• Der Wechsel zwischen zwei oder mehreren Sprachen – teilweise innerhalb eines Satzes – ist in mehrsprachigen Familien oft Alltag.
  • Hierfür kann es verschiedene Gründe geben, die teilweise einen Einfluss auf die Entwicklung der Sprachen bei Kindern haben können.
  • Bei manchen Kindern führt das dazu, dass sie keine der Sprachen perfekt beherrschen.
  • Eltern müssen sich also entscheiden wie sie mit dem Sprachenwechsel bei ihren Kindern umgehen wollen.

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Ungefähr 18 Prozent aller Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in Familien auf, in denen Deutsch im Alltag nicht die Hauptsprache zur Verständigung ist. Das bedeutet wiederum, dass ca. 18 Prozent aller Kinder mindestens zweisprachig aufwachsen. Sprachenwechsel ist in mehrsprachigen Familien keine Seltenheit. Wenn Mutter oder Vater eine weitere Sprache beherrschen tun ihre Kinder dies häufig ebenfalls – und mehrere Sprachen zu beherrschen ist doch gut, oder? Schließlich wird Mehrsprachigkeit heutzutage sogar gewünscht bzw. im Arbeitsleben häufig auch gefordert.

Wenn eine Person zwischen zwei (oder mehreren) Sprachen wechselt, teilweise innerhalb eines Satzes, nennt man das "Code-Switching". Ein Wechsel zwischen mehreren Sprachen ist sowohl in der Familie als auch im Alltag mehr als natürlich, doch welche Folgen entstehen daraus?

Es gibt verschiedene Gründe für Sprachenwechsel

Ein Sprachenwechsel kann aus den verschiedensten Gründen auftreten. Beispielweise kann es sein, dass jemandem die eine benötigte Vokabel in der einen Sprache in dem Moment nicht einfällt und der Satz durch den Sprachenwechsel somit schneller vollzogen werden kann. Möglich ist auch, dass es einem generell an Vokabular in einer Sprache fehlt. Dieses Phänomen tritt häufig bei Kindern im Kleinkindalter auf, denn Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, lernen nicht doppelt so viele Wörter in der selben Zeit, wie Kinder, die einsprachig aufwachsen. Es kann also sein, dass mehrsprachige Kinder das Wort nur in der einen oder anderen Sprache können und daher wechseln.

Manche Wissenschaftler sind der Ansicht, dass der Sprachenwechsel bewusst stattfindet. Es käme darauf an, wo sich die Sprecher befinden, mit wem sie sprechen und welchen Eindruck sie ihrem Gesprächspartner vermitteln wollen. Sprachenwechsel ist demnach situationsbedingt. Wenn sich eine Situation verändert, kann es nach Claudia Riehl von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München häufig zu einem Sprachenwechsel kommen.

In diesen Momenten kommt es oft zum Sprachenwechsel

Eine mögliche Situationsänderung wäre ein Adressatenwechsel, also eine neue Person, die man anspricht. Im Beispiel erklärt heißt das, ein Kind spricht auf Spanisch mit seiner Mutter, wendet sich im Gespräch dann aber an seinen Freund, der kein Spanisch spricht und wechselt daher ins Deutsche.

Eine andere Situation wäre zum Beispiel ein neues Gesprächsthema: Das Kind spricht Spanisch mit der Mutter, die Mutter fragt, was es heute in der Schule gelernt hat und das Kind wechselt bei der Antwort ins Deutsche, da es in der Schule kein Spanisch spricht und alle Vokabeln und Begriffe auf Deutsch parat hat. Auch gibt es Familien, die in der Öffentlichkeit die eine und Zuhause die andere Sprache sprechen.

Wenn sich die Situation nicht verändert und trotzdem ein Sprachenwechsel stattfindet, nennt man das konversationelles "Code-Switching". Frau Riehl von der LMU erklärt, dass mit dem Sprachenwechsel meist ein kommunikativer Effekt erzielt werden soll. Der Sprachwechsel dient als Kontextualisierungshinweis, das heißt, dass sich ein Wechsel des Gesprächskontextes durch den Sprachenwechsel ankündigt. Das geschieht, wenn der Sprecher einen Teil seiner Aussage markieren möchte (wie ein wörtliches Zitat), eine Bewertung oder eine persönliche Einstellung betonen möchte.

Eine andere Möglichkeit tritt auf, wenn Äußerungen über Sprache in die andere Sprache kontextualisiert werden. Das heißt am Beispiel erklärt: Das Kind fragt seine Mutter "Was heißt ‚Banküberweisung‘ auf Spanisch?" und spricht dabei, bis auf das erfragte Wort, in Spanisch. Der Sprachenwechsel hat also auch eine richtige Funktion.

Sprachenwechsel kann auch Faulheit als Grund haben

Studien ergaben, dass ein entscheidender Faktor für den Sprachwechsel auch Faulheit ist. Der Sprachenwechsel dient als Möglichkeit die nervige Suche nach dem korrekten Wort in der aktuell gesprochenen Sprache zu umgehen. Die Studien ergaben zudem, dass vielen Personen nicht bewusst ist, wenn sie die Sprache wechseln.

Wann ein Sprachenwechsel bewusst oder unbewusst stattfindet ist also unklar. Als den Studienteilnehmern Audios von Gesprächen vorgespielt wurden, reagierten viele überrascht, teilweise sogar erschrocken, wie ausgeprägt ihr Sprachenwechsel ist. Das heißt, Sprachenwechsel findet oft intuitiv und unbeabsichtigt statt. Genau diese Tatsache könnte sich in der Spracherziehung negativ auswirken. Merken es Kinder überhaupt, wenn sie die Sprache wechseln?

Die Folgen von Sprachenwechsel bei Kindern

Man darf nicht denken, dass Kinder, die zwischen Sprachen wechseln, die Grammatik nicht richtig beherrschen würden. Im Gegenteil: Sprachkontaktforscherin Sabine Erhart fand heraus, dass es beim Wechsel zwischen zwei Sprachen ebenfalls eine Art von Grammatik gibt. Das bedeutet, das Erlernen von grammatikalischen Strukturen und Syntax sollte durch Zweisprachigkeit nicht gefährdet sein – die Sprecher sind dazu fähig komplexe grammatische Strukturen zu erkennen und selbst zu bilden.

Es kann jedoch sein, dass manche Kinder nur eine der gesprochenen Sprachen in Wort und Schrift beherrschen. Eltern sollten darauf achten, dass das Kind die Landessprache sowohl in Wort als auch in Schrift beherrscht. Die Landessprache sollte aus Gründen der Bildung Priorität zur Muttersprache haben.

Laut verschiedener Studien leiden Schulnoten nur unter der Mehrsprachigkeit von Kindern, wenn die Kinder die Schulsprache bzw. Landessprache nicht richtig beherrschen. Gefährlich wird es für die Schulnoten und weiteres insofern nur, wenn das Kind anfängt die Sprachen in der Schule oder in schriftlicher Form zu wechseln und zu mischen. Das sollte unbedingt beobachtet und vermieden werden.

Ausgewogenheit ist der Schlüssel zum Erfolg

Wichtig ist nur, dass den Kindern der Unterschied zwischen den Sprachen früh klar wird. Dies gelingt durch viel Sprechen beider Sprachen in verschiedenen Situationen. Ausgewogenheit ist hier das Stichwort. Beispielweise könnte man festlegen: "Beim Hausaufgaben machen sprechen wir Deutsch und beim Spielen Spanisch." Auch könnte man, sofern die Eltern verschiedene Sprachen sprechen, festlegen: "Mit der Mama redest du nur Spanisch und mit dem Papa nur Deutsch."

Eine weitere Folge von dem Wechsel zwischen Sprachen kann Vokabelverlust sein. Zur Veranschaulichung, ein sehr vereinfachtes Beispiel: Das Kind fragt auf Spanisch, ob es den Apfel haben kann, verwendet jedoch anstelle von "la manzana" (span.) das deutsche Wort "Apfel". Wenn das Kind das immer so machen würde, könnte es dazu führen, dass es vergisst was Apfel auf Spanisch heißt. Auf diese Weise entsteht Vokabelverlust.

Studien tun sich schwer hierzu Belege vorzuweisen, da oft nicht klar ist, ob die Person die Sprache gewechselt hat, weil ihr

1. das Wort nur in diesem Moment nicht eingefallen ist,

2. sie fand, dass das Wort in der anderen Sprache besser gepasst hat oder

3. es tatsächlich nicht kennt bzw. dauerhaft vergessen hat.

Ist es klug den Sprachenmix zu verhindern?

Eltern von mehrsprachigen Kindern haben mehrere Optionen wie sie mit dem Sprachenwechsel bei ihren Kindern umgehen wollen. Wichtig ist nur sich für eine der Optionen zu entscheiden und diese dann konsequent in der Spracherziehung durchzuziehen. Betroffene Familien sollten sich überlegen, welche Sprache sie vorwiegend zuhause sprechen wollen. Dann gibt es laut Forschungsergebnissen fünf Möglichkeiten, wie Eltern mit dem Sprachenmix bei ihren Kindern umgehen können, von denen es eine durchzuziehen gilt.

Die fünf Optionen für Eltern bei der Spracherziehung werden nun anhand des bereits verwendeten Beispiels erklärt (das Kind fragt seine Mutter oder seinen Vater auf Spanisch, ob es einen Apfel haben könne, ersetzt jedoch das spanische Wort "la manzana" durch das deutsche "Apfel").

1. Strategie: Dumm stellen

Hierbei würden die Eltern auf Spanisch nachfragen: "Was möchtest du haben? Ich habe dich leider nicht verstanden." Die Eltern geben dem Kind den Apfel nur dann, wenn es alles auf Spanisch sagt bzw. "Apfel" durch "la manzana" ersetzt. Sie stellen sich quasi dumm und tun so als wüssten sie nicht was "Apfel" bedeutet, sodass das Kind gezwungen ist, sich zu überlegen wie die Vokabel übersetzt heißt.

2. Strategie: Nachfragen

Bei dieser Option würden die Eltern auf Spanisch nachfragen, aber selbst die korrekte Vokabel wiedergeben. Das heißt, sie würden auf Spanisch sagen: "Was möchtest du haben? Einen Apfel (bzw. una manzana)?" So wird das Kind auf den Sprachenwechsel hingewiesen und erhält im gleichen Zug die korrekte Vokabel.

3. Strategie: Korrigieren

Die Eltern fragen nicht nach, sondern geben die korrekte Formulierung mit. Im Beispiel sagen die Eltern auf Spanisch "Hier ist dein Apfel." und geben dem Kind gleichzeitig den Apfel. Diese Strategie wird weitestgehend empfohlen.

4. Strategie: Ignorieren

Die Eltern ignorieren den Sprachenwechsel und geben dem Kind einfach nur den Apfel. Es wird nicht weiter auf den Sprachenwechsel eingegangen.

5. Strategie: Mitmachen

Zum Schluss gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass die Eltern selbst Sprachenwechsel betreiben und vielleicht in einem Mix aus Spanisch und Deutsch "Hier hast du deinen manzana." oder ähnliches sagen.

Sprachforscher sind sich leider nicht einig, welche der Strategien die beste sei. Einig sind sie sich jedoch in einem Punkt: Einmal für eine Strategie entschieden, sollte man bei dieser bleiben.

Wenn Eltern also darauf achten, dass die sprachliche Priorität des Kindes in Wort und Schrift auf der Landessprache liegt, hat ein Sprachenmix kaum negative Folgen. Wichtig sei nur sich selbst und seinem Kind bewusst zu machen, ob und wann man Sprachen mixt oder wechselt. Gewisse Folgen wie die Möglichkeit des Vokabelverlustes bleiben natürlich bestehen, jedoch sind diese im Vergleich zu den Vorteilen, die man als bilinguale Person hat, minimal. Kurz um: Besser man spricht zwei oder mehr Sprachen und vergisst hier und da Vokabeln oder kennt einige nicht, anstatt nur eine Sprache zu beherrschen.

Verwendete Quellen:

  • Alt, Christian (2012): Familien türkischer, russlanddeutscher und deutscher Kinder im Vergleich, in: Marianne Krüger-Potratz und Hans H. Reich (Hrsg.), Familien- und Jugendpolitik in der Einwanderungsgesellschaft. Heft 13 der Beiträge der Akademie für Migration und Integration (OBS). Göttingen: V&R unipress. S. 43-52.
  • Asbrock, Doreen (2006): Frühkindliche Zweisprachigkeit.
  • Bielefelder-institut.de: "Frühkindliche Zweisprachigkeit".
  • Deutschlernerblog.de: "Kinder zweisprachig erziehen – bilinguale Erziehung – Tipps für Zweisprachigkeit".
  • Ehrhart, Sabine (2015): Continua of language contact, in: Gerald Stell und Kofi Yakpo (Hrsg.), Code-Switching Between Structural and Sociolinguistic Perspectives. Berlin, München, Boston: De Gruyter. S. 305-316.
  • FON-institut.de: "Zweisprachige Erziehung".
  • Gardner-Chloros, Penelope (2009): Code-Switching. New York: Cambridge University Press.
  • Habben, Imke, Rau, Anna, & Schwippert, Knut (2013): Die Nutzung außerschulischer und schulischer Bildungsangebotein der Sekundarstufe I und deren Einfluss auf die Lesekompetenz: Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt "Sprachentwicklung bilingualer Kinder in longitudinaler Perspektive SPRABILON". Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, 8(4), S. 417-435.
  • Lanza, Elizabeth (1997): Language mixing in infant bilingualism: A sociolinguistic perspective. Oxford, New York: Oxford University Press.
  • Meyerhoff, Miriam (2011): Introducing Sociolinguistics. London: Taylor Francis Group.
  • Riehl, Claudia Maria (2018): Sprachkontaktforschung. Tübingen: Narr Francke Attempto.
  • Riehl, Claudia Maria (2014): Mehrsprachigkeit. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Süddeutsche Zeitung: "Vor allem bei jüngeren Kindern wird zu Hause wenig Deutsch gesprochen".
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