• Viele Kinder werden aktuell in Krankenhäusern behandelt, weil sie sich mit dem RS-Virus infiziert haben.
  • In den meisten Fällen verläuft die Infektion aber zum Glück harmlos.
  • Wir beantworten die wichtige Fragen rund um das Virus.

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Immer mehr Kinder stecken sich aktuell mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus an, das kurz als RS-Virus oder RSV bezeichnet wird. Viele Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder und fragen sich, wie sie vorbeugen können und wann sie mit einem Kind ins Krankenhaus fahren sollten.

Wir erklären unter anderem, was hinter dem Virus steckt, was die Symptome einer Erkrankung sind und wie Eltern ihre Kinder vor dem RS-Virus schützen können.

Was ist das RS-Virus?

Bei dem Erreger handelt es sich um ein weltweit verbreitetes Virus, das ausschließlich Menschen befällt und Atemwegsinfektionen verursacht. Besonders häufig erkranken Säuglinge und Kleinkinder. Übertragen wird RSV insbesondere durch Tröpfchen, also wenn ein Infizierter niest oder hustet.

Was sind typische Symptome?

Das RS-Virus verursacht typische Symptome einer Atemwegsinfektion: "Dazu zählen unter anderem zäher grüner Nasenschleim, trockener und bellender Husten mit Schleimauswurf im Verlauf sowie in einigen Fällen Durchfall", erklärt Torsten Kautzky, Chefarzt der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg, auf Anfrage unserer Redaktion. "Fieber ist eher selten."

Wie häufig sind Infektionen?

Infektionen mit dem RS-Virus sind sehr häufig: Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge haben 50 bis 70 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr und bis zum Ende des 2. Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Die aktuellen Fallzahlen sind schwer zu schätzen: Die Erkrankung ist nicht meldepflichtig und wird daher nicht zentral erfasst.

Wann treten die meisten Infektionen auf?

RSV-Infektionen treten ähnlich wie die Grippe saisonal auf: Laut RKI gibt es in Europa von November bis April die meisten Infektionen. In diesem Jahr allerdings stieg die Zahl der Infektionen sehr früh an, die Arbeitsgemeinschaft Influenza (PDF) schreibt von einer "ungewöhnlich starken RSV-Zirkulation außerhalb der bisherigen typischen Zeiträume". 2021 hat RSV-Saison in Deutschland bereits in der 35. Kalenderwoche begonnen, also schon Anfang September – und damit zwei Monate früher als sonst.

Wie wird das Virus diagnostiziert?

In vielen Fällen gar nicht: Wenn Eltern mit ihrem Kind zu einem Kinderarzt gehen, wird der in der Regel nicht auf RSV testen, da es eine Vielzahl von Erkältungsviren gibt, die ähnliche Symptome auslösen. Die Behandlung ist in diesen Fällen gleich. Manche Kinderkliniken führen PCR-Tests durch, andere diagnostizieren das RS-Virus anhand der Symptome.

Wie ist die Situation aktuell in den Krankenhäusern?

"Allgemein ist die Lage in fast allen Kliniken angespannt", sagt Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. "Wir behandeln pro Woche zehn bis 15 Kinder mit einem RSV-Infekt. In anderen Jahren mit einer hohen Inzidenz an RSV-Infektionen haben wir im Januar und Februar, wenn eigentlich die Hochzeit ist, vielleicht die Hälfte." Aktuell würden in der Klinik in Dresden pro Woche so viele Kinder mit RSV behandelt wie in den vergangenen 18 Monaten insgesamt mit einer Corona-Infektion. "Es gibt regionale Schwankungen, aber alle Kinderklinken merken den starken Anstieg an RSV-Infektionen."

Auch Kautzky berichtet, dass die Belegung auf der Kinderstation in Papenburg hoch ist. "Zu 95 Prozent betrifft dies Kinder, die am RS-Virus erkrankt sind." Zudem würden in der Notfallambulanz zahlreiche Kinder mit RSV-Infektionen versorgt, die nicht stationär aufgenommen würden.

Wie viele Fälle verlaufen schwer?

Schätzungen des Robert-Koch-Instituts zufolge verlaufen von 1.000 Fällen rund 5,6 Fälle schwer. Im Register der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie wird erfasst, wie viele Kinder mit RSV in den Krankenhäusern von der normalen Station auf die Intensivstation verlegt werden. "Aktuell betrifft das rund zehn bis 20 Prozent der Kinder, die mit RSV im Krankenhaus behandelt werden", sagt Berner. "Das ist schon erheblich."

Allerdings handelt es sich dabei insgesamt gesehen nur um einen kleinen Prozentsatz der Kinder, die sich mit dem RS-Virus infizieren – meistens verläuft die Erkrankung harmlos und die Kinder werden erst gar nicht ins Krankenhaus eingewiesen.

Wieso stecken sich vor allem Kinder mit dem RS-Virus an?

"Bei Kindern bildet sich das Immunsystem erst noch aus", sagt Berner. Kinder bauen erst eine Immunität gegen bestimmte Erreger auf, nachdem sie Kontakt mit diesen hatten. "Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht", sagt Berner.

Nach dem zweiten Kontakt mit einem Erreger ist das Immunsystem meistens für eine gewisse Zeit gut trainiert, um diesen abzuwehren. Aber es besteht keine lebenslange Immunität: Am RS-Virus können Kinder immer wieder erkranken, auch Erwachsene können die Infektion bekommen – insbesondere dann, wenn sie engen Kontakt mit Kleinkindern haben.

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

Ein besonderes Risiko besteht für frühgeborene Kinder und Kinder, die unter einer Lungenerkrankung, einem angeborenen Herzfehler oder einem Immundefekt leiden. Bei ihnen sind schwere Verläufe häufiger. Es gibt aber die Möglichkeit, kleine Risikopatienten während der RSV-Saison durch eine Therapie mit künstlich hergestellten Antikörpern zu schützen, die alle vier Wochen wiederholt werden muss.

Wieso gibt es aktuell so viele Fälle?

Der Hauptgrund dafür scheinen die Corona-Maßnahmen der vergangenen 18 Monate zu sein: "Sehr viele Kinder konnten aufgrund von Kita-Schließungen und anderen Corona-Schutzmaßnahmen im vergangenen Winter und Frühjahr nicht mit den Erregern in Kontakt kommen, sodass die Infekte jetzt nachgeholt werden", sagt Kautzky.

Durch die Schutzmaßnahmen gab es im vergangenen Winter nur sehr wenige RSV-Fälle, in diesem Jahr erkranken dafür ein- und zweijährige Kinder sehr häufig. Hinzu kommt, dass der Immunschutz mit der Zeit nachlässt: Einige Kinder haben schon im vergangenen Winter keinen ausreichenden Schutz gegen das RS-Virus mehr gehabt, kamen aber durch die Maßnahmen nicht mit dem Virus in Kontakt. Auch diese Infektionen werden in diesem Jahr "nachgeholt".

Wie werden betroffene Kinder behandelt?

"Da es ein Virus ist, helfen keine Antibiotika und der Infekt muss auskuriert werden", sagt Kautzky. "Im Krankenhaus wird Kochsalzlösung inhaliert, Flüssigkeit zugeführt und wenn notwendig, erhalten Patienten eine Sauerstoffzugabe."

Wann sollten Eltern mit ihrem Kind ins Krankenhaus fahren?

Der erste Ansprechpartner sollte der niedergelassene Kinderarzt sein. "Wenn Eltern verunsichert sind, ist es ratsam, lieber einmal mehr den Arzt aufzusuchen als zu wenig", erklärt Kautzky.

Es gibt allerdings Alarmzeichen, bei denen Eltern aufmerksam werden sollten: Leiden die Kinder offensichtlich unter Atemnot, brauchen sie medizinische Hilfe. "Husten kommt auch bei anderen Atemwegsinfektionen vor, aber wenn Eltern sehen, dass Kinder die Haut zwischen den Rippen und unter dem Kehlkopf beim Atmen stark einziehen, dann bekommen sie nur schwer Luft und könnten insofern unter einem Sauerstoffmangel leiden", sagt Berner.

Wie können Eltern ihre Kinder vor dem RS-Virus schützen?

Letztlich gar nicht, da RSV sehr weit verbreitet ist. Die klassischen Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen helfen natürlich, aber wenn Kinder engen Kontakt zu anderen Kindern haben, lassen sich Infektionen oft gar nicht vermeiden. Da die meisten Infektionen mild verlaufen, sind besondere Vorsichtsmaßnahmen nicht notwendig – sofern die Kinder nicht zu einer Risikogruppe gehören.

Werden die Infektionszahlen so hoch bleiben?

"Das ist eine schwierige Frage und kaum abzusehen", sagt Berner. "Die Erfahrung zeigt, dass RSV-Infektionen oft wellenförmig verlaufen. Es kann also sein, dass wir in den nächsten Wochen immer wieder ein Abklingen und Ansteigen der Fallzahlen beobachten werden. Ich gehe insgesamt aber davon aus, dass uns die hohen Zahlen noch bis zum Frühling begleiten werden."

Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine persönliche Beratung und Behandlung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

Über die Experten: Professor Dr. Reinhard Berner ist Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. Er ist Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und war von 2005 bis 2009 und von 2015 bis 2017 Präsident und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).
Torsten Kautzky ist Chefarzt der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Als Neuropädiater ist er auf die Entwicklung und Erkrankungen des Nervensystems bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Professor Dr. Reinhard Berner, Leiter der Unikinderklinik in Dresden
  • Schriftliche Anfrage bei Torsten Kautzky, Chefarzt der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg
  • Robert-Koch-Institut: Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RSV)
  • Lungeninformationsdienst: RS-VIRUS (Respiratorisches Synzytial-Virus)
  • Robert-Koch-Institut: Arbeitsgemeinschaft Influenza, ARE-Wochenbericht: Aktuelles zu akuten respiratorischen Erkrankungen