Für Passagiere ist dieser Flug der reine Horror: Baseballgroße Hagelkörner zerstören die Frontscheibe einer Delta-Airlines-Maschine in den USA. Die Piloten können kaum mehr sehen, der Airbus muss notlanden. Kein gravierender Vorfall, sagt Flugunfall-Experte Jan-Arwed Richter. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hamburger Flugunfallbüros JACDEC, wann das Wetter beim Fliegen zur Gefahr wird.

Herr Richter, der Vorfall in den USA ist glimpflich ausgegangen. Was wäre gewesen, wenn die Frontscheibe gebrochen und herausgerissen worden wäre?

Jan-Arwed Richter: Dass Frontscheiben bersten und komplett verloren gehen, ist mir aus den letzten Jahrzehnten nicht bekannt. Die Scheiben sind sehr stabil gebaut und bestehen aus mehreren Schichten, so dass selbst größere Objekte wie Vögel oder große Hagelkörner ihrer Stabilität nichts anhaben können. Die ersten Schichten werden dann zwar zerstört, aber in der kommerziellen Fliegerei werden keine kompletten Scheiben durchschlagen. Anders bei kleinen Privatflugzeugen: Hier sind die Scheiben nicht so dick, weil dort nicht so hohe Geschwindigkeiten geflogen werden.

Grafik: Jährliche Unfallrate pro 1 Million Flüge seit 1958.

Trotzdem ist an der Delta-Airlines-Maschine ein erheblicher Schaden entstanden, so dass die Piloten nahezu blind fliegen mussten.

Heutzutage können Piloten bei Nullsicht landen, was ja auch bei dichtem Nebel der Fall ist. Diese Landungen sind eine Selbstverständlichkeit in der täglichen Fliegerei. Den Piloten steht eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln zur Verfügung, um sicher den richtigen Kurs zum Zielflughafen und auf die Landebahn zu finden.

Dann schätzen Sie den Vorfall in den USA als nicht besonders gravierend ein?

Richtig. Ich werte das zwar als einen Vorfall, der in unserer Datenbank für Flugsicherheit registriert wird. Das Flugzeug hat ja auch erheblichen Schaden erlitten. Solche Fälle mit schwerem Hagelschaden kommen allerdings meiner Erfahrung nach zehn- bis zwanzigmal im Jahr vor. In den wenigsten Fällen kommt es zu solch massiven Beschädigungen. Meistens kommt es zu verbeulten Außenflächen des Flugzeugs, manchmal auch zu einseitigen Beschädigungen der Cockpit-Fenster. Nichts desto Trotz stand einer sicheren Beendigung dieses Fluges nichts im Weg.

Welche Wetterphänomene gelten als kritisch?

Grundsätzlich ist Fliegen sehr, sehr sicher. Im Jahr 2013 gab es weniger als 500 Tote im ganzen Jahr auf der ganzen Welt.

Grafik: Faktoren und Merkmale von Flugunfällen.

Wir hatten allerdings in den letzten Jahren verstärkt Wetterphänomene besonders in Gewitterlagen, die ein spezielles Training der Piloten erfordern. Die Piloten müssen konzentriert und gut ausgebildet sein, um dann beispielsweise einen Strömungsabriss während des Reisefluges zu verhindern.

Innerhalb der Gewitterzonen kann es zu Turbulenzen und starken Fallwinden kommen. Das zu erkennen, ist heutzutage selbstverständlicher Bestandteil jeder Pilotenausbildung. Allerdings sind Piloten auch nur Menschen. Ende letzten Jahres ist in Indonesien ein Airbus in einem Gewitter abgestürzt, einige Monate zuvor gab es einen ähnlichen Vorfall in Afrika. Ich will das Problem nicht kleinreden, aber man sollte es auch nicht überdramatisieren.

Passen Piloten die Flugrouten dem Wetter an oder nimmt man Turbulenzen in Kauf?

Der Flieger ist zwar für alle Lagen gerüstet. Dennoch geht man kein unnötiges Risiko ein. Safety first, heißt es ja bei der Fliegerei. Jeder Kommandant eines Flugzeugs ist angehalten, den Weg des geringsten Risikos zu einzuschlagen - auch wenn er weiß, dass er durch die Wetterlage sicher durchkommen würde. Meistens weiß man schon vorher von Schlechtwetterzonen und macht um diese einen großen Bogen. Dabei nimmt man auch in Kauf, dass mehr Treibstoff eingeplant werden muss. Es geht auch um den Komfort für die Passagiere, denen man einen unruhigen Flug ersparen möchte.

Viele Passagiere reagieren empfindlich auf Turbulenzen. Muss man Angst haben, wenn es ruckelt?

Grundsätzlich braucht keiner, der in ein Flugzeug einsteigt, Angst zu haben. Der kommerzielle Flugverkehr ist so sicher geworden, dass selbst Extremwetterlagen vom System aufgefangen werden und nahezu alle Flüge sicher abgewickelt werden können. Bei Menschen, die unter Flugangst leiden oder generell Zweifel an der Sicherheit des Fliegens haben, werden Ängste natürlich verstärkt, wenn Dinge auftreten, die sie nicht einordnen können: Geräusche während des Fluges, die man nicht zuordnen kann, Bewegungen, die von der Crew nicht angesagt wurden, oder bestimmte Turbulenzen. Das ändert aber nichts daran, dass das System Luftfahrt sehr ausgereift und sehr, sehr sicher ist.

Jan-Arwed Richter ist Geschäftsführer des Hamburger Flugunfallbüros JACDEC. JACDEC sammelt und analysiert alle Vorfälle, die in Zusammenhang mit Flugsicherheit im kommerziellen Flugverkehr stehen.