Die Coronakrise kann schnell zur Beziehungskrise werden. Paare hocken aufeinander, mehr und länger als sonst – und wissen nicht, für wie lange. Die eine große Falle, mit der Beziehungskrisen fast immer beginnen, lauert jetzt besonders. Wie Liebende sie meiden können, erklärt eine Paartherapeutin.

Coronakrise: Die wichtigsten Themen im Überblick

Eine reale Situation aus der Paartherapie. Die Frau wendet sich an ihren Mann: "Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht, ob du mich überhaupt noch magst." Darauf er: "Ich habe dich doch geheiratet."

Hochzeitsglocken, Kuss, überschwängliche Gefühle: Wo ein Hollywood-Film endet, geht es im echten Leben weiter – beziehungsweise erst richtig los. Im Fall des gerade zitierten Paares war das bereits vor 20 Jahren.

Der Satz des Mannes spiegelt das wider, was die Münchner Therapeutin Anette Frankenberger seit 27 Jahren bei Paaren beobachtet: "Es ist der Hauptfehler, der in der Beratung den meisten Raum einnimmt: die Illusion der Sicherheit. Wir denken, wenn wir ein Paar sind, uns unsere Liebe gestanden, sie vielleicht sogar mit einem rauschenden Hochzeitsfest im Hollywoodstil besiegelt haben, gehört der andere ganz und gar und für immer uns."

Stress und Ängste in der Corona-Isolation

Die Folge: Paare nehmen fälschlicherweise an, dass man für eine funktionierende Beziehung nichts tun müsse. "Sie denken: Wir haben einen Vertrag geschlossen, das reicht. Dabei kann man Liebe- und Beziehungspflege mit einem Garten vergleichen: Wenn ich nichts tue, wächst er zu, das Unkraut nimmt Überhand. Ich muss ihn versorgen und düngen – wie eine Beziehung." Die Beziehung nicht aktiv zu pflegen, wirkt sich entsprechend aus: "Nirgends sind wir so ekelhaft wie daheim. Wir glauben, uns hier schlecht benehmen zu können."

Nun verschärfe sich genau dieses Problem in der Coronakrise, und zwar ganz massiv: "Zum einen hockt man extrem aufeinander, das verursacht Stress. Zum anderen sind da Ängste aufgrund der Ungewissheit: Wie wird alles weitergehen?", erläutert Frankenberger. Sie warnt: "Vielen dient ein solcher Zustand als Rechtfertigung, sich gehen zu lassen und schlecht zu benehmen. Darin steckt eine große Gefahr."

Der größte aller Fehler: Lieblosigkeit

Wo solle man sich sonst gehen lassen können, wenn nicht in der eigenen Beziehung? So argumentieren Männer wie Frauen häufig in der Paartherapie. "Doch mit den Kollegen würde man nie so schlecht umgehen wie mit dem eigenen Partner", gibt Frankenberger zu bedenken.

Grenzen sind dicht, und so manches Paar lebt im Trennungsschmerz.

Wird dieser schlechte Umgang zur Normalität, setzt ein schleichender Prozess ein: "Die Beziehung stirbt langsam den Kältetod." Die großen Katastrophen wie Fremdgehen sieht sie als Folgen aus den Lieblosigkeiten, dem "Ekligsein", wie sie es nennt: "Dann begegnet man jemandem, mit dem es wieder prickelnd ist. Wir sind wieder zugewandt und zeigen uns von unserer besten Seite. Das hält so lange an, bis wir uns wieder sicher genug fühlen und unsere Bemühungen erneut einstellen."

Jeden Tag eine Wahl treffen - für die Beziehung

Wertschätzend und höflich zu sein, lohnt sich: "Die Beziehung ist das Wertvollste, was wir haben", erinnert Frankenberger. Stimmungen habe jeder – und dürfe auch jeder haben. Vor allem in der jetzigen Situation seien Stress, Sorgen und Ängste kaum zu vermeiden. Doch hat man laut der Therapeutin immer die Wahl und sollte sie gerade jetzt mit Bedacht treffen. Entweder:

  • "Nicht du jetzt auch noch, lass mich bloß in Ruhe!"

"Bei diesem Weg wird der Stress nicht gerade weniger – im Gegenteil", sagt Frankenberger. Viel besser:

  • "Schatz, mir geht’s nicht gut, sei bitte heute besonders nett zu mir."

In der Krisenzeit, in der Isolation, müsste die wichtigste Frage jeden Tag sein: Was will ich heute für meine Beziehung tun?

Tipps: So gelingt liebevoller Umgang auch in Krisenzeiten

Und was kann man tun? Der langfristige Erfolg der Paare in Therapie führt Frankenbergers Erfahrung nach nie über große Gesten wie Diamanten und exorbitante Reisen. So abgedroschen es klingen mag: "Es sind die kleinen Dinge, die die Liebe erhalten", bemerkt sie. Sie nennt einige Beispiele, die sich auch in Coronazeiten umsetzen lassen:

  • Zärtlichkeit im Alltag: eine Umarmung, die länger als nur zwei Sekunden dauert. "Unseren Kindern geben wir Zärtlichkeit, aber der Partner bekommt sie im Alltag oft zu wenig", sagt Frankenberger.
  • Dem anderen einen Zettel hinterlassen, wenn man das Haus verlässt: "Hast du gut geschlafen?"
  • Kleine Aufmerksamkeiten: ein Blümchen, eine Schokolade
  • Höflich miteinander umgehen
  • Neugierig aufeinander bleiben: "Wie war dein Tag heute?" Und zwar auch, wenn man bereits den ganzen Tag unter einem Dach war
  • Lernen, gut zuzuhören
  • Einander Aufmerksamkeit schenken: "Du siehst müde aus. Kann ich etwas für dich tun?"
  • Achtsam sein, nichts für selbstverständlich nehmen: "Danke, dass du die Küche aufgeräumt hast."
  • Lernen, um etwas zu bitten

Wünsche statt Vorwürfe

Einer der häufigsten und fatalsten Irrtümer in Beziehungen: Wünsche nicht zu äußern nach dem Motto "Wenn du mich wirklich liebtest, wüsstest du, was ich brauche".

Tipp: Der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg rät, aus einem Vorwurf einen Wunsch zu machen. Aus einem eingeschnappten: "Schon wieder hast du …!" wird dann ein

  • "Ich wünsche mir von dir, dass du …"

Aus einem "Lass mich in Ruhe!" wird

  • "Es fällt mit gerade schwer, liebevoll mit dir zu sein, weil ..."

Aus: "Na toll, den Tee hast du mir jetzt ja auch nur gebracht, weil ich dich darum gebeten habe" wird:

  • "Vielen Dank, dass du mir den Tee gebracht hast!"

Es klingt so einfach. "Aber nicht erfüllte und nicht geäußerte Erwartungen sind eines der Hauptprobleme in Beziehungen", sagt Frankenberger. Zum Glück gibt es Auswege, die man trainieren kann.

Formel: Fünfmal so viel Positives wie Negatives = stabile Ehe

Einen Vorwurf oder einen verächtlichen Blick kann und sollte man dem Partner gegenüber wiedergutmachen. Wichtig zu wissen: Eine positive Bemerkung oder ein liebevoller Blick reicht dazu nicht aus. Das stellte der berühmte amerikanische Therapeut John Gottman fest, der über Jahrzehnte mehrere Tausende Paare untersuchte. Gottman, der auch "Einstein der Liebe" genannt wird, stellte für das Geheimnis einer glücklichen Ehe eine Formel auf:

  • Das Verhältnis von Positivem und Negativem liegt bei 5:1

"Konflikte gehören dazu, doch das Positive muss ganz deutlich überwiegen, mindestens fünffach", betont Frankenberger. Weil das Gefühl dafür oft fehlt, befinden sich so viele Paare in einem Teufelskreis: "Wieso soll ich nett zu dir sein, wenn du nicht nett zu mir bist?" Gehe man dann schon unfreundlich miteinander um, mache sich immer mehr Misstrauen breit. "Man beginnt, dem anderen zu unterstellen, dass er bestimmte Dinge nur macht oder nicht macht, um einen zu ärgern – die berühmte Tasse in der Spüle etwa."

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Statt Wohlwollen walten zu lassen, unterstellt man schnell böse Absichten: "Weil wir uns innerlich wappnen. Denn wir sind zu Hause nicht nur am ekligsten, sondern auch am verletzlichsten. Wir machen uns hart und steigen so in den Teufelskreis aus schlechtem Benehmen und Unterstellungen ein."

Auch hier bringt Frankenberger die Lösungsformel: fünfmal so viel Positives wie Negatives. "Unterstellen Sie dem anderen keine böse Absicht, sondern Wohlwollen."

Im Gespräch miteinander bleiben

Jetzt in der Krise sei es besonders wichtig, aufeinander zuzugehen: "Bitten Sie Ihren Partner um die Unterstützung, die Sie jetzt brauchen. Sagen Sie ihm, wie es Ihnen mit der Situation geht." Wer das im Moment selbst nicht wisse, solle auf Abstand gehen: "Gehen Sie an die frische Luft und sagen Sie Ihrem Partner, Sie lassen ihn später wissen, was los ist – statt ihm Vorwürfe zu machen oder Schlimmeres. Auf jeden Fall: Reden Sie miteinander!"

Sein Verhalten in diese Richtung zu ändern, fiel dem oben erwähnten Paar nach 20 Ehejahren nicht leicht, auch ohne derart erschwerte Bedingungen wie eine Coronakrise. "Man muss es üben, üben, üben", räumt Frankenberger ein, "doch sich gegenseitig schlecht zu behandeln, ist letztlich nicht nur viel anstrengender, sondern gefährdet die Beziehung. Wir spüren es nur nicht mehr, weil es schon so normal geworden ist." Wem es gelingt, sein Verhalten positiv zu verändern, hat die größte Chance auf lebenslanges Beziehungsglück.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Anette Frankenberger, die in München als systemische Paar- und Familientherapeutin sowie Supervisorin seit 1994 in eigener Praxis arbeitet. Seit 1989 ist sie als Dozentin in der Erwachsenenbildung und Erziehungsberatung tätig.
  • The Gottman Institute

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