in Krisensituationen:

  • Ärztlicher (psychiatrischer) Bereitschaftsdienst: EU-weite Tel. 116 117
    24 Stunden Bereitschaftsdienst und Hausbesuche: Der Allgemeinarzt kann vor Ort Medikamente geben und falls nötig die Einweisung in eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie veranlassen.
  • Telefonseelsorge: Tel. 0800/1110111 und 0800/1110222
    Anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": Tel. 116 111 Anonyme Beratung von Montag bis Samstag von 14:00 bis 20:00 Uhr, Online-Beratung per E-Mail möglich. Elterntelefon Tel. 0800/111 0 550.
  • Rettungsdienst: Tel. 112 (rund um die Uhr erreichbar)

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Martina Huck-Breiter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefärztin der Schlossparkklinik Dirmstein
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung: "Terminservicestellen"

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