Ob Brotbacken oder Patchwork, Heimwerken oder Aquarellmalerei: Notgedrungen oder aus Langeweile entdecken Menschen in der Quarantäne altgeliebte Do-It Yourself-Tätigkeiten neu. Was bleibt, ist ein gutes Gefühl.

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik

In Zeiten, in denen wir uns zwangsläufig nur maskiert, via Bildschirm oder aus der Distanz begegnen, sind so manche Begehrlichkeiten, Must-Haves und Statussymbole irrelevant geworden. Die teuersten, schicksten, exklusivsten Klamotten, Partys, Urlaube, Schmuckstücke, Restaurants, Autos beeindrucken gerade niemanden.

Und auch das Rattenrennen im Hamsterrad ist größtenteils einer anderen Art des Arbeitens gewichen. Stattdessen gibt es neue alltägliche Herausforderungen (Home-Office, Home-Schooling, Home-Everything), aber auch neue alltägliche Erfahrungen.

Selbstverständlichkeiten wieder schätzen

Wir erkennen an, was wir für gegeben hielten: eine intakte Partnerschaft, Kinder, die man nicht nur erträgt, sondern gerne um sich hat, Familie und Freunde, denen man nicht egal ist und umgekehrt. Auch wissen wir kleine Selbstverständlichkeiten auf einmal wieder zu schätzen: eine gute Matratze, stabiles WLAN, ein bequemes Sofa, etwas Grün vorm Fenster, eine Badewanne.

Überhaupt verstehen wir jetzt erst wirklich wie wichtig es ist, sich in den eigenen vier Wänden wohlzufühlen. Dieses Bedürfnis ist aktuell so groß, dass vielerorts Wandfarbe und Fugenkitt bereits ausverkauft sind. Auch der Ansturm auf die wiedereröffneten Baumärkte zeigt: Viele nutzen die Quarantäne-Zeit für Verschönerungen und Renovierungen ihres Zuhauses.

Statussymbol Gesichtsmaske

Doch auch im kleinen Stil wird gewerkelt und gebastelt was das Zeug hält. Weil die Kinder beschäftigt werden wollen, stehen Bügelperlen, Fensterbilder, Batiken, Flechtarbeiten und Pappmaché momentan hoch im Kurs. Die Möglichkeiten sind endlos, der Kreativität keine Grenzen gesetzt und YouTube voller Tutorials.

Dort finden sich auch zunehmend mehr Nähvideos für immer schickere Masken – vom simplen Falt-Modell mit Blümchenprint bis hin zum Fashion-Statement mit Ziernähten und Applikationen. Sind aufwendige Gesichtsmasken nun etwa die neuen Statussymbole? Oder ist es doch das Sauerteigbrot?

Nicht nur in meinem Bekanntenkreis haben Menschen das Brotbacken für sich neu- oder wiederentdeckt – und in Supermärkten von Kalifornien bis Bayern ist bereits das Mehl knapp. Andere entstauben derweil alte Musikinstrumente und Nähmaschinen, kramen Staffelei, Farben und Pinsel hervor, blättern in Omas Kochbüchern oder bepflanzen den Balkon.

Unmittelbare Befriedigung durch Selbermachen

Bei der Handarbeit, dem Do-It-Yourself-Projekt, der Bastelarbeit oder dem Heimwerken entdecken viele von uns ein Gefühl wieder, das wir in unserer modernen Alltags- und Arbeitswelt viel zu selten oder gar nicht mehr gespürt haben: die unmittelbare Befriedigung, mit den eigenen Händen etwas unmittelbar Nützliches geschaffen zu haben. Es ist schon komisch, dass uns offenbar erst etwas weggenommen werden musste, damit wir gezwungen sind, uns etwas anderes zu nehmen: Zeit für Dinge, die uns gut tun.

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