• Am 19. Februar 2020 tötete ein Rechtsextremist in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln.
  • Ein Jahr später vermissen Überlebende und Angehörige immer noch eine restlose Aufklärung - und eine Entschuldigung.

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Zum Jahrestag der rassistischen Morde von Hanau am 19. Februar haben Überlebende des Anschlags und Angehörige der neun Todesopfer ein rund einstündiges Video aufgenommen. Es macht den Schrecken und die Trauer der Betroffenen deutlich, vor allem aber den Wunsch nach einer weiteren Aufarbeitung des Falls, nach Eingeständnissen von Fehlern - und nach einer Entschuldigung.

Veröffentlicht hat das Video die Initiative 19. Februar Hanau, die gegründet wurde, um den Betroffenen zu helfen, um zu erinnern und um aufzuklären. Ihre Mitglieder haben zu dem Attentat recherchiert, zwölf Menschen tragen die Ergebnisse der Recherchen in dem Video vor, darunter die Mutter und ein Cousin des ermordeten Ferhat Unvar, Serpil und Abdullah Unvar, die Mutter des ermordeten Sedat Gürbüz, Emiş Gürbüz, der Sohn der getöteten Mercedes Kierpacz, Valentino Juliano Kierpacz, und Piter Minnemann, ein Überlebender des Anschlags.

Eingeteilt in "vor", "während" und "nach der Tat" sprechen sie aus persönlicher Sicht sowie auf Basis von Protokollen, Akten und Zeugenberichten über Versäumnisse seitens der Behörden und den Umgang mit den Angehörigen der Opfer.

Initiative 19. Februar legt mit Video Recherchen zum Fall Hanau offen

Am 14. Februar legen die Angehörigen, Überlebenden und die Initiative 19. Februar die Ergebnisse ihrer Recherche offen und zeichnen die Kette des Versagens nach. © YouTube

Eine Frage steht über allem: Wie konnte es dazu kommen?

Eine Frage steht dabei im Mittelpunkt: Wie konnte es zu der Tat kommen?

Wie konnte es zum Beispiel sein, dass der Täter, Tobias R., eine Waffe besitzen durfte und sein Waffenschein noch 2019 verlängert wurde, nachdem er schon mehrmals mit der Polizei zu tun hatte? Zumal er offenbar auch ein Schießtraining in der Slowakei absolvierte. "Der Täter hat sehr viel trainiert, um unsere Kinder am Ende professionell zu töten", sagte die Mutter von Ferhat Unvar, Serpil Unvar, die im Namen ihres Sohnes eine Bildungsinitiative gegründet hat.

Wie konnte es sein, dass der Täter gar nicht ins Visier der Behörden geriet, obwohl er auffällig geworden war? Wie konnte es sein, dass die Website von Tobias R. mit all ihren rassistischen Inhalten nicht entdeckt wurde? Wie konnte es sein, dass niemand die Notrufe eines Opfer annahm?

Und: Wie konnte es sein, dass die Angehörigen ihre Söhne, die Mutter, den Bruder erst nach der Obduktion sehen durften? "Wir wollten nur fünf Minuten, um uns von ihm zu verabschieden", sagte Ferhat Unvars Cousin Abdullah. "Einmal über seinen Kopf streicheln (...), es hätte uns in der Trauer geholfen."

Acht Tage nach dem Attentat habe die Familie den toten Ferhat zum ersten Mal gesehen: "Ich habe ihn nicht wiedererkannt."

Ein Jahr nach Hanau: "Man kann nicht einfach abschließen"

Am 19. Februar 2020 erschoss ein Mann neun Menschen aus "zutiefst rassistischer Gesinnung". Die Schwester eines Opfers erzählt, dass für sie die vollständige Aufarbeitung noch aussteht.

Der Vater des Täters, eine "tickende Zeitbombe"?

Auch im Nachgang passierten Dinge, die auch für Außenstehende zumindest unsensibel anmuten. So beschreibt einer der Überlebenden der Tat, dass die Angehörigen der Opfer von der Polizei angehalten wurden, den Vater des Täters in Ruhe zu lassen - während der Vater nach Informationen von "Spiegel Online" selbst mehrere Anzeigen stellte, in denen er etwa forderte, alle Gedenkstätten für die Opfer des Anschlags zu entfernen.

Mittlerweile haben die Angehörigen der Opfer ihrerseits Strafanzeige gegen den Mann gestellt. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt über den Inhalt der Anzeige, es bestehe der Anfangsverdacht, dass der Vater von den geplanten Taten gewusst und seinen Sohn darin bestärkt habe. Vater und Sohn hätten ein gemeinsames rassistisches Weltbild geteilt. Die Angehörigen der Opfer nennen den Vater in dem Video der Initiative 19. Februar Hanau eine "tickende Zeitbombe".

Stadt Hanau will sich "unangenehmen Fragen stellen"

Abgeschlossen ist in diesem Fall jedenfalls nach einem Jahr nichts. Mit Mahnwachen, Kundgebungen und ihren Recherchen zu dem Fall hält die Initiative 19. Februar Hanau die Erinnerung an die Opfer hoch und wiederholt ihre Forderungen nach Aufklärung und politischen Konsequenzen. Sie bietet zudem Hilfe an, Kontakte zu Rechtsberatung und erfahrenen Anwälten, psychologischen Beistand, Umzugshilfe, auch finanzielle Unterstützung.

Rassismus zu bekämpfen ist auch das Ziel einer in Hanau neu gegründeten Fachstelle für "Demokratieförderung und phänomenübergreifende Extremismusprävention", kurz: DEXT. Es ist die 26. DEXT-Fachstelle in Hessen und wurde im Sommer 2020 eingerichtet.

Die Leiterin der Volkshochschule Hanau, wo die Fachstelle derzeit angegliedert ist, Elke Hohmann, sagte auf Anfrage, dass die Stelle auch eingerichtet wurde, um "die unangenehmen Fragen nach den internen Konsequenzen und nötigen Veränderungen zu stellen". Die Stadt Hanau wolle eben "nicht nur zum Jahrestag ein paar Blumen niederlegen und die Sache damit schnell abschließen".

Die Fachstelle soll ein Anlaufpunkt für alle sein, die Rassismus oder Antisemitismus erleben. Sie bietet Beratungsgespräche an und hilft bei weiteren Schritten, etwa beim Verfassen eines Beschwerdebriefs oder dem Gespräch mit dem Arbeitgeber, wenn es dort einen Vorfall gegeben hat. Zudem unterstützt sie Vereine, Schulen und Firmen dabei, sich mit Diskriminierung und rechten Ideologien auseinanderzusetzen - präventiv oder im Ernstfall.

"Außerdem organisieren wir in Zusammenarbeit mit dem Verein 'Menschen in Hanau' und der Bildungsinitiative Ferhat Unvar die ganzjährige, antirassistische Veranstaltungsreihe 'WasNUN'?", erklärte die Projektleiterin der DEXT-Fachstelle, Gözde Saçıak, auf Anfrage.

Workshops, Einzelberatung, konkrete Hilfe

Ein Projekt ist speziell für die Stadtverwaltung Hanau konzipiert. "Ziel ist es, mit allen Mitarbeitenden der Stadtverwaltung Hanau zu erreichen, dass unsere Arbeit die Diversität unserer Stadt mitdenkt und widerspiegelt", sagt Elke Hohmann.

Zudem habe man mit der Bildungsstätte Anne Frank eine Veranstaltungsreihe zum Jahrestag des Anschlags organisiert. Teil davon sind zwei Workshops, die Menschen dafür sensibilisieren sollen, Rassismus im Alltag zu erkennen und sich ihm entgegenstellen zu können.

Die Angebote der Fachstelle in der Stadt bekannter und zugänglicher zu machen sowie in die breite Stadtgesellschaft zu wirken, seien die Ziele für dieses Jahr, sagt Projektleiterin Saçıak. Bislang sei die Stelle vor allem bei bereits engagierten Menschen bekannt. Anfragen von Privatpersonen oder Schulen habe es nur vereinzelt gegeben.

Die Corona-Pandemie hat da nicht gerade geholfen. "Beratungen im Zusammenhang mit rassistischer, antisemitischer Gewalt brauchen einen geschützten Raum und eine vertrauensvolle Beziehung zwischen uns und den Beratungsnehmenden", sagt Saçıak. Dafür ließen sich nur schwer Alternativen zum persönlichen Gespräch finden - in Zeiten von Corona keine einfache Sache. Ab März wird die DEXT-Fachstelle mit anderen städtischen Fachstellen unter das Dach des "Zentrum für Demokratie und Vielfalt" ziehen. Dann soll es auch mehr Raum für die Beratungen geben.

Gegen das Vergessen

Was die Erinnerung an den Anschlag selbst angeht, hat die DEXT-Fachstelle eine Gruppe gebildet, die sich regelmäßig austauscht. "Wir treffen uns einmal monatlich und alle, die sich längerfristig zum Gedenken an den rassistischen Anschlag vom 19. Februar engagieren, sind willkommen, sich an mich zu wenden und beizutreten", sagt Gözde Saçıak.

Gemeinsam arbeiten also mehrere Einrichtungen, Vereine und Initiativen daran, dass der Anschlag von Hanau nicht vergessen und dass für das Thema Rassismus sensibilisiert wird. Denn wie groß die Bedrohung durch Rechtsextremisten und Rassisten ist, lässt sich unter anderem an folgenden Zahlen ablesen: Ende Dezember 2020 registrierten die Sicherheitsbehörden hierzulande mehr als 1.200 tatsächliche oder mutmaßliche Rechtsextremisten mit einer Erlaubnis, Waffen zu besitzen - rund 35 Prozent mehr als im Jahr davor.

"Es ist mehr als wahrscheinlich, dass irgendwo ein nächster rassistischer Anschlag vorbereitet wird", sagte Piter Minnemann im Video der Initiative 19. Februar Hanau. Die Angehörigen wollen Aufklärung, Konsequenzen - aber auch dazu beitragen, dass sich eine Tat wie die Ermordung von Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin nicht wiederholt.

Verwendete Quellen:

  • Leiterin der DEXT-Fachstelle, Elke Hohmann, und Projektleiterin Gözde Saçıak auf Anfrage
  • Video der Initiative 19. Februar Hanau zum Jahrestag
  • Website der Initiative 19. Februar Hanau
  • Pressemitteilung der Stadt Hanau vom 18. Januar 2021
  • Website des Bundestags
Teaserbild: © AP Photo/Michael Probst