• Die Folgen sexualisierter Gewalt für die Betroffenen sind dramatisch.
  • Wer nicht selbst Missbrauch erleben musste, habe kaum eine Vorstellung, wie er Menschen zerstören könne, sagt eine Psychotherapeutin und Ärztin.
  • Für Betroffene hat sie einen wichtigen Rat.
Ein Interview

Von einer bisher ungekannten Brutalität sprechen die Ermittler angesichts des kürzlich aufgedeckten Missbrauchskomplexes im nordrhein-westfälischen Wermelskirchen. Hauptverdächtiger: ein Babysitter. Weitere Verdächtige: Väter, Nachbarn, Bekannte, Brüder oder Großväter der betroffenen Kleinkinder und Säuglinge.

Die meisten Missbrauchsfälle passieren im engsten sozialen Umfeld, meist sogar in der Familie. Die WHO schätzt, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren. Warum sie oft allein bleiben in ihrem Leid: Erwachsene glauben dem Kind nicht oder es behält die schreckliche Tat für sich. Angehörige greifen nicht ein, selbst wenn sie etwas ahnen. Umstehende haben Hemmungen, sich "einzumischen".

Massiv unterschätzt würden dabei die Folgen, betont die Trauma- und Sexualtherapeutin, Ärztin und Wissenschaftlerin Melanie Büttner. Sie hat nicht nur zum Thema geforscht und mehrere Bücher veröffentlicht, sondern bei ihrer jahrelangen Begleitung traumatisierter Menschen die vielfachen Spuren an Körper und Seele auch kennengelernt. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt sie, was schon ein Übergriff in einem Menschen anrichten kann.

Schweigen, Vertuschung, Verdrängung, Wegsehen - das scheint mit Fällen sexualisierter Gewalt geradezu einherzugehen. Haben wir in unserer Gesellschaft zu wenig Wissen darüber, wie schrecklich die Folgen für Betroffene sind?

Melanie Büttner: Das würde ich absolut so sagen. Einen der Gründe sehe ich in der Medienberichterstattung, die in meiner Wahrnehmung sehr einseitig ist. Ein Fall wird bekannt, Täterpersonen werden angeprangert und die große Frage lautet dann immer: "Wie konnte so etwas Entsetzliches passieren?" Wo fast nie hingesehen wird: Was sind eigentlich die Folgen für die Betroffenen? Wer nicht selbst Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht hat, kann sich das nur schwer vorstellen. Dass das oft ein lebenslanges Leid ist, darüber wird nicht geschrieben. Deshalb denken die Menschen: Die Person kann nun ja aufatmen, es ist vorbei. Aber sehr oft ist es für die Betroffenen eben nicht vorbei. Es wirkt nach, es hat schwerwiegende psychologische und körperliche Folgen. Es begleitet sie über viele Jahre und in vielen verschiedenen Lebensfeldern.

Könnten Sie das für den Fall des Kindesmissbrauchs genauer beschreiben?

Viele Kinder werden bei einem solchen Übergriff geradezu überflutet mit bedrohlichen, quälenden und ängstigenden Gefühlen. Das Ereignis löst psychologisch eine massive Überforderung aus, wir sprechen von einem Trauma. Auch der Körper ist im Trauma – einerseits kann es beim Übergriff zu sichtbaren körperlichen Verletzungen kommen, die nicht immer gut verheilen. Zum anderen ist der Körper im Hochstress und in einer reflexartigen Schutzreaktion. Die Spuren können auch viel später wieder spürbar werden. Deswegen: Es ist ein Trauma auf allen Ebenen des Seins.

Sind es Bilder, die einen immer wieder einholen?

Nicht immer sind es klare Bilder, sondern Gefühle: Panik, Ohnmacht, Ekel, Wut - oder sich bedroht zu fühlen in bestimmten Momenten. Wenn ein bestimmtes Wort fällt. Wenn ein Mensch körperlich nahekommt. Eine Kussszene im Fernsehen. Bei der Sexualität. Auch die sogenannte "Dissoziation" ist typisch, das heißt Geist und Körper schalten sich ab. Die Person ist gar nicht mehr wirklich anwesend. Kriegt nichts mehr mit, spürt nichts mehr. Viele Betroffene sind chronisch im Stress und angespannt – auch körperlich. Etwa ist dann die Muskulatur vom Kopf bis zu den Füßen verspannt. Das kann Schmerzen auslösen – an Kopf, Gesicht, Schultern, Rücken oder im Intimbereich. Viele knirschen und pressen auch mit den Zähnen. All das ist Teil eines unwillkürlichen Schutzmechanismus, in den der Körper gerät: flüchten, kämpfen oder erstarren.

Sprechen wir noch von einem Trigger-Moment, also wenn schreckliche Erinnerungen zurückkehren, oder vom Moment des Übergriffs?

Beide Reaktionen sind sehr ähnlich. Das, was später passiert, nennt sich "Wiedererleben". Der Körper kann in einer Trigger-Situation auf die gleiche Weise, mit der gleichen körperlichen Schutzreaktion reagieren wie im Trauma, also im Moment des Übergriffs. Betroffene wissen dann manchmal schlichtweg nicht mehr, dass sie eigentlich in Sicherheit sind. Sich wieder mit der Gegenwart zu verbinden und das Vergangene vom Hier und Jetzt zu trennen, üben wir dann zum Beispiel in der Therapie.

Kann es sein, dass man das Erlebte nie überwindet?

Manchen Betroffenen ist es tatsächlich nicht möglich, ein eigenständiges Leben zu führen, einen Beruf auszuüben und Familie zu gründen. Vor allem schwerste Traumatisierungen über viele Jahre hinweg können extrem einschränken. Sexuelle Gewalt kann Biografien zerstören, sie kann Leben zerstören.

Betroffene erkennen Ursache ihres Leidens oft erst Jahrzehnte später

Im neuen Missbrauchskomplex von Wermelskirchen ist ein Babysitter der Hauptbeschuldigte. Der Kölner Polizeipräsident sagte, ihm sei ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität noch nie begegnet. Welche Rolle spielt es für die Folgen, wie alt die betroffene Person beim Übergriff war?

Sehr verallgemeinert kann man sagen: Die Folgen sind schwerwiegender, je jünger die Betroffenen sind. Säuglinge und Kleinkinder sind besonders verletzlich, weil in dieser Zeit die Basis für eine gesunde psychische Entwicklung gelegt wird. Was hier passiert, schädigt massiv. Allerdings werden Erfahrungen in diesem Alter noch nicht so abgespeichert, dass das Erlebte später bewusst erinnert werden kann. Stattdessen werden Erinnerungen in Teilen des Gedächtnisses abgelegt, die zwar nicht ganz bewusst werden, aber dennoch das Erleben steuern. So können Betroffene später unter heftigen Stresszuständen, innerer Anspannung, Ängsten oder quälenden Körperreaktionen leiden, ohne zu wissen, warum. All das kann die Grundlage von schweren psychischen Erkrankungen bilden. Übergriffe im Kindesalter wirken sich auch besonders stark auf den Umgang mit intimen Beziehungen, körperlicher Nähe und Sexualität aus. Wenn ihre ersten Erfahrungen damit übergriffig sind und Ohnmacht, Angst oder Abscheu auslösen, lernen Kinder: Es gibt keine Sicherheit in der Nähe mit jemand anderem. Erwachsene, die da schon Positives erlebt haben, haben dagegen die Möglichkeit, daran nach einer sexuellen Gewalterfahrung wieder anzuknüpfen. Das macht es in der Therapie oft leichter.

Sind die Folgen gravierender, je häufiger die Übergriffe waren?

In der Regel kann man das so sagen. Je häufiger es zu Übergriffen kam und je mehr Körpergrenzen dabei verletzt wurden, umso schwerer das Trauma. Manche Menschen sind aber auch nach einem einmaligen Ereignis oder einem Übergriff ohne Körperkontakt hochbelastet und entwickeln psychische oder körperliche Erkrankungen.

Was sind konkrete gesundheitliche Folgen?

Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Ängste, Dissoziation, Essstörungen, Alkohol- und Drogenkonsum sind häufig nach sexuellen Traumatisierungen. Genauso Schmerzen im Körper. Wer sexuelle Gewalt erlebt hat, leidet oft Jahre danach noch an Schmerzen und Verkrampfungen im Unterleib oder bei der Sexualität. Es gibt Betroffene, die können nur mit Angst und Unbehagen zur Gynäkologin, zum Urologen, zur Zahnärztin oder in eine Geburt gehen, weil sie dort so stark getriggert sind. Oft merken Betroffene auf verschiedene Weise, da stimmt etwas nicht – aber sie bringen es überhaupt nicht in Verbindung mit der sexuellen Gewalt, die sie erlebt haben.

Wie kann das sein?

Manchmal ist zwar eine Erinnerung da, das Erlebte wird aber nicht als Trauma verstanden, das zu all diesen Beschwerden geführt hat. Oder es bestehen Erinnerungslücken, weil der Organismus Teile des Traumas ausblendet, um sich vor einer psychischen Überforderung zu schützen. Das kann Betroffene vor große Rätsel stellen.

Was kann den Anstoß geben, die Ursache zu erkennen?

Sie hören zum Beispiel die Geschichten anderer Betroffener, lesen darüber in den Medien und merken: Das ist mir auch passiert und es war Missbrauch, es war Gewalt. Manche erzählen ihren Ärzten und Ärztinnen von Schmerzen im Genitalbereich, doch die können äußerlich nichts feststellen. Dann kann es wichtig sein, dem nachzugehen – deshalb ist es wichtig, dass Ärzte und Ärztinnen hier sensibilisiert sind: Wo genau sind die Schmerzen? Wodurch werden sie ausgelöst? Kommen bei der Sexualität unangenehme Gefühle hoch? Haben Sie im Zusammenhang mit körperlicher Nähe oder Sexualität schon einmal etwas erlebt, das sehr belastend war? Oft fügt sich das wie ein Puzzle zusammen und am Ende zeigt sich: Hinter den Schmerzen verbirgt sich ein Trauma.

Bessere Prognose für Kinder, die Hilfe erhalten

Wovon hängt es ab, wie gut oder schlecht Betroffene ihr Schicksal bewältigen?

Die Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsfaktoren dabei eine große Rolle spielen: Menschen, die sich anderen öffnen und Hilfe akzeptieren können, haben es leichter und werden nach einem Trauma seltener psychisch krank. Dasselbe gilt für Betroffene, die Kraftquellen und Bewältigungsressourcen in sich mobilisieren können. Dazu gehört zum Beispiel die Fähigkeit, sich zu reflektieren, aber dann auch wieder emotional Abstand zu nehmen und sich selbst zu beruhigen. Oder sich selbst mit Achtung zu begegnen und sich gegenüber anderen abzugrenzen, wenn sie einem nicht guttun. Nicht selten hören Betroffene nämlich auch Vorwürfe, wenn sie sich jemandem anvertrauen: "Wärst du halt nicht mehr hingegangen." Oder: "Hättest du halt nicht die enge Jeans angezogen." Den Betroffenen wird dann auch noch die Schuld gegeben. So etwas kann sich ähnlich schädigend auswirken wie das Trauma selbst.

Dabei sind Schuld und Scham ohnehin Gefühle, mit denen Betroffene zu kämpfen haben.

Ja, sie geben sich tatsächlich die Schuld, was das Leid noch erschwert. "Es liegt ja an mir, dass er mich attraktiv fand." Oder: "Ich war ja freiwillig bei dieser Person, auch wenn ich das Eklige nicht mochte. Er war der Einzige, der Zeit mit mir verbracht hat und auch mal nett zu mir war." Der Täter oder die Täterin – wir dürfen nicht vergessen, dass etwa 20 Prozent der Täterpersonen weiblich sind – hat ihnen ja gesagt: "Das ist ganz normal, das macht jeder Onkel, jede Tante, jeder Vater, jede Mutter." Kinder, die Unterstützung bekommen, haben auf jeden Fall die besseren Chancen. Sehen erwachsene Bezugspersonen aber weg, spürt das Kind: Ich habe keine Hilfe und keinen Halt. Das Umfeld hat enormen Einfluss. Leider erleiden die meisten betroffenen Kinder aber nicht nur sexuelle, sondern auch emotionale und körperliche Gewalt und Vernachlässigung, letztlich also Misshandlungen auf vielen Ebenen. Jede einzelne dieser Erfahrungen erhöht aber wiederum das Risiko für weitere sexuelle Gewalt und auch das Risiko, psychisch zu erkranken.

Gefühl der Ohnmacht: Viele werden wieder Opfer, andere Täter oder Täterin

Gewalt, die als normal dargestellt wird, Gefühle der Ohnmacht – wie wirkt sich das auf die Persönlichkeit und das spätere Beziehungsleben aus?

Betroffene sind sehr anfällig, in unglückliche Beziehungen hineinzugeraten und ausgenutzt zu werden. Sie haben gelernt: Egal, was ich tue, ich kann mein Leben ohnehin nicht beeinflussen. Meine Bedürfnisse interessieren niemanden. Wenn ich mit mir machen lasse, was gewünscht ist, bekomme ich wenigstens Zuwendung. Sie haben ein hohes Risiko, wieder Opfer zu werden. Wir wissen aus der Forschung: Mehr als die Hälfte der Betroffenen erlebt später erneut sexuelle Übergriffe. Andere haben die entgegengesetzte Überlebensreaktion. Sie spüren: Das darf nie wieder passieren. Sie bauen eine Mauer um sich, lassen sich nicht auf engere Beziehungen ein. Wenn, dann unter ihren Bedingungen. Sie kontrollieren, bestimmen. Manchmal kommt es sogar vor, dass Betroffene immer wieder auch selbst zu Tätern oder Täterinnen werden. Was ich bei all diesen Facetten auch immer wieder beobachte: Betroffene, die sich auch noch lange nach einem Trauma in Hilflosigkeit und Ohnmacht als Opfer erleben, für die es nur Schwarz und Weiß gibt, Täter und Opfer.

Ist das der Grund, warum Expertinnen und Experten empfehlen, den Begriff "Opfer" zu vermeiden und von "Betroffenen" zu sprechen?

Das Wort "Opfer" kann hilfreich sein, um erst mal klarzustellen, dass es wirklich Gewalt war, was in einer speziellen Situation geschehen ist. Es gab einen Täter oder eine Täterin, der oder die etwas Unrechtes getan hat, und ein Opfer, das daran keine Schuld trägt. Überträgt jemand die Opferdynamik jedoch auf das gesamte Leben, wird sie zum Hindernis. Ein Trauma lässt sich nur überwinden, wenn die betroffene Person lernt, die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen und rauszugehen aus der Opferidentität. Das ist oft erst mal eine harte Erkenntnis. Das Unrecht war ja so riesig.

Sie meinen, Betroffene sollten nicht in der Opferrolle verharren?

Eine frühere Patientin, die mich heute in Fortbildungen unterstützt, hat das mal in den treffenden Begriff "Opfer-Nestchen" gebracht. Sie ist selbst Betroffene und weiß, wie gut es sich anfühlen kann, Zuwendung zu bekommen in diesem Nestchen. Doch wenn man darin verharrt und nur die Missstände beklagt, verändert sich nichts. Wenn Betroffene sich von der Traumalast lösen wollen, müssen sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen – wenn nötig, mit einer Therapie: das Trauma überwinden, um dieselben Chancen zu haben wie alle anderen. Frei zu werden und das erfüllte Leben zu führen, das sie verdient haben.

Mehr Gesundheitsthemen finden Sie hier

Wenn Sie selbst von häuslicher oder sexueller Gewalt betroffen sind, wenden Sie sich bitte an das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" - 08000/116 016, die Online-Beratung oder an das Hilfetelefon "Sexueller Missbrauch" 0800/225 5530 (Deutschland), die Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder (Tamar) 01/3340 437 (Österreich) beziehungsweise die Opferhilfe bei sexueller Gewalt (Lantana) 031/3131 400 (Schweiz).

Wenn Sie einen Verdacht oder gar Kenntnis von sexueller Gewalt gegen Dritte haben, wenden Sie sich bitte direkt an jede Polizeidienststelle.

Falls Sie bei sich oder anderen pädophile Neigungen festgestellt haben, wenden Sie sich bitte an das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden".

Hilfsangebote für verschiedene Krisensituationen im Überblick finden Sie hier.

Zur Person: Dr. med Melanie Büttner ist Psycho- und Sexualtherapeutin, Ärztin und Wissenschaftlerin. In ihrer Praxis beraten und behandeln sie und ihre Kolleginnen Betroffene online und an verschiedenen Orten in Deutschland. Bis 2021 war die Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum rechts der Isar in München tätig. Heute wirkt sie als unabhängige Wissenschaftlerin in Forschungsprojekten und Fachgesellschaften mit und hält Fortbildungen, um die Therapiemöglichkeiten von traumatisierten Menschen zu verbessern. Seit 2017 betreibt Melanie Büttner für ZEIT ONLINE den Podcast "Ist das normal?". Zu ihren Büchern zählen "Sexualität und Trauma”, "Handbuch Häusliche Gewalt" und "Ist das normal – Sprechen wir über Sex, wie du ihn willst".